Der Text ist ihre Party

Was wir sagen und wie wir es sagen: Mit „Desire exists where pleasure is absent“ präsentiert die Kestnergesellschaft Hannover die Künstlerin Barbara Kruger und ihre Videoinstallation „Twelve“

Man fühlt sich erst einmal überfordert. Im dunklen Saal sitzt der Besucher wie das lauschende Mäuschen: Von vier je vier Meter hohen Videowänden unterhalten sich überlebensgroße Köpfe über einen hinweg. Scheinbar dokumentarische Tischgespräche scheppern, verzerrt durch die Raumakustik, von allen Seiten auf einen ein: Familienkrach, Mädchengezänk, Politiker unter sich. Man versucht sich an den unter den Bildern laufenden Schriftbändern zu orientieren. Hier liest man, was die Protagonisten gerade denken oder was ihnen von anderen zugeschrieben wird. Beim Versuch, Sinn zu erhaschen, läuft einem auch die Schrift wieselflink über die Leinwand davon – hinten, vorn, an beiden Seiten.

Diese Informationsüberflutung hat die US-amerikanische Künstlerin Barbara Kruger für ihre Installation „Twelve“ ganz gezielt den gegenwärtigen Medien abgeschaut: „Ich erwarte etwas von den Leuten. Es gibt Sitzgelegenheiten im Videoraum. Sie sollen da nicht einfach rein- und wieder rausgehen. Ich will, dass sie dem, was sie sehen, Zeit geben.“ Und mit der Zeit merkt man, dass die scheinbar authentischen zwölf Situationen und Gespräche wie eine Soap-Opera voller Klischees und Stereotypen sind. Die Frage dahinter: Inwieweit ist unser ganzes alltägliches Handeln, die Art, wie wir denken und uns bewegen, von diesen Klischees durchdrungen? Wo besonders manifestiert sich die Macht der gesellschaftlichen Allgemeinplätze in den privaten Beziehungen?

Taucht man in Barbara Krugers Welt ein, ist man schnell bei Michel Foucault und Roland Barthes. Die 61-Jährige, die auch als Universitätsdozentin, Autorin und Kuratorin tätig ist, kennt sich mit Theorie aus. Veit Görner, Direktor der Kestnergesellschaft, betont, dass es bei aller Theorie die Aufgabe der Kunst sei, ein ästhetisches Äquivalent zu produzieren: „Ihre Aussagen und ihre Analysen über die Konsumwelt, über die zwischenmenschlichen Beziehungen schafft Barbara Kruger so zu visualisieren, dass sie auch eine Überwältigungsmacht haben, dass man auch beeindruckt ist von den Bildern.“ Kruger benutzt die Sprache der Bilder und Slogans, die uns täglich umgeben, und dreht diese um, um diese Alltäglichkeit in Frage zu stellen: „Mich interessiert der Zweifel und wie Zweifel zu einer aktiven Kraft für Menschen wird.“

Ihre Karriere begann Mitte der Siebzigerjahre mit drei Semestern Designschule. Ihr Dozent Marvin Israel machte sie mit der hippen New Yorker Verlagsszene bekannt. Bald arbeitete die junge Grafikdesignerin in leitenden Positionen für verschiedene Hochglanzpublikationen wie das Modemagazin Mademoiselle. Ende der Sechziger begann sie als Autodidaktin mit künstlerischen Arbeiten. Sie erinnert sich: „Die Kunstwelt hat mich immer sehr eingeschüchtert, weil es zu der Zeit da nahezu keine Frauen gab. Aber das hat sich in dieser Zeit massiv geändert.“ Und auch Anklänge von Design infiltrierten den Kunstdiskurs immer mehr, was ihre eigenen Kenntnisse aufwertete.

In den späten Siebzigerjahren fing sie mit fotografischen Arbeiten an. Es gebe in den USA keine nennenswerte Kunstförderung, erklärt sie ihre frühen Kunstwerke: „Sie waren sehr kleinformatig, weil ich mehr nicht bezahlen konnte.“ Trotzdem waren diese bald in allen wichtigen Galerien der USA zu sehen. 1982 kam der internationale Durchbruch mit der Teilnahme an der Biennale in Venedig und der Documenta. Auf der Biennale 2005 erhielt sie den Ehrenlöwen für ihr Lebenswerk – nicht ohne den von ihr gestalteten Pavillon mit einem ihrer typischen Sprüche zu versehen: „You Make History When You Do Business.“

Krugers klassische Arbeiten aus den 1980er-Jahren waren einfach und einprägsam: Sie verwendete zumeist vorgefundene Schwarz-Weiß-Fotografien, die sie mit roten Balken versah. Auf diesen waren kurze Slogans zu lesen, die den Betrachter direkt ansprachen: „Ich“, „Du“, „Sie“ „Wir“. Bis heute benutzt sie in allen Arbeiten ausschließlich die klassische Bauhaus-Schrift „Futura“.

Die Inhalte waren durch feministische Kritik an Geschlechterrollen und durch Konsumkritik geprägt, aber nicht beschränkt. Kruger: „Es geht mir darum, wie Menschen miteinander umgehen.“ Ihr Ansinnen, die gesellschaftliche Macht dahinter bloßzulegen, wurde schon in ihren frühen Arbeiten deutlich, mit Slogans: „Your Body Is a Battleground“ über dem Gesicht einer Frau oder „I Shop, Therefore I Am“, von einer Hand wie ein Produkt gereicht. Als Präsentationsfläche nutzt sie neben traditionellen Kunstorten auch den öffentlichen Raum.

Auch wenn sich die von Kruger verwendeten Diskurse, Betrachterperspektiven und Präsentationsformen seit den Neunzigerjahren allgemein durchsetzten, bleibt ihre Arbeit sehenswert: Denn nach wie vor findet sie beindruckende Wege, ihre Aussagen darzustellen. Seit einigen Jahren arbeitet sie mit „begehbaren Denkräumen“. So ein klassischer Textraum, von oben bis unten mit Zitaten und Slogans zugeschrieben, ist auch in der Kestnergesellschaft in einer zweiten Halle zu sehen.

Erst seit 1991 präsentiert sie auch Installationen: „Da konnte ich mir das zum ersten Mal leisten. Zuerst habe ich mit Bildtexten gearbeitet. 1994 kam dann Klang dazu, und zwei Jahre später habe ich mit Videoarbeiten angefangen.“ „Twelve“, ihre aktuelle Arbeit, entstand 2004.

In der Kestnergesellschaft ist sie zum ersten Mal in Deutschland in dieser großen Form zu sehen. Entgegen ihrer Angewohnheit hatte sich Kruger die Örtlichkeiten vorher nicht persönlich anschauen können. Als sie wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung aus Los Angeles eintraf, war sie vom renovierten historischen Goseriedebad in Hannovers Innenstadt, in dem der Verein seit 1997 residiert, sehr angetan. Zum ersten Mal wurde die Projektion von „Twelve“ nicht direkt an die Wand geworfen. „Es ist jedes Mal eine Herausforderung und eine Freude, eine Installation in einem bestimmten Raum zu einem so machtvollen Statement wie möglich zu machen“, so Kruger. Nachdem sie ihr Werk getan hat, sind jetzt die Besucher dran. Denn Kruger präsentiert keine fertigen Wahrheiten, sondern stellt gerade diese in Frage.