Der letzte weiße Fleck auf der Welt

Wie es euch gefällt oder: Ein Autor bastelt den Deutschen einen Roman – Christoph Ransmayr „Der fliegende Berg“

Man kann Christoph Ransmayrs neuen Roman „Der fliegende Berg“ als schön bezeichnen. Die Gründe, das zu tun, braucht niemand ausführlich erklärt zu bekommen. Das deutsche Publikum hat seinerzeit viel Gefallen an Heinrich Bölls „Irischem Tagebuch“ gefunden, und es liebt irisches Erzählen von Frank O’Connor bis Frank McCourt. Nun, Ransmayrs Roman erzählt die Geschichte zweier irischer Brüder mit einem typisch irischen Vater und einer weniger typischen Mutter, die dann aber auch ihre Familie verlässt und mit ihrem Liebhaber nach Belfast abhaut.

Leser, sagen wir einmal: von Brian Moore werden kaum etwas vermissen. Das deutsche Publikum liebt ebenso die entfernteren Weltgegenden, die Sven Hedin und Fritz Mühlenweg („Großer Tiger, Kompass, Berg“) beschrieben haben. Helmut Kohls Sehnsucht nach Tibet war so stark, dass er, ganz gegen seine politischen Überzeugungen, der kommunistischen Führung in Peking so lange um den Bart ging, bis ihm ein Tibet-Besuch erlaubt wurde – ein Besuch in dem von China völkerrechtswidrig besetzten und seither unterdrückten Tibet. Diplomatisch ein Unding, aber Kohl wollte Tibet sehen. Ransmayrs Leser können das jetzt auch, einschließlich der Untaten der Besatzer. Die irischen Brüder reisen ins Himalaja-Gebiet.

Das deutsche Publikum hegt seit langem eine tief empfundene Bewunderung für den Bergsteiger Reinhold Messner und seine Rekorde als Extremsportler. Dass Messner seinen Bruder bei einer Bergtour unter dem Dach der Welt verlor, verstärkte nur die Aura des Unbegreiflichen, die ihn umgibt. Ransmayr berichtet nun, wie es dabei zugegangen sein mag. Der jüngere der beiden irischen Brüder, der Erzähler des Ganzen, verliert den älteren bei der Besteigung des Phur-Ri, des Berges, den sie als den letzten unbestiegenen im Himalaja-Massiv ausfindig gemacht haben, der letzte weiße Fleck also auf dem Globus.

Sollte diese Geschichte verfilmt werden, von Wim Wenders oder Werner Herzog, fehlte für den internationalen Erfolg nur noch eine Liebesgeschichte. Ransmayr, der nichts dem Zufall überlässt, hat sie gleich selbst geliefert. Der jüngere Bruder lernt Nyema kennen und lieben, eine alleinerziehende Mutter – sofern man das in einem Nomaden-Clan sein kann. Den Vater ihres Kindes haben chinesische Soldaten erschossen, ihr selbst hat einer beim Verhör das Nasenbein gebrochen. Gut für sie wenigstens, dass sie sich in den überlebenden der irischen Brüder verliebt hatte und nicht in den, der oben im Eis blieb. So kann alles gut werden.

Was das deutsche Publikum einmal sehr geliebt hat, vor hundert Jahren etwa, sind Versepen. „Dreizehnlinden“ von Weber und „Der Trompeter von Säckingen“ von Scheffel erreichten Auflagen, von denen Walser und Handke nur träumen können. Wer nun beim Buch von Ransmayr die Cellophanhülle zerreißt und die 350 Seiten aufschlägt, glaubt sich zunächst mit einer Unzahl von Strophen uneinheitlichen Umfangs und unterschiedlicher Zeilenlänge konfrontiert.

Ein Versepos, ein Roman in Gedichtform? Nein, sagt der Autor in einer dem Werk vorangestellten „Notiz am Rand“. Es war nur so: Wo „die meisten Dichter“ nur mehr Texte in Flattersatz und in Strophen gegliedert schreiben, wollte er diesen Dichtern den Flattersatz wieder entwinden und darin seine Prosa erscheinen lassen. Ein hübscher Einfall. Ordinär wie andere Romane auch gesetzt wäre das Buch vielleicht 200 Seiten stark.

Zu kritisieren ist an dem Roman nichts.