• 02.07.2009

Betroffene des Kölner Archiveinsturzes

Das Geisterhaus

Vor vier Monaten stürzte in Köln das Stadtarchiv ein. 2 Menschen starben, 36 verloren ihre Wohnungen, viele davon, fast alles was sie besaßen. Eine Geschichte vom Ende und vom Neuanfang.von JUDITH LUIG

Der Tisch in Robert Wiezoreks Küche fällt sofort auf. Hell und massiv steht er da, mittendrin in dem eher leeren Raum. In der Ecke stapelt sich das Geschirr auf dem Boden, an der Wand stehen ein paar leere Kartons - alles wirkt noch ein bisschen unentschlossen. Aber der Kirschholztisch scheint sich schon mal zu behaupten. "Ist der neu?" Robert Wiezorek lacht: "Also, die Frage kannst Du Dir sparen."

Als Robert Wiezorek am 3. März gegen vier Uhr in Köln aus dem Zug stieg war klar, dass etwas passiert sein musste. Er hatte das Handy anderthalb Stunden abgeschaltet, als er es wieder anmachte zeigte das Display 16 neue Nachrichten und 18 verpasste Anrufe an. Der 19. kam prompt: Seine Mutter, die ihm sagte, dass das Historische Stadtarchiv eingestürzt war. In der Severinstraße 222 bis 228. Robert wohnte in der Nummer 232. In den Nachrichten hatten sie Trümmer, Betonquader und halbierte Wohnungen gezeigt. Neun Menschen wurden noch vermisst. Durch die Medien geisterten die Vergleiche: Erdbeben, Irak und 11. September.

Heute wohnt Robert Wiezorek im Filzengraben, dreihundert Meter Luftlinie von dem riesigen Krater entfernt, wo vier Monate nach dem Unglück immer noch Helfer Schätze des Archivs bergen. Die Wunde der Stadt ist offen. Als letzte Woche ein Stück der Nord-Süd-Fahrt ganz in der Nähe absackte, breitet sich sofort machte Panik aus: Wieder die U-Bahn? Doch die Schlaflosigkeit der ersten Wochen hat Robert Wiezorek überstanden. Der 32-jährige Filmemacher hat auch wieder angefangen zu arbeiten. "Daran war am Anfang überhaupt nicht zu denken." Heute ist Ruhe eingekehrt. Fast zu viel. "Es gibt Tage, da bin ich wie gelähmt."

An dem Unglückstag ging Robert zu Fuß nachhause. Die Busse fuhren nicht mehr, das Gelände war großflächig abgesperrt. Auf einer Länge von 70 Metern Schutt und Geröll suchten Hundestaffeln nach Verschütteten. Vor seinem Haus fand er im Gewühl von Feuerwehr, Sicherheitskräften und DRK-Helfern die Nachbarn und Freunde aus dem Haus 232 wieder, die ihm erzählten, was passiert war: von dem leisen Knirschen, dann dem tiefen Grollen, von Risse in den Wänden. "Ich habe meine Kippen geschnappt, mein Handy, und bin auf die Straße", erzählt einer. Draußen stürzten Tonnen von Beton ab. Dann die gigantische Staubwolke - wie eine Lawine. In das wie durch ein Wunder stehen gebliebene Haus am Abgrund durfte niemand mehr zurück.

"Ein Moment zwischen Ohnmacht und Hoffnung", so beschreibt es Robert Wiezorek "Es war alles da oben völlig intakt und doch unerreichbar." Der Einsturz hat Köln an der schlimmsten Stelle getroffen - mitten in Lebensader der Stadt. Die Severinstraße ist Ur-Veedel, hier ist Köln am kölschsten. Deswegen ist auch die Aufmerksamkiet so groß. Die Aktion "Kölner lassen keinen alleine" gedachte mit Lichterkette und Schweigemarsch der Opfer. Die Stadt richtete unter dem Stichwort "Severin" ein Spendenkonto ein, auf dem sich in kürzester Zeit hohe Summen ansammelten. 36 Haushalte haben inzwischen, so wie Robert, eine neue Wohnung gefunden. Bei 8 hat es noch nicht geklappt - viele Menschen sind einfach noch nicht in der Verfassung, sich ein neues Zuhause aufzubauen.

Am Abend des 3. März saß Robert Wiezorek in einem Notzelt des Deutschen Roten Kreuzes. Nachhause konnte er nicht, woandershin wollte er nicht. Von den 250 Euro Notgeld, die sie bekommen hatten, hatte er sich ein paar Unterhosen gekauft, aber wer will schon shoppen gehen, wenn er gerade von eingestürzten Häusern kommt, unter denen Menschen begraben liegen. Gegen elf zupfte er einen Feuerwehrmann an der Jacke und überredete ihn, ihn wenigstens soweit an die Einsturzstelle ran zu bringen, dass er seine Wohnung sehen konnte. Vielleicht, weil alle Türen offengeblieben waren und überall Menschen rum liefen, vielleicht auch nur, um sich zu vergewissern, dass das Haus, in dem er seit sieben Jahren lebte, noch stand. Schließlich war alles, was er besaß in der Wohnung. All die Filme, die er je gemacht hatte. Das Haus stand da wie ein Gespenst. In dieser Nacht zog Robert erstmal zu einer Freundin.

Robert Wiezorek arbeitet als freierProduzent, Autor und Regisseur, Film-Manufaktur nennt er seinen Job, meistens sind es wisschenschaftliche Themen. Sein momentanes Projekt ist ein bisschen vom eigenen Interesse gelenkt. Amsterdam baut gerade an der U-Bahn, Barcelona tut es auch. "Ich würde gerne einen Film darüber machen, welche Lehren die Ingenieure aus Köln ziehen", sagt Robert Wiezorek. Und seine persönliche Lehre? "Demut, würde ich sagen. Man bekommt ein ganz neues Verhältnis zu den Dingen."

