Das ist Krieg, Sergej, Krieg!

VERLUSTE Viktor Motz wollte seinen Sohn noch aufhalten. Er hatte mit der Sowjetarmee selbst in Afghanistan gekämpft. Aber Sergej hörte nicht auf ihn, flog für die Bundeswehr an den Hindukusch. Und starb

Es ist die Luft, denkt Viktor Motz. Oder die Berge. Das Licht? Nun ist er zurückgekommen nach Afghanistan, in dieses verdammte Land, in dem seit 26 Jahren seine Albträume spielen – aber es fühlt sich an, als käme er nach Hause. Vielleicht, weil er nie richtig weg war. Seine Träume handeln vom Krieg, in dem er hier in den achtziger Jahren kämpfte, davon, wie er als sowjetischer Soldat schoss, litt, tötete damals. Seit einiger Zeit mischen sich Bilder seines Sohnes dazu, Bilder von Sergej. Vor einem Jahr ging auch der nach Afghanistan, um zu kämpfen, wie Viktor 26 Jahre vor ihm.

Doch Sergej Motz kämpfte für ein anderes Land, für Deutschland. Überlebt hat er es nicht.

Am 29. April 2009 fällt der 21-jährige Russlanddeutsche in Afghanistan. Er ist der erste deutsche Soldat seit Ende des Zweiten Weltkriegs, der in einem Feuergefecht sein Leben verliert.

Sein Leben: Sergej Motz wird am 12. Juni 1987 in Ekibastus in Kasachstan geboren. Im Alter von neun Jahren zieht er mit seinen Eltern nach Deutschland. Im Januar 2007 wird er Soldat beim Panzergrenadierbataillon 294 in Stetten am kalten Markt, später ist er in Donaueschingen stationiert. Motz verpflichtet sich bis Ende 2010 bei der Bundeswehr. Im März 2009 fliegt er nach Afghanistan.

Sein Tod: Mit einer Patrouille ist er nach einer Erkundung auf dem Rückweg, als der Panzer beschossen wird. Motz stirbt am 29. April 2009. Bei der Trauerfeier sagt der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung, Motz sei „im Einsatz für den Frieden gefallen“. Er ist der erste deutsche Soldat, der nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Gefecht stirbt.

Sergej Motz’ Geschichte handelt von den Zufällen, die den einen sterben, den anderen überleben lassen. Sie handelt von einem Krieg, den selbst der zuständige Minister umgangssprachlich erst so nennt, seit sich die hohe Zahl der Toten nicht mehr anders erklären lässt. Und sie handelt von einem Vater, der sich quält, weil er seinen Sohn nicht aufgehalten hat.

Deshalb steht Viktor Motz jetzt auf dem Flughafen von Kundus, ein trauriger, kleiner Mann mit starken Schultern unter der schusssicheren Weste. Er schaut auf die verrosteten Sowjethubschrauber, die neben dem Flugfeld stehen, wie zwei alte Bekannte, und atmet die Luft, die immer noch nach Staub riecht und nach verbrannten Kuhfladen. Es ist Februar 2010, zehn Monate nach Sergejs Tod. Viktor Motz ist auf Einladung der Bundeswehr in Afghanistan. Noch einmal nach Kundus, noch einmal Abschied nehmen. Vielleicht findet seine Seele dann endlich etwas Ruhe. Viktor Motz will sehen, wo sein Sohn seine letzten Tage verbracht hat, wo er gekämpft hat, wo er gestorben ist. Und vor allem: wofür?

Der Morgen des 29. April 2009: Die Luft ist noch mild über dem Lager von Kundus, als Sergej Motz in seinem Zelt aufwacht. Er frühstückt nicht, ruft lieber noch schnell Helena an, seine Freundin. Um 10 Uhr versammeln sich die 33 Soldaten des Jägerbataillons 292, F-Zug, zur Lagebesprechung. Dann klettern Sergej und seine Kameraden in ihren Schützenpanzer; der „Fuchs“ stammt noch aus den Achtzigern. Der Auftrag: „Gesprächsaufklärung“ bei den Dorfältesten in dem Ort Gul Tepa 3, circa 15 Kilometer südwestlich von Kundus – eine Routinesache, mehr nicht.

Die Fahrt geht vorbei an Dörfern, in denen Kinder spielen, vorbei an Feldern, auf denen Bauern mit ihren Handys telefonieren, während sie mit mittelalterlichen Pflügen den Acker bestellen. Drinnen im Panzer sieht Motz davon nicht viel. Er ist müde, wie alle anderen. In den 55 Tagen, die sie hier sind, hatten er und seine Kameraden nur anderthalb Tage frei.

