Stolzes Vorurteil

DAS SCHLAGLOCH von HILAL SEZGIN

„Überempfindlich“, lautet die Diagnose. Erstaunlicherweise scheinen einige christlich sozialisierte Zeitgenossen der Auffassung zu sein, während man die Aufregung um die Mohammed-Karikaturen ja noch habe verstehen können, sei die um die Papst-Äußerungen nun übertrieben. Doch die Geste der dänischen Zeitung war zwar provokativ – aber ich fürchte, die Papstrede ist noch schlimmer, nämlich ernst gemeint. An den dänischen Karikaturen konnte ich mich nur mäßig stoßen, weil sie vom Inhalt her ja eher laienhaft waren; die Äußerungen Benedikts XVI. aber halte ich für auf so bezeichnende Art islamophob, dass sie mit einer Entschuldigung kaum ungeschehen zu machen wären.

Darf man vermuten, dass er einfach die Gelegenheit nutzte, etwas Islamophobie unterzubringen?

Keine Frage: Lächerlich ist es, deswegen beleidigt und fäustereckend durch die Straßen zu laufen. Auch mag es durchaus sein, dass manche muslimischen Kritiker des Papstwortes nur eigene strategische Interessen im Auge haben oder eine aggressive Stimmung schüren wollen; auch hatten sicher viele der schnellsten Kritiker die Rede gar nicht selbst gelesen. Haben aber die Kritiker jener Kritiker sie gelesen – und zwar komplett? Weil es um die Frage geht, wie viel Blutvergießen eine Religion zu verantworten hat, zunächst einige Sätze eines Augenzeugen: „Und während die Unschuldigen mit ihren Frauen und Kindern in den frühen Morgenstunden schliefen, fielen sie über das Dorf her, zündeten die Häuser an, die gewöhnlich aus Stroh waren, und verbrannten die Kinder und Frauen und viele Männer bei lebendigem Leibe, bevor sie aufwachten. Sie töteten, wen sie wollten, und wen sie lebendig fingen, den folterten sie zu Tode (…) Nachdem das Feuer ausgebrannt oder erloschen war, suchten sie das Gold zusammen, das sich in den Häusern befand.“

Der Vorwurf, dass der Islam mit Feuer und Schwert ausgebreitet worden sei, ist beinahe so alt wie die Begegnung des Christentums mit dem Islam überhaupt. Man kann sagen, er zählt zu den drei wesentlichen Stereotypen, die Islamophobie ausmachen. Die beiden anderen lauten, dass Mohammed ein macht-, vor allem aber sexhungriger Mann gewesen sei, der sich unter dem Mantel des Prophetentums einen schönen Harem hielt. Und dass es dem Islam als quasi vor-zivilisierte Religion an jener Vernunftkomponente mangele, die allein den Fortbestand einer Religion in der modernen Welt garantieren könne.

Die gehässige Rede vom Schwert des Islam und die vom Mann Mohammed lassen sich jahrhundertelang zurückverfolgen und können offenbar wie die antisemitischen Stereotype von der vermeintlichen jüdischen Geldgier oder Fädenzieherei (Weltverschwörung) immer wieder reaktiviert werden. Das dritte Vorurteil vom Vernunftdefizit des Islams hingegen scheint neueren Datums; noch Aufklärung, Klassik und Romantik suchten bekanntlich die intellektuelle Nähe zwischen Ost und West.

Erst im zwanzigsten Jahrhundert wurde das „Argument“ populär, dass es dem Islam an philosophisch-theologischer Tiefe, manche würden sagen: an einer universalisierungsfähigen Moralauffassung mangele. Vielleicht hilft dieses Bild vom Islam einfach ein neues ideologisches Desiderat zu füllen in einer Zeit, in der das Primat westlich-kapitalistischer Demokratien neu, nämlich UNO-kompatibel „vernünftig“ legitimiert werden muss.

