Die Schwachen kämpfen für sich allein

ENDZEIT In John Hillcoats Spielfilm „The Road“ irren Vater und Sohn durch eine apokalyptische Landschaft. Die setzt der Regisseur atemberaubend in Szene, doch an die literarische Vorlage von Cormac McCarthy hält er sich etwas zu penibel

In den Trümmern der Zivilisation ist das Leben der Menschen denkbar unkompliziert. John Hillcoats Endzeit-Film „The Road“ reduziert die menschliche Existenz auf eine Reihe von Entweder-oder-Entscheidungen. Schieß oder lauf. Friss oder stirb. Gut oder böse. Zwei Sorten Menschen gebe es, erklärt der Vater (Viggo Mortensen) seinem Sohn (Kodi Smit-McPhee). Die guten tragen das Feuer in ihrem Herzen. Die schlechten fressen ihre eigenen Kinder. Die schwarz-weiße Weltsicht des Vaters steht im harschen Kontrast zu den grau-monochromen Bildern von Hillcoats Film. Mit der Hoffnung scheint auch die Farbe aus der Welt gewichen, alles sieht gleichermaßen trist aus: die zerfallenen Städte und sterbenden Wälder, das Land und das Meer, die guten und die schlechten Menschen in ihren Lumpen. Und weil jeder Überlebende auch ein potentieller Konkurrent um die letzten Resourcen ist, gehen sich die Menschen vorsichtshalber ganz aus dem Weg. Gefahr droht in „The Road“, wenn sich Schemen am Horizont abzeichnen oder Motorenlärm in der Ferne zu vernehmen ist. Das Solidarprinzip ist bei Hillcoat außer Kraft gesetzt: Die Starken raufen sich zu Horden zusammen, die Schwachen kämpfen für sich allein.

Der Mann und der Junge ziehen durch diese Katastrophenlandschaft. Wie lange schon, beantwortet der Film nicht – auch nicht, was über die Welt hereingebrochen ist. Bilder aus der Zeit, bevor die Lichter ausgingen, blitzen als flüchtige Erinnerungen auf. Etwas länger dauern die Rückblenden in die Zeit kurz nach der Apokalypse. Der Mann und seine schwangere Frau (Charlize Theron) streiten über die Zukunft ihres Kindes; sie hat ihren Lebensmut verloren. Es sind die Männer, die in „The Road“ das Feuer in ihrem Herzen tragen. Frauenfiguren kommen in den Romanen von Cormac McCarthy, auf dessen Vorlage Hillcoats Film basiert, meist nur am Rande vor. So verschwindet die Mutter wortlos in der Dunkelheit und lässt Vater und Sohn zurück. Die Kernfamilie ist zerbrochen, allein das Kind verkörpert noch einen vagen Glauben an die Zukunft. „Der Junge ist mein Zeugnis“, sagt der Mann zu Beginn aus dem Off, „und wenn er nicht das Wort Gottes ist, dann hat Gott nie gesprochen.“

„The Road“ stellt den Überlebenden keinen letzten Zufluchtsort in Aussicht

McCarthys granitartige, schmucklose Sätze klingen wie aus einer fernen literarischen Vergangenheit, und ähnlich anachronistisch wirkt auch Hillcoats Film. Nie sah das Ende der Welt atemberaubender aus: dunkle Wolkengebilde vor einem schwefelgelben Himmel, ein verlassener Tanklaster auf einer freistehenden Brücke und immer wieder morsche Baumriesen, die krachend in sich zusammensinken. Hillcoat, seit seinem Western „The Proposition“ ein Spezialist für desolate Landschaften und verdreckte Gestalten, übersetzt die morbide Schönheit von McCarthys Beschreibungen in emblematische Einstellungen, die Fans des Romans gefallen dürften.

Die Ikonografie von „The Road“ erinnert also nicht ganz zufällig an den Western. Wie Django seinen Sarg zieht der Vater einen Wagen mit Nahrungsmitteln hinter sich her. Noch mehr Ähnlichkeit weist McCarthys Geschichte allerdings mit Kazuo Koikes Samurai-Saga „Lone Wolf and Cub“ auf, die an das Western-Sujet des „Lonesome Riders“ angelehnt ist. Wie bei Koike kennt der Weg von Vater und Sohn kein Ziel. „The Road“ zerfällt in eine Abfolge von Begegnungen, die exemplarisch den Zerfall einer Wertegemeinschaft illustrieren: marodierende Banden, Vergewaltiger, eine Kannibalenfamilie, ein blinder Mann (Robert Duvall), der über den Verbleib seines Sohnes lieber schweigen möchte. McCarthy und Hillcoat vollziehen einen radikalen Bruch mit einem Standard des Endzeit-Genres: „The Road“ stellt den Überlebenden, anders als „I Am Legend“ oder Romeros Zombie-Filme, keine utopische Enklave als letzten Zufluchtsort in Aussicht.

Es dauert eine ganze Weile, bis Hillcoat den Kern von McCarthys Geschichte freigelegt hat. Die Begegnung mit einem Dieb (Michael K. Williams, bekannt als schwuler Gangster Omar aus der HBO-Serie „The Wire“) bringt schließlich den zentralen Konflikt von „The Road“ zum Vorschein, der sich um Fragen des Gemeinwesens dreht. Was gewährleistet die Zukunft der Menschheit? Das physische Überleben der Spezies? Oder etwas weit Abstrakteres: die Vermittlung von Werten, auf denen eine zukünftige Gesellschaft errichtet werden könnte? Der Vater hat den Darwinismus seiner Umwelt zu sehr verinnerlicht; er nimmt dem Dieb, der sich ihrer Habseligkeiten bemächtigte, zur Strafe noch das letzte Kleidungsstück. Zitternd bleibt der nackte Mann in der Kälte zurück. Im mitfühlenden Blick des Jungen deutet sich der moralische Konflikt an, der unter der Oberfläche der Bilder schwelt.

Wenn Hillcoat dennoch nicht zum Herzen des Romans vorstößt, so mag das daran liegen, dass er sich etwas zu sklavisch an die Vorlage hält. McCarthys Prosa besitzt eine eigene filmische Qualität, die Dichte seiner mythisch aufgeladenen Sprache ist besonders anfällig für die Vereindeutigung des Filmbildes. Was im Roman gravitätisch anmutet, sieht im Kino schlimmstenfalls pittoresk aus. „The Road“ kann diese gefühlte Leere bis zum Schluss nicht kompensieren. Ob es an der Ausweglosigkeit der Geschichte liegt oder der peniblen Werktreue Hillcoats, lässt sich mit letzter Gewissheit nicht sagen. ANDREAS BUSCHE

■ „The Road“. Regie: John Hillcoat. Mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee u. a. USA 2009, 111 Min.