Schlager für Schlaue

DISKURSPOP Die Hamburger Schule ist geschlossen? Macht nichts, die Berliner Band Peer sperrt sie mit ihrem Debütalbum „Wir sind Peer“ wieder auf

In Hamburg bläst immer dieser Wind, diese penetrante Brise vom Hafen her. Vielleicht haben sich Peer deshalb so eingepackt auf diesem Bild im Booklet ihres Albums „Wir sind Peer“. Vielleicht haben sie deshalb die dicken Handschuhe an und die fetten Schals um den Hals, die Strickmützen auf dem Kopf und die Jacken bis oben zugezogen, vielleicht wollten sie warm angezogen sein, weil sie schon wussten, dass die Vorwürfe kommen würden. Dass es wieder heißen würde: Hamburger Schule.

Dabei leben die fünf von Peer nicht einmal in Hamburg, sondern in Berlin. Die Hamburger Schule ist ja außerdem längst geschlossen. Verrammelt und verriegelt. Die Reste sind als Schlagersänger für schlaue Leute unterwegs. Umso erstaunlicher, dass sich Peer auf diesem, ihrem Debütalbum „Wir sind Peer“ doch tatsächlich und unüberhörbar einige Mühe geben, diese Hamburger Schule wiederzubeleben. Dazu schrammeln sie nicht nur mit ihren Gitarren drauflos, lassen nicht nur den Bass stolpern und das Schlagzeug verschämt revoltieren, sie hoppeln nicht nur durch den Wilden Westen, zitieren nicht nur kalifornische Glückseligkeit und andere klasse Momente aus der Geschichte des Gitarrenpop, sie spielen da nicht nur ein paar Hits runter. Vor allem lassen sie Peer Göbel singen. Sätze wie: „Seien wir doch mal ehrlich, das ist eine Krise.“ Oder: „Ich besitze diese Parkbank, besessen bin ich nicht.“

Gegen die ganze Scheiße halt

Peer Göbel hat seiner Band nicht nur den Namen gegeben, sondern auch ein paar erstaunlich gewitzte Texte. Solche mit Metaebenen und Bedeutungsverschiebungen, mit diesen ganzen Konnotationsdingern und Kissen, zu denen der Sänger „keinen Bezug“ hat. Texte, in denen nicht nur die Waschmaschine ins Schleudern gerät. Texte über Leute, die jemanden anrufen, aber dann erleichtert sind, wenn niemand abhebt. Mitmenschen eben, mit denen „kein Staat zu machen“ ist – in all seiner Doppeldeutigkeit.

Peer verbinden also, könnte man mal wieder so sagen, das Private mit dem Politischen. Das tun sie mit viel Erfahrung, vielleicht, weil sie sich zusammensetzen aus lange schon geschätzten, noch aktuellen oder bereits aufgelösten Berliner Bands wie Le Mobilé, Hund am Strand oder Sumo. Das tun sie vor allem so selbstverständlich, wie das schon lange von niemandem mehr vorgeführt wurde. Zuletzt vielleicht von einer Band wie Die Türen, die dafür aber auch völlig unverdientermaßen mit Ignoranz abgestraft wurde.

Aber man darf die Hoffnung ja nicht aufgeben. Vielleicht wird bei Peer plötzlich wieder alles anders. Vielleicht wird die Hamburger Schule wiedereröffnet. Die Parolen dafür, diese kurzen prägnanten Einschätzungen, die eine Zeit auf einen einzelnen Satz bringen, die haben sie jedenfalls problemlos drauf. Beispielhaft beweist Göbel das in „Schutzraum“. Aus dem Song ließen sich die für T-Shirts geeigneten Sprüche gleich im Dutzend extrahieren: „Früher waren wir Zitate, jetzt sind wir Sicherheitskopien“, „Freundschaften sind Kontakte“, „Ich nehm’ meine Arbeit mit nach Haue, ich arbeite an mir selbst“, „Früher war es ein Schutzraum, heute ist es ein Büro“.

Man merkt also: Da ist einer gegen das System, gegen Gentrifizierung, gegen die Kapitalisierung aller Freiräume, gegen die Verfügbarmachung des Individuums, gegen die Ausbeutung des Alltags, dies, das und den Rest auch noch. Gegen die ganze Scheiße halt. Und hat, das ist dann doch erstaunlich, trotzdem ein bisschen Spaß dabei.