In seiner Regensburger Rede rekurriert der Papst vor allem auf das letzte Vorurteil, schafft es aber auch, die Frage islamischer Gewalt in einem kurzen Schlenker gegen Mohammed anzutippen. Und zwar nicht in der viel zitierten Stelle, nach der der Prophet „nur Schlechtes und Inhumanes“ in die Welt gebracht habe; das ist ganz klar ein Zitat aus der mittelalterlichen Quelle. Gegen Mohammed richtet sich vielmehr Benedikts XVI. eigener Kommentar: „Der Kaiser wusste sicher, dass in Sure 2,256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns die Kenner sagen, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war“.

Kursiv markiert ist hier, was der Sprecher rhetorisch ganz „en passant“ einfließen lässt: Nur damals also, als Mohammed noch gar nicht über die Macht verfügte, andere gewaltsam zu bekehren, habe er sich gegen die ethische Verwerflichkeit solchen Tuns ausgesprochen. Der Gesamtzusammenhang der Rede zeigt, dass der Rekurs auf den Islam vom Thema nicht erzwungen wird. Darf man vermuten, dass der Redner einfach die Gelegenheit, etwas Islamophobie unterzubringen, genutzt hat?

Unübertrefflich elegant und auch komisch hat das jedenfalls Christian Esch in der Berliner Zeitung mit der Geste von jemandem verglichen, der die Hand zur Versöhnung ausstreckt, aber vorher noch mal rasch „hineingespuckt“ hat. Nach einem weiteren rhetorischen Manöver, das dem Islam nur scheinbar entgegenkommt („Hier ist der Redlichkeit halber anzumerken …“), tatsächlich aber die islamische Unvernunft als allgemeines Faktum bestätigt, bietet der Papst am Ende großzügig an: „In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein.“ Das ist die Großzügigkeit von einem, der sagt: „Komm, iss dein Abendbrot bei mir, deine Küche ist ja leider so dreckig.“

Der Papst äußert seine „Beleidigungen“ im Tonfall höchster Nachdenklichkeit

Ist es sinnvoll, sich da zu entschuldigen? Wohl nur, wenn man ein kleines Kind ist, das sich danebenbenommen hat. Der Papst aber ist weder Kind noch ungezogen; er äußert seine „Beleidigungen“ im Tonfall höchster Nachdenklichkeit; alle Rhetorik ändert nichts daran, dass er nur öffentlich sagt, was er auch wirklich denkt – und mit ihm vermutlich Millionen christlicher oder postchristlicher Menschen auch! Dem Inhalt solcher Vorurteile kann man, muss man als Muslim rational widersprechen. Ihren irrationalen Gehalt erreicht man jedoch nicht, und man wird auch müde, dagegen zu argumentieren. Sich zu verteidigen. Sollen wir etwa behaupten, muslimische Eroberer seien besser gewesen als Christen in vergleichbaren Situationen?

Womit es an der Zeit ist, auf das obige Zitat aus dem 16. Jahrhundert zurückzukommen. An der Erwähnung zu raubenden Goldes ist der LeserIn möglicherweise aufgefallen, dass es sich um Bartolomé de Las Casas’ Streitschrift gegen die Brutalitäten der spanischen Conquista handelt. Denn nur wer auf bereits gehortetes Gold aus ist, kann so hemmungslos morden, wie es die Conquistadoren und wie es die Kreuzritter in Byzanz teilweise taten; wer Imperien erst noch aufbauen will wie Araber und Osmanen, wird mit künftigen Arbeitskräften und Steuerzahlern schonender verfahren. Und es ist zwar erhebend, von muslimischen Theologen zu hören, dass das islamische Kriegsrecht Vergewaltigung und Verwüstung verbiete. Doch gibt es Berichte von der Eroberung Konstantinopels durch Mehmet II., die von diesen Gräueltaten ausgiebig erzählen.

Derartiges geschieht, egal durch wen, bis heute. Und wann in den letzten Jahren wurden eigentlich die Weichen so umgestellt, dass die Politikteile der Zeitungen über das Für und Wider ganzer Religionen diskutieren? Statt mit jenen anderen Fragen weiterzumachen, wovor Afrikas Flüchtlinge auf der Flucht sind, wie man Frauen in Krisengebieten Sicherheit bieten oder wie im Irak endlich wirklicher Frieden einkehren kann.