Am Morgen des 4. März rief ein Beauftragter der Versicherung der Kölner Verkehrsbetriebe an. "Wieviel ist ihr Besitz, der in Ihrer Wohnung ist, wert?", fragte er. "Wieso?", meinte Robert. Er wollte darüber nicht nachdenken. Schließlich stand die Wohnung ja - noch. Er selber konnte das bezeugen, denn in den ersten Tagen bewegte er sich kaum von der Unglücksstelle weg. Er hätte nach Münster fahren können, zu seiner Familie, aber er wollte lieber da bleiben. Es war ein bisschen so, wie es ihm seine Großmutter vom Krieg erzählt hat: Ständig lief er zwischen schwarzen Brett und den verschiedenen Stellen wie THW, Feuerwehr und Erstversorgungsstelle hin und her, um neue Informationen zu bekommen. Gibt es Hilfe bei der Suche nach einer neuen Wohnung, werden noch Dinge aus den Häusern geholt, wer ist mein Ansprechpartner von der Erstversorgungsstelle? Wer was Neues rauskriegte, benachrichtigte die Anderen.

"Die Unglücksstelle war wie ein Magnet", sagt Robert Wiezorek. Das Schlimmste sei die Unsicherheit darüber gewesen, was passieren würde. Dieses ständige Hin und Her, einmal sagte man ihm, man könne all seine Sache aus der Wohnung retten, dann sagte man ihm wieder, das Haus müsse abgerissen werden, ohne, dass er noch irgendetwas rausholen könne. "Es ging darum, Platz für die Rettung der beiden Verschütteten zu machen", erklärt Robert Wiezorek. "Das habe ich sofort eingesehen: Leben ist viel wichtiger als Besitz."

Am 5. März rief mitten in der Nacht der Einsatzleiter der Feuerwehr an. Robert solle eine Liste machen von Sachen, die man aus der Wohnung rausholen würde. "Zwei bis drei Einkaufswagen voll." In 30 Minuten solle er da sein - mit der Liste und einem Plan der Wohnung, wo die Sachen sich befänden. Robert schreibt seine Filme auf, und Kisten mit Briefen, und ein Schräncken von seiner Urgroßmutter. Die neun Leute, die in der Severinsstraße 232 gewohnt hatten, versammelten sich vor der Absperrung und beobachteten, wie ein Feuerwehrmann über die Drehleiter in ihre Fenster einstieg. Der Mann ging sogar wieder rein, als Robert einfiel, dass neben seinem Bett eine Uhr lag, die ihm sein Vater geschenkt hatte. Ach, und daneben läge noch ein Stoffhund?

"An dem Abend war die Stimmung zwar angespannt, aber irgendwie waren alle auch erleichtert, dass es jetzt Klarheit gab", erinnert sich Robert Wiezorek. Der große persönliche Einsatz der Feuerwehr und überhaupt der ganze Zusammenhalt der Stadt hat ihm sehr großen Eindruck gemacht. Seine Wohnung ist jetzt Bodensatz. Aber Robert will sich davon nicht einschüchtern lassen, "Ich habe letztens den schönen Spruch gehört,Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weiterreichen des Feuers'."

Am 6. März wurde das Haus eingerissen. Robert durfte aus Sicherheitsgründen nicht dabei sein, aber er fand auf den Seiten der Stadt Pressefotos, auf denen gerade ein Bagger in sein Schlafzimmer beißt. Das Haus machte Platz für die Bergung: In der Nacht vom 7. auf den 8. März wurde die Leiche des 17-jährigen gefunden, fünf Tage später bargen sie auch den zweiten Vermissten tot, einen 24-jährigen. Und vielleicht gibt es sogar noch ein drittes Todesopfer des Einsturzes: Die 84-jährige Nachbarin von Robert beging drei Wochen nach dem Einsturz Selbstmord in ihrem Hotelzimmer.

Robert Wiezorek besinnt sich jetzt erstmal auf sich selbst. Er würde gerne einen Film über Dinge und die Beziehung der Menschen zu ihnen machen. Über Dinge hat er in letzter Zeit ziemlich viel nachdenken müssen - schließlich musste er für die Versicherung seinen ganzen verlorenen Besitz auflisten und schätzen. In der Archiv-Fundstelle hat Robert vor ein paar Tagen eine eingestaubte CD und ein total ramponiertes Buch über Hitchcock gefunden. Auf einem der Pressefotos sah er letztens einen Helfer, der ein geborgenes Buch in die Kamera hielt. "Das war meines", sagt Robert Wiezorek. "Das möchte ich wiederhaben." Einer seiner geretteten Kartons verschwand im allgemeinen Räumungschaos am Abend der Bergung. Drinnen sind Festplatten mit Filmmaterial, Briefe von seinem Opa und Briefe von Freundinnen. Aber außen sah er genau so aus wie die, in denen die Materialien des Archivs gepackt werden. Robert hat jetzt Flyer verteilt, sollten man seinen Karton finden. Solange bleibt er Teil der Archivmasse. "Mein unfreiwilliger Vorlass zu Lebenszeiten", sagt Robert Wiezorek. In Köln will er auf jeden Fall wohnen bleiben, auch wenn er als Freiberufler überall leben könnte. Er fühlt sich hier zuhause "Jetzt erst recht. Jetzt bin ich ja sogar ein Teil der Geschichte dieser Stadt."

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