Teure Schnäppchen

Preise für Marmorwaschbecken fallen rasant. Die Produzenten in Indien bezahlen das mit unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. XertifiX sichert ihnen einen Mindeststandard

Ein Marmorwaschbecken können sich inzwischen Normalverdiener leisten. Und auch Granit ziert immer mehr Toiletten und Terrassen von Eigenheimen. Im Baumarkt oder im Internet gibt es einen Quadratmeter Granitplatte mittlerweile schon als Schnäppchen für 20 Euro. Anfang der 80er-Jahre lag der Preis noch fünf- bis zehnmal so hoch. Vor allem Indien exportiert immer mehr Sand- und Kalkstein, Marmor und Granit. Jährlich rollen von dort 10 bis 30 Prozent mehr Brocken auf den Markt.

Das große Angebot und die rasant sinkenden Preise erfreuen Häuslebauer und Grabsteinhändler – und sind fatal für die Menschen, die in den Steinbrüchen arbeiten. Der indische Industrieverband geht davon aus, dass inzwischen über eine Million Menschen in der Branche beschäftigt sind. Zwar hat niemand einen Überblick über die Bedingungen in den zehntausenden, zum Teil sehr kleinen Abbaubetrieben. Doch eine Studie des kirchennahen Südwind-Instituts beschreibt anhand von Beispielen, wie es dort zugeht.

In dem kleinen Ort Budhpura im Bundesstaat Rajasthan sehen sich immer mehr ehemalige Bauern gezwungen, in den Sandsteinbrüchen zu arbeiten, weil der Staub aus den Abbaugebieten ihre Pflanzen zudeckt und ihre Ernte deshalb immer magerer ausfällt.

Die Löhne sind niedrig – und in den vergangenen Jahren weiter gesunken, weil die Firmenchefs Wanderarbeiter aus besonders armen Landesteilen angeworben haben. Viele von ihnen müssen inzwischen als Schuldknechte schuften. Sie haben von den Minenbesitzern Geld geliehen, um Arztkosten oder den Lebensunterhalt während der Betriebsferien in der Regenzeit bezahlen zu können; nun müssen sie die oft willkürlich festgelegten Zinsen abarbeiten. Weil sie in der Regel Analphabeten sind, hauen die Kreditgeber sie hierbei häufig übers Ohr.

Oft reicht die Arbeitskraft der Schuldner nicht aus, um die Forderungen zu erfüllen. Deshalb sind ihre Kinder gezwungen, ebenfalls Steine zu brechen, zu schleppen und weiterzuverarbeiten. Der Einsatz der Jungen und Mädchen, die durchschnittlich mit zehn Jahren zu arbeiten anfangen, drückt das Lohnniveau weiter. Sterben die Eltern, erben die Kinder die Schulden.

Die von Südwind veröffentlichte Untersuchung schätzt, dass 15 bis 20 Prozent der Arbeiter in den Steinbrüchen in der Region rund um Budhpura Kinder sind. Ausgerechnet sie müssen die schmutzigsten und gesundheitsgefährdendsten Arbeiten verrichten wie das Zertrümmern der Steine. Für einen Achtstundentag verdienen sie zwischen 73 Cent und 1 Euro. Erfahrene Steinmetzen können mit etwa 2,17 Euro am Tag rechnen.

Die Wanderarbeiterfamilien leben in Notunterkünften neben den Minen. Trinkwasser müssen sie zum Teil kilometerweit heranschleppen, Schulen gibt es hier in der Regel nicht – obwohl in Indien offiziell Schulpflicht gilt. Kaum jemand besitzt etwas, was auch nur ansatzweise als Arbeitsschutzkleidung durchgehen könnte. Viele Menschen leiden aufgrund des permanenten Einatmens des feinen Staubs an Quarzstaublunge. Zunächst macht sich die Krankheit durch Reizhusten und Auswurf bemerkbar; später kommen Atemnot und Brustschmerzen hinzu, und das Herz wird stark belastet. Die Lebenserwartung der Minenarbeiter in der Region beträgt nur 40 bis 50 Jahre.

