In den Eingeweiden der Subkultur

ABTAUCHEN Im „Peristal Singum“ kriecht man durch ein darmartig verschlungenes Labyrinth aus dunklen Gängen – in dieser Woche zum letzten Mal. Der Besucheransturm ist den Machern des Kunstprojekts schlicht zu groß geworden

Die flache, goldene Münze wiegt nicht schwer in der Hand, doch sie öffnet die Tür zu einer anderen Welt: Enge dunkle Gänge winden sich in jede Richtung, das dumpfe Dröhnen von Maschinen lässt den Boden vibrieren. Für eine Sekunde flackert eine Lampe und wirft grelles Licht auf die bemalten Wände. Dann folgt wieder tiefe Dunkelheit.

Das Labyrinth „Peristal Singum“ ist ein künstlerisches Erlebnis für alle Sinne. Vier Jahre lang konnte man im Club Zur Wilden Renate in Friedrichshain auf einen Selbstfindungstrip in die Kunstausstellung abtauchen. Diese Woche schließt das Projekt fürs Erste seine Pforten – doch es soll weitergehen: Grund für das Aus sind nämlich mitnichten ausbleibende Besucher. Im Gegenteil: Mehrere Stunden müssen Interessierte warten, bevor sie mit verbundenen Augen durch einen schwarzen Vorhang geführt werden und ihre goldene, für 10 Euro erworbene Eintrittsmünze einwerfen dürfen.

„Wir haben nicht zu wenige Besucher, sondern zu viele“, sagt Tim Henrik Schneider von der Künstlergruppe Karmanoia, die das Projekt ins Leben gerufen hat. Ursprünglich war das Labyrinth als Einzelerfahrung gedacht. Nur eine Person sollte allein durch die düsteren Gänge klettern, Raum und Zeit vergessen und dabei sich selbst finden.

„Es kribbelt in den Fingern“: Die Macher wollen das „Peristal“ an anderem Ort neu aufbauen

Doch Berichte in Zeitungen, im Fernsehen und in Blogs bescherten dem Labyrinth einen Besucherstrom, mit dem das Subkulturprojekt nur schwer umgehen konnte. Die Räume in der Wilden Renate bieten schlicht keinen Platz für Erweiterungen. „Hier haben wir nicht die Möglichkeiten zu wachsen“, sagt Schneider.

Schon einmal ist das „Peristal Singum“ umgezogen, weil die Künstler mehr wollten. Seine Anfänge hatte das Projekt in einem Neuköllner Kellerverschlag. Dort machte Karmanoia erste Experimente mit Installationen aus Papier, Stoff und Holz. „Wir haben sehr schnell gemerkt, dass Kunst eine ganz andere Wirkung hat, wenn man sie nicht nur an die Wand hängt, sondern den Leuten erfahrbar macht“, erklärt Schneider.

2010 entschied die Gruppe, mit ihrem Projekt in die Wilde Renate umzuziehen. Aus ein paar zusammengeschusterten Holzgängen wurde hier ein groß angelegter Bau aus Stahlbeton über zwei Etagen. Neun Monate dauerten die Arbeiten an dem neuen Labyrinth – solange wie eine Schwangerschaft. „Am Ende hat es sich wirklich angefühlt wie die Geburt eines Babys“, sagt Schneider.

Seitdem schleust die Gruppe jedes Wochenende Berliner und Touristen durch das Labyrinth. Doch das reicht den Künst- lern längst nicht mehr: „Uns kribbelt es einfach in den Fingern“, erklärt Schneider. „Wir sind alle kreative Menschen, die wieder etwas Neues schaffen wollen.“

Deshalb hat sich Karmanoia auf die Suche nach einem neuen Grundstück gemacht. Vielleicht soll es eine alte Fabrik sein. Vielleicht ein Selbstversorgerprojekt, gebaut aus Naturmaterialien, „eine Art Technologiepark“? Auch ein angeschlossenes Restaurant oder eine Bar wären möglich. Schneider hat viele Ideen. Eines kann er aber schon jetzt versprechen: „Es wird auf jeden Fall ein neues ‚Peristal‘ geben.“

Das alte Labyrinth wird ab der zweiten Aprilwoche Stück für Stück auseinandergenommen und abgebaut. Verkaufen will die Künstlergruppe ihr „Baby“ nicht. So wird das Kunstprojekt in dem Fall wieder zu dem, was es war: Der größte Teil des Materials ist recycelt. „Mit den Einzelteilen hält man am Ende wieder nur Müll in der Hand.“