Sind Schamhaare bei Frauen wieder sexy?
JA

WACHSTUM Bislang gilt das Diktat der Rasur. Nun werben Schauspielerinnen und Popstars wie Madonna für freien Wuchs unter den Achseln und im Intimbereich

Rainer Langhans, 73, früherer Bewohner der Kommune I, ist Autor und Filmemacher

Rolf Eden, 84, ist Unternehmer und wird oft als letzter deutscher Playboy bezeichnet

Ich finde es schrecklich, wenn eine Frau da unten einen Bart hat. Das ist einfach unsexy, wenn man sie dann dort küsst und leckt. Außerdem ist es unhygienisch, dadurch können schließlich auch alle möglichen Krankheiten übertragen werden. Und Achselhaare braucht eine Frau sicherlich nicht, Männer dürfen das aber haben. Deshalb liebe Frauen: Bitte rasiert euch da unten.

Dolly Buster, 44, war früher Pornostar. Heute ist sie Künstlerin und Geschäftsfrau

Während meiner aktiven Zeit als Erotikdarstellerin war unten rum blitzblank modische Pflicht. Das Publikum wollte alles ungefiltert und nicht durch haarige Vorhänge sehen. Rein privat war die „Nacktschnecke“ nie meine Präferenz. Unten mit sieht erwachsener, wenn man so will: fraulicher aus, und die Männer mögen es mittlerweile eher wieder natürlich. Das Stichwort Hygiene ist bei entsprechender Körperpflege kein Gegenargument. Außerdem kann sich das Kind in der Frau ab und an austoben: abwechselnd mal der berühmte „Bär“, ein umgekehrtes Dreieck oder ein scharf geschnittener Rallyestreifen können doch Laune machen. Es muss ja nicht gleich Urwald sein, und die Bikinizone halte ich natürlich ein. Also: ein klares JA für den zentralen Intimbereich! Und ansonsten? Meine Beine mag ich lieber rasiert, und wenn ich entspannt die Arme hinterm Kopf verschränke, möchte ich mein Gegenüber optisch ebenfalls nicht durch haarige Gefilde führen.

Werner Mang, 64, ist der bekannteste deutsche Schönheitschirurg

Der Zeitgeist diktiert und suggeriert: Schamhaare bei Frauen sind nicht sexy. Sie werden als unhygienisch, eklig und als absolutes No-Go empfunden. Achselhaare wie bei Madonna – geht gar nicht! Bei jüngeren Frauen empfinde ich es als sehr ästhetisch, wenn sie keine Behaarung haben, da im Normalfall die Haut und die Schamlippen sehr straff sind. In meiner Sprechstunde erlebe ich es immer öfter, dass Frauen im fortgeschrittenen Alter diese „Nacktheit“ behalten möchten und deshalb eine Schamlippenkorrektur wünschen oder auch eine Absaugung des Venushügels. Diese Operation könnte man natürlich mit einer Schambehaarung umgehen, aber die meisten wollen das nicht.

Ina Raterink, 27, ist taz-Leserin und hat den sonntaz-Streit per Mail kommentiert

Heutzutage überschreitet der Schönheitswahn jede nur denkbare Grenze. Sixpacks werden eingepflanzt, Hintern geliftet, aufgespritzt, unterspritzt, zugespitzt. Frauen müssen jung und schön sein. Ich versuche immer wieder so zu tun, als würde ich über dem Wahnsinn stehen und als sei ich mir darüber im Klaren, dass das alles nur künstlicher Medienhype ist. Das tue ich zwar, aber ich beobachte mich trotzdem immer häufiger beim heimlichen Beklagen meiner Alterserscheinungen, meiner Makel und meiner Unvollständigkeit. Körperhaare sind mir zwar eigentlich egal, aber seit 20 Jahren wird mir täglich eingetrichtert, dass Haare an Frauen nicht ästhetisch seien, und deshalb habe ich dieses Schönheitsideal sehr fest in meinem Kopf verankert. Die Rebellion gegen die Haarlosigkeit würde bei mir schlichtweg nicht vollständig funktionieren, denn ich gehöre zu einer Generation, die ihre Haltlosigkeit mit Uniformität unter dem Deckmantel geheuchelter Individualität einzufangen versucht. Das ist auch der wahre Grund, warum ich mich in der Öffentlichkeit nur rasiert zeige.

