„Modell für ein zukunftsfähiges Berlin“

SÜDLICHE FRIEDRICHSTADT Florian Schmidt vom „Projektbüro Kreativquartier“ im Interview über die Planungen für die Flächen am ehemaligen Blumengroßmarkt: Neben hochkulturellen Angeboten sollen auch die Bedürfnisse der Anwohner berücksichtigt werden

INTERVIEW OLE SCHULZ

■ Der Stadtsoziologe leitet das aus EU- und Landesmitteln finanzierte „Projektbüro Kreativquartier Südliche Friedrichstadt“.

taz: Herr Schmidt, die Entwicklung des Kunst- und Kreativquartiers in der „Südlichen Friedrichstadt“ in Kreuzberg nimmt konkretere Formen an, nachdem Wirtschaftsstaatssekretär Jens-Peter Heuer (Linke) vom Plan eines Höchstgebotsverfahrens für die Flächen abgerückt ist …

Florian Schmidt:

Ja, es geht voran, ich staune selber darüber. Der aktuelle Stand ist, dass es ein Konzeptverfahren geben wird. Das bedeutet, dass die Nutzungskonzepte die entscheidende Rolle bei der Vergabe spielen werden. Im Moment wird noch debattiert, ob ein Mindestpreisverfahren oder ein Festpreisverfahren für den Verkauf gewählt werden soll. Spekulative Investments dürfen auf keinen Fall zum Zuge kommen.

Was genau soll denn das Kreativquartier eigentlich sein?

Wichtig ist uns eine behutsame Entwicklung des Quartiers, bei der die bestehenden Strukturen berücksichtigt werden. Es soll hochkulturelle Angebote geben wie auch solche für die häufig sozial benachteiligten Anwohner. Dazwischen liegt eine Vielfalt innovativer Konzepte im Bereich Wohnen, Arbeiten und Bildung. Das Projekt liegt an der Friedrichstraße und einem IBA-Quartier der 80er Jahre, also einer sehr bedeutsamen Schnittstelle in Berlin. Aktuell führen wir Machbarkeitsanalysen durch und bereiten einen Auftaktworkshop vor, bei dem wir die von uns erarbeiteten Nutzungsprofile und einen Planungsrahmen zur Diskussion stellen werden.

Die Gegend zwischen Checkpoint Charlie und Mehringplatz ist heute eine wilde Mischung. Auf der einen Seite das Zeitungs- und Galerienquartier nahe der Friedrichstraße, auf der anderen die Sozialbauten am Mehringplatz. Welchen Nutzen sollen gerade die sozial schwachen und größtenteils migrantischen Bewohner vom Kreativquartier haben?

Es müssen auf jeden Fall auch kulturelle Formate berücksichtigt werden, welche die vielen Anwohner mit Migrationshintergrund ansprechen. Wir stehen in Kontakt mit dem Quartiersmanagement am Mehringplatz und die sagen, es wäre toll, wenn es einen Ort für Jugendliche gäbe, den sie selber verwalten könnten. Gemeinsam mit Kitas und sozialen Einrichtungen werden wir Ideen für die Gestaltung des öffentlichen Raumes entwickeln. Wir wollen Räume schaffen, die von vielen genutzt werden können. Das benachbarte „Forum Berufsbildung“, einer der größten Bildungsträger der Stadt, will zudem ein Bildungszentrum für die Kreativwirtschaft errichten – auch mit Angeboten für Arbeitslose. Zugleich sind Wohnkonzepte für kreative Freiberufler oder ältere Künstler im Gespräch.

Zwischen Friedrichstraße und Lindenstraße liegt ein Areal, das einer städtebaulichen Neugestaltung offensteht, nachdem der Blumengroßmarkt das „Südliche Friedrichstadt“ genannte Quartier verlassen hat. Dazu gehören allein circa 18.000 qm Bauflächen, die sich weitestgehend im Eigentum des Landes Berlin befinden. Da sich in der Umgebung ohnehin Kulturinstitutionen und Kreativunternehmen konzentrieren, entwickelte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Idee eines „Kunst- und Kreativquartiers“ (KukQ). Zu den Herausforderungen gehört dabei vor allem, die disparaten Teilbereiche des Quartiers und deren heterogene Bewohner- und Gewerbestruktur zu integrieren.

Besteht aber nicht die Gefahr, dass durch ein solches Kreativquartier die alteingesessenen Bewohner verdrängt werden?

Bei der Frage einer möglichen Verdrängung ist eines zu bedenken: Das Quartier ist heute durch eine scharfe soziale Segregation gekennzeichnet, die in den letzten Jahren sogar zugenommen hat – obwohl wir mitten in der Stadt sind und das Gebiet eigentlich schon längst „gentrifiziert“ sein müsste. Doch an den Schulen im Quartier sind bis zu 90 Prozent Kinder, deren Eltern staatliche Transferleitungen beziehen. Das ist eine soziale Endogamie, die für kein Kind gut ist. Auch in diesem Sinne ist eine soziale Mischung wünschenswert.

Warum hat hier eine solche Aufwertung bisher nicht stattgefunden?

Es gibt wenig attraktiven Altbaubestand und eine Verdichtung des sozialen Wohnungsbaus, der ein Drittel des Bestandes umfasst. Diese Wohnungen sind wegen hoher Betriebskosten aber gar nicht billig, weshalb dort viele kinderreiche Familien leben, die in der Summe hohe ALG-II-Sätze beziehen. Die Wohnungsbaugesellschaften würden diese Wohnungen gerne auch an Normalverdiener vermieten, diese ziehen aber zunehmend weg. Der übliche Gentrifizierungs-Zyklus funktioniert hier deshalb nicht. Wenn eine ausreichende soziale Mischung erreicht ist, kann, aufgrund des hohen Anteils an öffentlichen Wohnungen, die Mietentwicklung sogar gesteuert werden. Somit könnte das ganze Quartier zum Modell für ein zukunftsfähiges Berlin werden: bezahlbare Mieten in der Innenstadt.