I like Chopin

HAUSMUSIK „Piano City“ ist ein Festival der Hauskonzerte. 70 Interpreten laden zu Klavierkonzerten in ihre Wohn- zimmer. Darunter die 71-jährige Irmelin Jättkowski-Eckert

VON ALEXANDRA ROJKOV

Schon ihr Bewerbungsvideo ist eine Liebeserklärung an die Musik. Irmelin Jättkowski-Eckert, 71 Jahre alt, sitzt an ihrem Flügel und spielt Chopins „Regenbogenprelude“, leidenschaftlich und mühelos. Ihr Körper ist gespannt, die Hände flitzen über die Tasten. „Musik ist für mich Lebensatem“, sagt Jättkowski-Eckert am Ende in die Kamera. „Ohne tägliches Musizieren könnte ich nicht sein.“ Das Bild zeigt auch einen Ausschnitt ihres Wohnzimmers: antike Möbel und eine Blumenvase, an der Wand eine junge Frau in Öl. Der Clip dient als Programmankündigung. Denn Irmelin Jättkowski-Eckert nimmt an „Piano City“ teil, einem Festival für Hauskonzerte.

Seit dem 18. Jahrhunderts bilden „Concerts“ die kleinste Einheit der Musikaufführung. Das Musizieren im Salon war Teil bürgerlicher Kultur und sollte junge Talente vorstellen und fördern. „Piano City“ greift diese Idee auf: Organisiert vom Künstlerhaus Radialsystem geben Pianisten ein Wochenende lang Privatkonzerte. Per Videobotschaft konnten Profis und Laien für die Veranstaltung kandidieren. Einzige Anforderung: mindestens 45 Minuten Programm und fünf Sitzplätze musste jeder Pianist bieten. 70 Künstler wurden von einer Jury gewählt. Sie dürfen am 23. und 24. Oktober ihre Wohnzimmer in öffentliche Salons verwandeln.

Ihr Steinway ist für Irmelin Jättkowski-Eckert mehr als ein Musikinstrument. „Er ist meine verlängerte Seele“, sagt sie zärtlich

Allein ihr Haus lohnt einen Besuch: Klein und von Efeu umrankt liegt es am Rande des Tiergartens. Irmelin Jättkowski-Eckert empfängt an der Tür: „Wie schön, dass Sie gekommen sind!“ Sie führt in ihren geräumigen Wintergarten, der am 24. Oktober zugleich ihr Konzertsaal sein wird.

Der Raum birgt den Charme eines echten Künstlersalons: Die Teppiche sind schwer und blumenverziert, die Sofapolster kostbar bestickt. In der Ecke steht ein alter Sekretär, daneben ein antiker Globus. Den größten Raum nimmt jedoch der Flügel ein – ein echter Steinway. Doch für Jättkowski-Eckert ist er mehr als ein Musikinstrument. „Er ist meine verlängerte Seele“, sagt sie zärtlich. Dann sieht sie sich um, betrachtet die Astern, die in ihrem Garten wachsen. „Und das Haus ist meine Oase“, sagt sie schließlich.

Irmelin Jättkowski-Eckert, geboren 1939, ist Pianistin, „seit meine Nasenspitze zu den Tasten reicht“. Schon ihre Mutter war Organistin, der Vater Musiklehrer. Das Klavierspiel hat sie durch die Wirren ihres Lebens begleitet: nach der Flucht aus ihrer Heimatstadt Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, übte sie in der neuen Wohnung in Westberlin. „Dabei war dort kaum Platz für ein Klavier“, sagt Jättkowski-Eckert lächelnd. Sie studierte an der Hochschule der Künste und wurde Schülerin des chilenischen Starpianisten Claudio Arrau. Sie gab Konzerte im In- und Ausland, zuletzt 2003, für eine Gala zu Ehren ihres Lehrers. Heute erteilt Jättkwoski-Eckert Klavierunterricht. Doch der Auftritt vor Publikum fehle ihr. „Gerade Kammermusik ist ja etwas sehr Intimes“, erzählt die Musikerin. Deshalb habe sie sich für „Piano City“ beworben.

Mit ihren 71 Jahren ist sie die „Grand Dame“ der Veranstaltung. Ihr Klavierstimmer hatte sie auf „Piano City“ aufmerksam gemacht. Die Idee, in ihrer Wohnung ein Konzert zu geben, gefiel ihr – doch wie man ein Video dreht, das wusste die 71-Jährige nicht. „Zuerst habe ich es selbst versucht“, erzählt sie. „Doch als wir es uns ansehen, stand das Bild auf dem Kopf.“ Schließlich bat sie einen Schüler um Rat. Er half Irmelin Jättkowski-Eckert bei den Aufnahmen und schickte sie an das Radialsystem. Die Jury mochte ihre Musik – und ihr Wohnzimmer. Sie nahm die Pianistin in das Programm auf.

Karten für „Piano City“ gibt es nur auf der Homepage des Radialsystems. Dort finden sich auch musikalische Kostproben jedes Künstlers und ein Hinweis auf den Stadtteil, in dem der Pianist wohnt. Die komplette Adresse erfährt der Käufer erst nach dem Ticketkauf. Die Kombinationen zwischen Musikstilen und Orten sind vielfältig: Ob Free-Jazz in Friedrichshain oder Bach in Moabit, für jeden Geschmack findet sich das passende Hauskonzert.

35 Karten bietet Irmelin Jättkowski-Eckert für ihr Konzert am 24. Oktober an. Wer nachher in ihrem Wintergarten sitzen wird – darauf hat sie keinen Einfluss. „Es müssen keine Musikexperten sein“, sagt sie, „sondern einfach Menschen, die offen sind.“ Für das einstündige Programm hat sie sich die „24 Préludes“ von Chopin ausgesucht, eines ihrer Lieblingsstücke. „Das möchte ich mit den Zuhörern teilen“, sagt Jättkowski-Eckert. Ihr Auftritt dürfte ganz im Sinne des Komponisten sein. „Chopin liebte das große Podium nicht“, erzählt die Künstlerin lächelnd. „Er spielte lieber in Salons – für seine Freunde.“

■ 23. und 24. Oktober. Neben den Wohnzimmerkonzerten gibt es im Radialsystem auch eine „Lange Nacht der Klaviermusik“. Informationen und Karten unter www.pianocity-berlin.com