Sexuell aktive Erwachsene haben Haare. Aber heute will die keiner mehr haben und stattdessen lieber aussehen wie ein Kleinkind. Und damit asexuell wirken, denn Kinder haben angeblich keine Sexualität. Wir scheinen uns, vor allem die sogenannte Netzgeneration, weg von der körperlichen hin zu einer virtuellen Sexualität zu bewegen. Beispiele: Kindesmissbrauchsdebatten von den Grünen bis zu Edathy, Verlust der Privatsphäre, „Aufschrei“ auf Twitter, Mehrgeschlechtlichkeitsdebatten usw. Für mich ist es in diesem Feld wie auch in anderen ein Zeichen, dass das Private immer politischer wird. Dadurch, dass es in der neuen Sphäre des Netzes transparent wird. Datenschutz des Privaten ist damit over. Der Zwang zur Enthaarung ist ein Beispiel davon. Und wo die Privatsphäre verschwindet, tut es auch der Sex. Mit dieser Entwicklung gibt es bald gar keinen Sex mehr.

Claudia Richarz, 58, ist Dokumentarfilmerin. Bei der Berlinale lief ihr Film „Vulva 3.0“

Vor ein paar Wochen begegnete mir ein älteres Nacktfoto von mir. Besonders das dunkle Dreieck fiel mir auf. Es sah irgendwie aufregend und verheißungsvoll aus. Ich fand es schön. Haare überhaupt können sehr sexy sein. Egal wo. Natürlich kann man sie gestalten: wie auf dem Kopf, so auch auf dem Venushügel. Und als Rheinländerin gilt für mich immer: Jeder Jeck ist anders.

Nina Degele, 50, ist Professorin für Soziologie und Geschlechterforschung

Da sag noch mal jemand, es gäbe universelle Maßstäbe für Schönheit. In den 70ern war es eine auf Krawall gebürstete Patti Smith, die mit unrasierten Achseln auf ihrem Plattencover Affekte gegen unbehandelte Körperlichkeit provozierte – in den ohnehin als prüde geltenden USA. Heute und hier winden sich vor allem Youngster bei einem solchen Anblick vor Ekel. Das ist die neue Norm: Wer Sexyness nur noch mit klinisch glatten Körpern in Verbindung bringen kann, die ihren Ausgang in Pornos nehmen, propagiert ein Frauenbild, das Frauen zu Mädchen macht: haarlos, sauber, kindlich. Und wer solche Verkindlichungen bei Frauen – Männer tragen weiterhin ihre 3- bis 5-Tage-Bärte – auch noch schön und sexy findet, weil es ja viel hygienischer ist, hat massenmediale Bilder von aufgeräumten und willigen Frauen erfolgreich verinnerlicht.

Die sonntaz-Frage wird vorab online gestellt.

Immer ab Dienstagmittag. Wir wählen eine interessante Antwort aus und drucken sie dann in der sonntaz. www.taz.de/streitoderwww.facebook.com/taz.kommune

Friedhelm Maria Leistner, 49, ist Maler, unter anderem von Aktbildern

Jajaja! Sie sind sexy und ein Indiz dafür, dass man nun erwachsen ist. Es ist die eindeutige Trennlinie, die zeigt, dass ab jetzt Sex Spaß macht und auch noch erlaubt ist. In den 90ern gaben Privatsender einer Handvoll Sexsüchtiger das Podium, den Sex der ganzen Republik im Sturm zu verändern. Seither blicken verstörte Teenager im Spiegel auf Unerklärliches. Es ist höchst problematisch, eine ganze Generation sexuell auf unbehaarte Geschlechtsteile zu prägen. Dem „Dein Bart für Deutschland“-Aufruf eines Trimmgeräteherstellers folgend, wuchert es stattdessen seit Mai 2012 beim „starken Geschlecht“ üppig bis hinauf zur Nase. Schamhaare und Brüste sind für Männer wie Laserpointer für Katzen und Hunde. Fällt nun dieses eine Reifezeugnis weg, wer will noch Kinskis „Erdbeermund“ verstehen? Liebe Klassefrauen, traut euch, endlich wieder erwachsen zu werden, lasst die Mädchenzeit selbstbewusst hinter euch und schickt stattdessen eure Freunde zum Enthaaren, wenn sie so drauf stehen! LET IT GROW!