„Man erfährt viel über Berliner Leben um 1810“

JOURNALISMUS Die von Heinrich von Kleist herausgegebenen „Abendblätter“ waren eine der ersten deutschsprachigen Tageszeitungen, die über aktuelle Ereignisse berichteten, sagt der Germanistikprofessor Roland Borgards. Jeder kann sie jetzt – 200 Jahre später – abonnieren

INTERVIEW CLAUDIUS PRÖSSER

taz: Herr Borgards, mit Ihrem Kollegen Fotis Jannidis versenden Sie Kleists Berliner Abendblätter exakt 200 Jahre nach ihrem ursprünglichen Erscheinen als Faksimile per E-Mail – am jeweils selben Datum. Wie kam es zu der Idee?

41, ist seit 2008 Professor für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Uni Würzburg. Die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts ist einer seiner Schwerpunkte. Außer mit Kleist befasst er sich zurzeit mit Tierbildern in der Literatur.

Roland Borgards: Das kommende Jahr ist Kleist-Jahr, sein Todestag jährt sich zum 200. Mal. Auch die Ausgaben der Abendblätter werden jetzt 200 Jahre alt. Es war eines von Kleists letzten Projekten.

Warum sind die Abendblätter heute überhaupt noch interessant?

Weil sie für die Geschichte des Zeitungswesens so wichtig waren. Es handelt sich um eine der ersten Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum und eine der ersten, die wirklich Tagesbegebenheiten aufgenommen hat. Eine Zeitung also, die Anekdoten genauso enthält wie literarische Texte von Kleist. Man erfährt viel über das Berliner Leben der Jahre 1810/1811.

Und bislang waren die Abendblätter einem breiteren Publikum nicht zugänglich?

Doch, es gibt längst Nachdrucke und Neuausgaben. Uns ging es aber darum, dass man die Erfahrung machen kann, die Blätter im Originalrhythmus zu lesen, Tag für Tag.

Wie muss man sich denn die damaligen Produktionsbedingungen vorstellen?

Das war eine recht abenteuerliche Konstellation: Kleist hat die redaktionelle Arbeit weitgehend im Alleingang gemacht. Er hatte Freunde und Bekannte gebeten, Beiträge zu liefern, und er hatte eine Vereinbarung mit dem Polizeichef, der ihm die polizeilichen Neuigkeiten vom Tage zutrug. Und dann saß Kleist den Tag über da, schrieb eigene Texte, redigierte Texte anderer und brachte das Ergebnis schließlich dem Verleger Eduard Hitzig, der es drucken und ausgeben ließ.

Wurde die Zeitung nach Hause zugestellt?

Beides war möglich: Man konnte die Abendblätter um 17 Uhr in der Jägerstraße 25 erwerben – man konnte sie aber auch abonnieren, dann wurden sie vom Boten gebracht. Es gab zudem die Möglichkeit, sich die Zeitung in andere Orte schicken zu lassen, sagen wir: nach Göttingen oder München. Nur deshalb sind die Abendblätter übrigens in Gänze überliefert. Denn die einzigen, die sie nicht weggeworfen, sondern gesammelt haben, waren nämlich die Brüder Grimm. Und die saßen überhaupt nicht in Berlin.

„Wir beobachten in den ‚Abendblättern‘ die ersten Ansätze eines Feuilletons“

Bis ins Letzte lässt sich am Bildschirm dann doch nicht nachvollziehen, wie die Zeitung im Original wirklich aussah. Wie müssen wir sie uns physisch vorstellen?

Das waren kleine Zettelchen. Kleine gefaltete, beidseitig bedruckte Blätter aus billigem Papier, manchmal noch mit einem Extrablatt. Kleiner als DIN A5, um genau zu sein.

Nach einem halben Jahr brach das Projekt schon wieder ab. Warum?

Die Auflage war mit der Zeit stark gesunken. Was auch daran lag, dass die Zensur immer stärker griff. Texte mit politischen Themen erschienen nicht mehr, auch die Polizeimitteilungen wurden irgendwann nicht mehr geliefert. Kleist verlor immer stärker das Interesse an den Abendblättern und ging nach gut drei Monaten immer mehr dazu über, Texte anderer Zeitungen nachzudrucken. Aber auch die Leser verloren das Interesse. Warum sollten sie etwas kaufen, worin dasselbe stand wie in anderen Zeitungen?

Es gab also schon andere Zeitungen. Was berichteten die denn so?

Was die Tagesaktualitäten betrifft, vor allem gesellschaftliche Meldungen – wie „Geheimrat X ist in der Stadt und logiert im Gasthaus Y.“ Kleists Zeitung erschien im Gegensatz zu diesen Blättern absolut regelmäßig und mit einer für die damaligen Verhältnisse enormen Geschwindigkeit vom Ereignis zur Nachricht. Am 15. Oktober etwa berichtet er von einer experimentellen Luftschifffahrt. Die findet praktisch im selben Moment statt, in dem der Artikel erscheint. Übrigens markieren die Blätter so etwas wie die Erfindung des Wissenschaftsjournalismus: Der Bericht über das Luftschiff wird in den folgenden Wochen wieder aufgenommen, es wird über die technischen Voraussetzungen der Luftfahrt nachgedacht und berichtet.

„Die Qualität dieser Zeitung ist sehr lange unterschätzt worden“

Insgesamt scheint es aber mehr um Kunst und Literatur zu gehen.

Sagen wir es so: Wir beobachten in den Abendblättern die ersten Ansätze eines Feuilletons. Es gibt Theaterkritiken, Kunstausstellungen werden rezensiert, Bücher angekündigt. Ein Text wie „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“ beschäftigt die Literatur- und Kunstwissenschaft bis heute. Es ist die Beschreibung des Bilds „Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich – auch ein Berliner Klassiker. Die Vorlage stammte von Clemens Brentano und Achim von Arnim, Kleist hat sie aber rabiat umgeschrieben.

Mehr als ein guter Grund also, die Abendblätter bei Ihnen zu abonnieren.

Auf jeden Fall. Überhaupt ist ihre Qualität sehr lange unterschätzt worden, nur einzelne Aufsätze wurden isoliert betrachtet. Aber die redaktionelle Arbeit von Kleist ist auch eine kreative, eine künstlerische Arbeit. Viele Ausgaben weisen eine redaktionelle Komposition von großer Klasse und Qualität auf. Dass der Redakteur ein kreativer Mensch ist und etwas tut, was künstlerischer Arbeit verwandt ist, das kann man beim Lesen der Abendblätter lernen – vielleicht gerade, wenn man sie Tag für Tag liest.