Forscherin über Suffragetten

"Lautester Teil der Frauenbewegung"

Radikale Frauenrechtlerinnen setzten zwischen 1890 und 1914 das Frauenwahlrecht in England durch. Michaela Karl dokumentiert Militanz und Tragik der ersten lauten Frauenbewegung.Interview: TANIA MARTINI

geb. 1971, promovierte mit einer Arbeit über Rudi Dutschke und ist Lehrbeauftragte für politische Theorie an der Hochschule für Politik in München.

taz: Frau Karl, warum kam die Frauenwahlrechtsbewegung ausgerechnet in England auf?

Michaela Karl: Kein anderes Land bot jene Mischung aus konstitutioneller Monarchie und langjähriger parlamentarischer Tradition, die Revolutionen stets zu verhindern wusste und seine Bürger sukzessive emanzipierte. Im 19. Jahrhundert gab es drei große Wahlrechtsreformen, die immer mehr Menschen in die politische Entscheidungsfindung einbanden. Großbritannien hatte zudem eine lange Geschichte des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Liberalismus hinter sich, der zum Nährboden für die Idee des Frauenstimmrechts wurde. Die Industrielle Revolution tat ein Übriges, um nicht nur das Bürgertums zu emanzipieren.

Aber die soziale Herkunft der in der Suffragettenbewegung engagierten Frauen war dann gar nicht so heterogen.

Die Suffragettenbewegung war als Teil der bürgerlichen Frauenbewegung vorwiegend von Frauen aus der Mittel- und Oberschicht getragen. Für Frauen ohne finanziellen Background war es sehr schwer, sich stark einzubringen. Dennoch finden sich in den Reihen der WSPU (Womens Social and Political Union) auch Arbeiterinnen, was unmittelbar mit ihrem Gründungsort der Industriestadt Manchester sowie deren anfänglicher enger Verbindung mit der Labour Party zu tun hat. Erst als die WSPU ihr Hauptquartier nach London verlegt und Christabel Pankhurst eine elitärere Linie einschlägt, kommt es zur Abwendung von den Arbeiterinnen. Sylvia Pankhurst gründet daraufhin die East London Federation of Women's Suffrage, die sich als Teil der Arbeiterbewegung versteht.

Zwischen 1908 und 1913 gab es Demonstrationen, Hungerstreiks und Bombenanschläge. 1913 warf sich die Suffragette Emily Wilding Davison unter die königliche Kutsche und starb. Wie kam es zu dieser Eskalation?

Als die Suffragetten ihren Guerillakampf gegen die Regierung beginnen, haben sie schon viele Jahre der Lobbyarbeit hinter sich. Auf ihren friedlichen Protest hin hat die Regierung nur mit Gewalt, Gefängnis und Zwangsernährung reagiert. 1912 erklärte die WSPU deshalb die Zerstörung von Eigentum zur offizielle Politik. Für die Suffragetten bestimmte der Staat die Höhe der Gewalt. Nachdem schließlich die Zerstörung von Eigentum in riesigem Ausmaß immer noch kein Ergebnis brachte, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bewegung ihre erste Märtyrerin finden würde. Die WSPU verstand sich als Armee im Krieg.

Durch den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel kam den Frauen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens eine wichtige Rolle zu. Spielte das eine Rolle für die Akzeptanz des Frauenwahlrechts?

Die Frage ist, ob der Krieg die Einführung des Frauenwahlrechts begünstigt oder verzögert hat. Die Auseinandersetzungen waren kurz vor Kriegsbeginn auf ihrem Höhepunkt angelangt. Es gibt viele Anzeichen, dass die Regierung sich mit der Einführung des Frauenwahlrechtes beschäftigte. Dann kam der Krieg und mit ihm natürlich ein genereller Meinungsumschwung zugunsten von Frauen in der Öffentlichkeit. Doch dass Frauen das Wahlrecht als Belohnung für ihr Wohlverhalten während des Krieges bekommen hätten, unterschätzt die Bedeutung des jahrzehntelangen Kampfes für das Frauenstimmrecht.

Waren die Suffragetten wichtig für die spätere internationale Frauenbewegung?

Die Suffragetten waren der lauteste, auffälligste und ungewöhnlichste Teil der ersten Frauenbewegung. Sie kämpften einzig und allein für das Frauenstimmrecht und zerfielen, als dieses Ziel erreicht war. Dennoch waren sie für die zweite Welle der Frauenbewegung von Bedeutung. Die Suffragetten waren die erste autonome Frauenorganisation. Sie brachen mit der Vorstellung, dass Männer radikal sein dürfen und Frauen duldsam. Dabei waren sie äußerst fantasievoll beim Erfinden neuer Protestformen, viele Aktionsformen des passiven Widerstandes wurden hier bereits durchexerziert. Die Suffragetten stehen beispielhaft für eine feministische Widerstandsbewegung.

Suffragette ist immer noch ein Schimpfwort.

Ja. Das Wort war schon 1906, als es zum ersten Mal in einem Artikel im Daily Mail auftauchte, der Versuch einer Schmähung. Doch es ist ein Ehrentitel für mutige, entschlossene Frauen, die für ein Recht kämpften, das ihnen eine patriarchale Gesellschaft vorenthielt: das Wahlrecht. Die Angst, welche die Gesellschaft damals vor selbstbewussten mutigen Frauen hatte, existiert unterschwellig noch immer und spiegelt sich im Begriff Suffragette wider.

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