Vorlesen im Knast

Im Rahmen des 6. Berliner Literaturfestivals las Claire Keegan aus ihren Erzählungen in der JVA Moabit. Es war kein leichter Auftritt vor 70 Männern

Die Irin Claire Keegan hat vor Häftlingen in der Moabiter Vollzugsanstalt aus ihrem Erzählband „Antarctica“ gelesen. Es ist ihre erste Lesung in einem Knast, sagt sie. Ihr ist sichtbar unwohl, als sie vor der Veranstaltung durch das sternförmige Hauptgebäude aus der Kaiserzeit geführt wird. Dort sind 1.200 Häftlinge untergebracht.

Eiserne Türen gehen auf. Gudrun Petersen-Buck, die pädagogische Leiterin der JVA Moabit, geht vorweg, eine weitere Beamtin hinterher und schließt die Türen wieder ab. Die Schlüssel sind riesig und sehen aus, als seien sie auch noch aus dem vorletzten Jahrhundert. Während die Frauen die Stockwerke hinaufsteigen, fragt die 38-jährige Keegan die Anstaltspädagogin, ob sie ihre Arbeit gerne mache. Für einen Moment scheint Petersen-Buck irritiert, bevor sie die Frage bejaht. Gerade während der ersten Zeit in der Haft sei für den Insassen eine pädagogische Betreuung wichtig, erklärt sie. Die Bedingungen seien ohnehin schwierig, weil die JVA Moabit überbelegt ist. „Die Hafträume sind sehr klein, oftmals messen sie nur neun Quadratmeter und teilweise sind darin zwei Personen untergebracht. Eigentlich ist das rechtswidrig“, erzählt Petersen-Buck.

Die Lesung findet in der Turnhalle unter dem Dach eines Traktes statt. Die Halle ist so groß wie ein Volleyballfeld. Etwa 70 Häftlinge haben sich eingefunden. Claire Keegan sitzt auf dem Podest. Sie trägt Jeans und Chucks. „Hello to everybody“, begrüßt sie ihre Zuhörer. „Hello“, schallt es im Chor zurück wie in einer Kaserne. „It’s nice to be here“, sagt Keegan. Gelächter. Nein, niemand ist gerne in einem Gefängnis. Der Berliner Schriftsteller Martin Jankowski liest aus der deutschen Übersetzung vor, die „Wo das Wasser am tiefsten ist“ heißt. Die Protagonistin von Keegans Kurzgeschichte ist glücklich verheiratet, hat sich aber vorgenommen, einmal in ihrem Leben fremdzugehen.

Provokante Erzählung

Die Textwahl ist provokant, schließlich sitzt Keegan einem Publikum gegenüber, das nur aus Männern besteht. Die anfängliche erotische Brisanz der Erzählung findet durchaus Anklang bei ihren Zuhörern. Das legt sich aber schnell, denn die Handlung wandelt sich hin zu einem Albtraum für die Frau. Gefesselt und geknebelt wird sie von einem ihr fast unbekannten Mann festgehalten.

In der anschließenden Diskussion sagt Keegan, sie habe eine riskante Situation schildern wollen, die sich dramatisch zuspitzt. Eine solche Grenzerfahrung können viele Zuhörer nachempfinden. In Freiheit würde von ihnen wohl kaum einer je zu einer Lesung gehen; die Ungleichheit zwischen einer Handvoll Personen von draußen und den Häftlingen ist offensichtlich. Dennoch gelingt es für eine kurze Zeit, diesen Gegensatz mittels einer erzählten Geschichte zu überbrücken.

Dies alles geschieht unter den Blicken des Wachpersonals an jedem Zugang zur Turnhalle. „Die Stimmung war sehr typisch für die JVA Moabit“, erzählt Martin Jankowski nach der Lesung. Bereits zum vierten Mal hat er anlässlich des Literaturfestivals eine Veranstaltung in Moabit organisiert. „Die meisten Gefangenen sitzen in Untersuchungshaft und warten noch auf ihren Prozess; diese Anspannung liegt in der Luft und ist zu spüren.“

Jankowski ist es ein Anliegen, Literatur an solche Orte zu bringen, die das Festival sonst nicht erreicht. Dafür gebe es eine Notwendigkeit, findet er. „Untersuchungshäftlinge sind normalerweise bis zu 23 Stunden am Tag eingeschlossen“, sagt Gudrun Petersen-Buck. „Immer wieder kommt es zu Selbsttötungen.“ Neun Suizide gab es bereits in diesem Jahr. Den letzten erst diese Woche.