Noch katastrophaler ist die Situation in den Granitminen im Bundesstaat Karnataka, wie eine Delegation mehrerer Nichtregierungsorganisationen im vergangenen Jahr recherchiert hat. Von den 400.000 Menschen, die hier im Bergbau beschäftigt sind, ist schätzungsweise die Hälfte Kinder. Sogar Fünfjährige sind hier im Einsatz. Obwohl nach Presseberichten über die Situation einige Schulen eingerichtet wurden, tauchen die Jungen und Mädchen nur selten im Klassenzimmer auf. „Ohne ein umfassendes Sozialprogramm, das bei den Bedürfnissen der Betroffenen ansetzt, wird sich nichts ändern“, schreibt Südwind.

Und der Druck nimmt zu. Denn obwohl die Betriebe von Jahr zu Jahr mehr Masse liefern, gleicht das den immensen Preisverfall nicht aus. So verkauften indische Firmen im vergangenen Jahr 13 Prozent mehr Marmor – und verdienten dennoch 13 Prozent weniger als zuvor.

Wie viele Tonnen Steine Indien nach Deutschland exportiert, lässt sich nicht genau abschätzen, weil viel Ware erst über Umwege hierher gelangt. Zum Teil kommen die Blöcke roh an, oft aber auch bereits zu Grabsteinen, Fensterbänken und Bodenplatten verarbeitet.

Parallel brechen deutsche Firmen reihenweise zusammen. Nur noch 40 Prozent des deutschen Steinbedarfs werden aus dem Inland gedeckt, schätzen die Abbauunternehmen. Beim Granit hat sich die deutsche Produktion laut Statistischem Bundesamt seit dem Jahr 2000 halbiert. Vor hundert Jahren war Deutschland hier noch Weltmarktführer. „Wir hatten das Patent für ein Granitpoliturverfahren und haben sogar Opernhäuser in Paraguay ausgestattet“, berichtet Reiner Krug, Geschäftsführer des Natur-Werkstein-Verbands. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten allein im Bayerischen Wald etwa 20.000 Bergleute; heute sind dort noch 200 beschäftigt.

Zwar sind die Einflussmöglichkeiten der deutschen Käufer auf die Situation in den indischen Steinbrüchen begrenzt: 90 Prozent der abgebauten Brocken verbleiben in Indien. Doch einige süddeutsche Steinmetzen und -händler wollen zumindest bei ihren Lieferanten bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen. Sie haben deshalb das Siegel XertifiX initiiert, das den Käufern garantieren soll: In den entsprechenden Steinbrüchen gibt es weder Schuldknechtschaft noch Kinderarbeiter. Die Menschen haben Zugang zu Trinkwasser, bekommen Mundschutz und Ohrstöpsel, und es gibt schattenspendende Unterstände.

Die Freiburger Firma Signum und das Natursteinwerk Bawinkel sind die ersten Lizenznehmer des Siegels. Die Reaktionen der Kundschaft seien sehr positiv, berichtet der Bawinkler Geschäftsführer Ludger Rembeck. „Vielen Kunden ist es wichtig, dass keine Kinder- und Sklavenarbeit in den Steinen steckt.“ 3 Prozent mehr zahlt seine Firma für jeden Einkauf in Indien. Dafür sollen die Steinbrüche überprüft und vor allem soziale Projekte und Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder finanziert werden. Für Rembeck steht dahinter eine schockierende persönliche Erfahrung: Als er bei einem Besuch in Indien Fünf- und Sechsjährige in einem Steinbruch entdeckte, protestierte er laut bei dem Betreiber. Die Konsequenz für die Mädchen und ihre Eltern war fatal. „Alle wurden sofort entlassen, und sie haben sogar die Hütte auf dem Betriebsgelände verloren“, berichtet Rembeck. Den Aufpreis hält er deshalb für eine gute Investition: Bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen gibt es nicht als Schnäppchen.