Ulrike Kegler ist Deutschlands wichtigste Rektorin. Sogar Pubertierende kann sie für den Unterricht begeistern - ganz ohne Schule. Jetzt stellt sie ihr Buch vor.von CHRISTIAN FÜLLER

Huch, wo sind denn alle hin? Wenn's nach Rektorin Ulrike Kegler geht, im Freien – zum "entschulen". Bild: photocase/clafoutis
Die Jungs holen jetzt gleich einen Vorschlaghammer. Seit Minuten traktieren sie den Laternenpfahl. Hängen sich wie Tarzane gemeinsam daran. Biegen die Laternenpeitsche beharrlich um. Die Zuschauer werden nervös. Das sollen also die Jugendlichen einer der besten deutschen Schulen sein? Tatsächlich weiß der Betrachter dieser Szene nicht recht, ob es sich um marodierende Jugendliche handelt.
Nein, es sind tatsächlich Schüler. Ulrike Keglers Schüler. Die Leiterin der Potsdamer Montessori-Oberschule hat ihnen frei gegeben. Und sie will sie so begeistern - für Schule. Und vor allem für sich selbst.
Das Gelände heißt Schlänitzsee 1, liegt nahe Potsdam und wurde früher von der Stasi als Ferienlager genutzt. Nach der Wende wurde es abrupt verlassen, Müll und Verwahrlosung blieben zurück. Fragt jemand einen der schuftenden Schüler: "Immer noch nicht müde?" - "Nee", antwortet der mürrisch. - "Seit wann geht das jetzt?" - "So sieben Stunden". Ein anderer wird gefragt, wieso er so konzentriert arbeitet. "Man hat immer das Ziel vor Augen, dass man hier irgendwann mal Tiere halten kann", sagt er. Und sein Kumpel ergänzt. "Es ist hier so, als ob man eine Verantwortung trägt für etwas Wichtiges. Weil es fertig werden soll. Es ist auch wichtig, wenn man Bäume ausmisst, dass man das genaue Maß hat. Weil wir machen ja jetzt auch Karten, Maßstab eins zu fünfhundert, und da muss auch alles stimmen!"
Das halbe Land jammert darüber, wie faul und frech die Kids geworden sind. Gerade die Pubertierenden gelten als eine ätzende und nervtötende Spezies. Man kann mit denen alles machen, heißt die goldene Regel von Lehrern, "bloß keine Schule". Und dann das. Siebt- und Achtklässler werkeln stundenlang, am liebsten ohne Pausen, auf einem verlassenen Stasigelände. Und beginnen, ganz nebenbei, sich mit Mathe zu befassen. Weil sie das Gelände kartieren müssen. Würde man sie in der Schule darum bitten - sie würden einem den Vogel zeigen.
Warum macht Ulrike Kegler so verrückte Sachen? Warum nimmt sie das Wort von der "Entschulung der Schule", das in den 60er-Jahren die Runde machte, ernst - und setzt es um? Ulrike Kegler, 54, war die wichtigste Rektorin Deutschlands. Sie hat zusammen mit ihren Lehrern die Thälmann-Schule in die Montessori-Gesamtschule-Potsdam umgebaut - eine der besten Schulen, in die jährlich 700 Besucher pilgern, um herauszufinden, was die dort anders machen.
"Wir haben alles Mögliche versucht, von relativ gelenkten Unterrichtsformen", erzählt Kegler "über sehr freie, dann wieder eingegrenzt, aber mit Exkursionen. Die richtige Konzentration ist nur dann entstanden, wenn es keinen Unterricht mehr gab."
Der Schulraum ist zu klein geworden, sagt sie. Kegler hat sich beurlauben lassen, um ein Buch darüber zu schreiben, wie sie Schule macht. "In Zukunft lernen wir anders", heißt es. Und im Untertitel: "Wenn die Schule schön wird." Darin geht es auch um das Entschulen - es ist das interessanteste Element. Denn Kegler versucht plausibel zu machen, warum Kinder ganz allgemein beim Übergang in die Sekundarstufe "nie annähernd die alltägliche Konzentration" mehr finden, die sie in Kindergarten und Grundschule noch hatten. Es geht also um das Phänomen hinter der Pisakrise - Apathie und Schulmüdigkeit.
Kegler zeigt, dass man beidem weder durch mehr Schule und schon gar nicht durch mehr Disziplin begegnen kann, sondern durch Respekt. Und durch Authentizität. Jugendliche nähmen in natürlicher Umgebung ihre primären Bedürfnisse wahr. "Nicht das Geplante, Fertige, Vorgesetzte, sondern das Werden, Schaffen, Entwickeln stehen im Zentrum des Projekts."
Am Dienstagabend hat sie das Buch vorgestellt, und dass der brave Potsdamer Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) dabei war, zeigt: Keglers Reformpädagogik ist bei Leuten angekommen, die dem neuen Lernen früher Steine in den Weg legten, anstatt den Lehranstalten die Freiheit zu geben, sich wieder in Lernorte zu verwandeln.
Ulrike Kegler: "In Zukunft lernen wir anders". Beltz 2009, 255 Seiten, 19,95 €
Laufen deutsche Journalisten Gefahr zu heucheln, wenn sie über Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan schreiben? Eine Pro & Contra im Vorfeld des ESC. von J. Feddersen & S. Niggemeier

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

NRW hat gewählt. Die taz hat sich mal angeschaut, wie kreativ die Parteien waren und was das über die KandidatInnen aussagt.

„Verspätet“ – in Berlin trifft das nicht nur einzelne Flüge, sondern ganze Flughäfen. Und was passiert nun in der Hauptstadt?

Leserkommentare
15.07.2009 17:47 | Katze mit Hut
Zuerst einmal stimme ich grundsätzlich Herrn Kosiek zu. An der gesamten Bildungsdiskussion stört mich, dass ständig von "Ch ...
15.07.2009 08:29 | Katze am Schwanz packen...
Wieso zu Recht? Gilt der Umkehrschluss, dass der Mainstream des Bildungswesens derzeit schon gut ist? Überraschend bei den ...
15.07.2009 06:15 | Hund ohne Hut
Ist das die richtige Methode um Kinder auf ein kapitalistisches Arbeitsleben vorzubereiten oder nur ein Versuch einer Direk ...