Europa am Scheideweg

MAIDAN Der US-Historiker Timothy Snyder sprach am Donnerstag im ICI Berlin über die jüngsten Ereignisse in der Ukraine und über Verwerfungen in der EU

Die Zukunft Europas ist ungewiss. Genauer gesagt, die gemeinsame Zukunft von Ukraine und Europa ist zunehmend ungewiss. So die Einschätzung des US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder. Am Donnerstag sprach er am Kulturinstitut ICI Berlin zum Auftakt der vom Bard College Berlin und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde organisierten Konferenz „What Europe? Ideals to Fight For Today“ über die sowjetische Vergangenheit und die mögliche europäische Zukunft der Ukraine.

Snyder ist Osteuropaexperte, für sein Buch „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin“ erhielt er 2012 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung, in mehreren Veröffentlichungen hat er sich der Geschichte der Ukraine aus unterschiedlicher Perspektive angenommen. „Die Ukraine war das Hauptthema im Zweiten Weltkrieg“, so seine Einschätzung. Es sei das Land gewesen, das Stalin am meisten zu verlieren gefürchtet habe und das Hitler am dringendsten erobern wollte. Zudem sei im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen auf ukrainischem Territorium gekämpft worden.

Putins „Club der Diktatoren“ als Gegenentwurf zur EU, um den Zusammenbruch Europas herbeizuführen

Von dieser historischen Konstellation aus zog Snyder keine direkten Vergleiche zur gegenwärtigen Krise. Er befürchtet allerdings ein drohendes „eurasisches“ Projekt, einen „Club der Diktatoren“, den Putin als Gegenentwurf zur EU verfolge – mit dem Ziel, den Zusammenbruch Europas herbeizuführen. In der Ukraine sei die eurasische Idee seit den Maidan-Protesten „in Unordnung“ geraten, was Putin eine der größten Niederlagen der vergangenen Jahre bereitet habe. Die Zukunft der Ukraine werde daher maßgeblich darüber entscheiden, wie sich Europa gegen die eurasischen Bestrebungen Putins behaupten könne.

Innenpolitisch sieht Snyder die größte Aufgabe der Ukraine darin, den „oligarchischen Pluralismus“ einzudämmen. Hier ist ebenfalls Europa gefragt: „Oligarchie ist ein euro-ukrainisches Phänomen. All diese Leute funktionieren aufgrund der Korruption in der Ukraine, aber auch wegen des Bankgeheimnisses in Österreich und der Möglichkeit, sich eine Staatsbürgerschaft in Großbritannien zu kaufen“, wie er später im Interview ausführte. Um die Oligarchie zu stoppen, bräuchte man sowohl eine Regierung in Kiew, die das Problem bekämpfe – „möglich, aber unwahrscheinlich in den nächsten Monaten“ –, und ausgiebige Ermittlungen gegen Geldwäsche in der EU. „Man benötigt auch ein europäisches Bewusstsein für diese Schwierigkeit.“

Die Medienberichte, wonach die Nationalisten in der Ukraine starken Einfluss hätten, kritisierte er als falsch. Dies sei bloß die „virtuelle Realität“ russischer Propaganda, die die ukrainische Revolution als Nazi-Putsch hinstelle. Über die radikale Linke in der Ukraine werde in den Medien nicht gesprochen.

Trotz der Gefahren sieht Snyder auch politische Möglichkeiten für die EU. Das Assoziierungsabkommen sei eine wichtige symbolische Geste an die Ukraine gewesen. Ebenso wären kleinere Schritte wie Visafreiheit für Kurzreisen ein sinnvolles Mittel. „Es gibt dort viele interessante junge Leute, die sich selbst als Europäer betrachten und viel zu bieten haben, aber nicht reisen können. Korrupte Millionäre jedoch, von denen einige Blut an ihren Händen haben, waren die ganze Zeit in Europa, weil sie Diplomatenpässe, Rechtsanwälte und Häuser in den Hauptstädten haben. Die Superreichen waren immer schon in Europa.“

TIM CASPAR BOEHME