BIENNALE IM WHITNEY MUSEUM

Den Granit verraten

Bridge & Tunnel

OPHELIA ABELER

Sieh es heute im Whitney – oder morgen überall sonst.“ So steht es auf den Plakaten, mit denen das Whitney Museum Werbung für seine 77. Biennale macht. Nächstes Jahr zieht das Museum aus dem herrlichen, granitverkleideten Marcel-Breuer-Bau, der auf dem richtig guten Teil der Madison Avenue liegt, nach Downtown in eines dieser Glas-Stahl-Dinger von Renzo Piano.

Es geht also um mehr als eine dieser vielen Biennalen. Es geht um die letzte in einem wirklich mutigen Bau, über den Breuer gesagt hat: „Fenster haben in diesem Gebäude ihre Existenzberechtigung verloren. Es bleiben nur ein paar, um den Kontakt zur Außenwelt zu halten.“ Ein Jammer, dass die drei Kuratoren der Whitney Biennale sich weder an ihren eigenen Claim halten noch etwas mit den Worten des Architekten anzufangen wissen. Die Ankündigung, der amerikanischen Gegenwartskunst den Puls zu fühlen, erweist sich leider als gelogen: Erstaunlich viele Künstler der Ausstellung sind tot, die meisten über 50, viele der Werke sind Jahrzehnte alt. Wenn eine politische Arbeit dabei ist, dann erfordert sie das Studium elend langer Wandtexte – genauso wie die exzessiv-archivarischen Arbeiten, die gerade so in Mode sind. Lieber würde man da die Originalquellen studieren.

Es gibt viele hübsche Dinge zu sehen, bunte Leinwände, schlichte Vasen, aber dafür kann man auch zu einer Filiale von „Design within Reach“ gehen. Drei Kuratoren auf drei Etagen haben es geschafft, als einziges gemeinsames Konzept die hermetische Abriegelung vom Weltgeschehen zu inszenieren. Das bedeutet den Ausschluss einigermaßen politisch relevanter Künstler, und davon leben ja einige direkt um die Ecke, Trevor Paglen zum Beispiel oder William Powhida, der aggressiv den Kunstmarkt angeht.

Mitte der Neunziger war auf der Whitney Biennale eine Arbeit der „Guerilla Girls“ mit dem Titel „Whitey Museum“ zu sehen: Es ging unter anderem um den Anteil von schwarzen Künstlern bei der Ausstellung, deren Teil sie waren. Die Statistik 2014 sieht noch trüber aus. 9 von 103 sind es in diesem Jahr. Die Kuratoren werben mit Vielfalt.

Es gab sie, die Ausstellung, die gezeigt hat, was gerade „state of the art“ ist: die ICP-Triennale letztes Jahr, sie hieß „Eine andere Art von Ordnung“. Ein paar der interessantesten Arbeiten kamen von Künstlern aus Amerika. Eben von Trevor Paglen zum Beispiel, der mit seinen Fotos von Drohnen und Überwachungsanlagen die Bilder zu all dem liefert, was einen im Moment bewegt. Auch die Collagen von Wangechi Mutu wurden gezeigt, einer Kenianerin, die schon lange in New York lebt und etwas über den Rassismus von Körperbildern mitzuteilen hat.

Wenn die Whitney Biennale es fertiggebracht hat, eine bemerkenswert ignorante Weltsicht zu formulieren, ist das, wenn man so will, das Amerikanischste an der Ausstellung. Einziger Trost sind die „Relationship Series“ von Zackary Drucker und Rhys Ernst. Die beiden sind ein Paar, das als Mann und Frau begann und durch Geschlechtsumwandlung zu Frau und Mann wurde. Mit intimen Fotografien voneinander begleiten sie ihren Wandel. In ihren Blicken wohnt mehr Begeisterung und Schmerz als im gesamten Rest der Ausstellung.

Danach könnte man das Haus auch abschließen und den Schlüssel wegwerfen. Das einzige große Fenster zur Madison Avenue, das Auge des Museums zur Welt, hat Zoe Leonard ja sowieso schon bis auf eine kleine Linse verschlossen. Sie gibt vor, die Welt von draußen reinzuholen. Was man sieht, bleibt die Fassade von gegenüber, die man schon immer durch das Fenster gesehen hat, nur eben als Negativ und auf dem Kopf.

Ich will der Camera obscura gar nicht absprechen, große Wirkung zu haben, man wundert sich schließlich immer wieder, wie so ein großes Bild durch so ein kleines Loch passt. Aber hätten sie das Vera Lutter machen lassen, die das schon immer macht, hätte es danach wenigstens einen Abzug davon gegeben, den man als Memento mori für eine verschenkte Gelegenheit gleich in das neue Whitney Museum von Renzo Piano hätte hängen können.

■ Ophelia Abeler ist Kulturkorrespondentin der taz in New York