Einmal die Woche ruft Sergej Motz bei den Eltern an. Alles okay so weit, sagt er dann, nur von einer Sache hätten sie die Nase voll: Nie dürfen sie eingreifen, wenn sie bei einer Patrouille Verdächtige aufspüren oder wenn einer ihrer Spähpanzer beobachtet, wie die Gegner einen Mörser zum Abschuss vorbereiten. „Immer nur melden“, heißt es. Gefechte sind von der Führung nicht erwünscht, Verluste, alles, was das Bild des „Stabilitätseinsatzes“ trüben könnte, das zu der Zeit noch geprägt wird.

Motz und seine Kameraden finden das frustrierend, wozu sind sie dann da? Abends fliegen ihnen die Raketen um die Ohren. Manchmal spielen sie Raketen-Bingo. Vor der Dämmerung, bevor die Einschläge kommen, machen sie ihre Einsätze: Die Soldaten tippen, in welche Lager-Sektoren wann wie viele Raketen einschlagen werden. Sie werfen einen Fünfer in den Topf, und wenn die Raketen pfeifend ins Lager fliegen, werfen sie sich auf den Boden. In der Hoffnung, dass es nicht sie, sondern den richtigen Sektor trifft. Soldatenhumor. Am Telefon erzählt Sergej Motz lieber Belangloses, Beruhigendes: Das Wetter ist schlecht, die Landschaft ist schön, heute gab’s Schnitzel. Alltag in Kundus.

Viktor Motz hat sich schon Tausende Male durch diesen Alltag geklickt. Es gibt viele Videos und Fotos von Sergej aus dem Einsatz. Viktor Motz hat sie auf seinem Computer, Erinnerungen an seinen Sohn, die ihm umso mehr die Kehle zuschnüren, weil Sergej immer so glücklich aussieht: Die jungen Männer posieren wie Rambo mit Knarre und Sonnenbrille, fangen Käfer, filmen Schildkröten, buddeln sich gegenseitig ein, bis nur noch der rasierte Kopf herausschaut. Oft sitzt Viktor Motz zu Hause am Rechner und betrachtet diese letzten Wochen seines Sohnes.

Jeden einzelnen Tag hatten er und seine Frau auf dem Wandkalender durchgestrichen, als Sergej weg war – 55 Kreuze, fein säuberlich gezogen, wie mit dem Lineal. Der 29. April ist frei geblieben. Es ist der Tag, an dem die Welt des Vaters untergeht. Der Tag, an dem sein Sohn in der „Tagesschau“ kommt und sich die Deutschen erneut fragen, ob tote Soldaten nun wieder zum Alltag ihres Landes gehören, Krieg.

Es ist Nachmittag, als Sergej Motz’ Kolonne Gul Tepa 3 erreicht. Einige Soldaten gehen ins Dorf, um die immer gleiche Frage zu stellen: „Was braucht ihr?“ Nach zwei Stunden fährt die Kolonne los. Sergej sitzt im „Fuchs“-Panzer. Dort ist es stickig, laut, Sergej Motz ist es leid. Er fragt seinen Kameraden Julian Krammer, der immer hinten links in der offenen Luke am Maschinengewehr steht, ob sie mal Plätze tauschen können. Es ist zu ihrem Ritual geworden. Motz fragt: „Kann ich?“ Krammer sagt: „Nee.“ Heute ist es anders: Krammer lässt sich in den Panzer fallen. „Kannste machen“, sagt er. Sergej Motz drückt sich von unten in die Luke – Minuten später stirbt er dort.

Warum er mit Sergej Motz den Platz getauscht hat? Darüber denkt Krammer heute noch nach. Er hat es gedreht, gewendet. An Schutzengel glaubt er nicht, an Gott sowieso nicht, Schicksal? „Hmmm. Vielleicht.“ Der junge Mann mit dem kurz geschorenen Haar sitzt am Esstisch des alten Hauses nahe Schwäbisch Hall, in dem er mit seiner Freundin wohnt. An den Enden der Gardinenstangen hängen Stahlhelme, im Wohnzimmer stehen eine MG aus Wehrmachtszeiten, Gewehrschäfte, Zünder, alles auf Hochglanz poliert. Seit Krammer 16 ist, geht er mit dem Metalldetektor in die Wälder und sucht nach alten Waffen. Das entspannt ihn, sagt er, die Ruhe, die Natur, die Schicksale hinter den Fundstücken interessieren ihn. Jetzt blättert er in seinem Tagebuch, sucht die Seite, auf der es um Sergejs Schicksal geht, präzise beschrieben in traurigen Details. In dem Tagebuch hat er seinen Einsatz protokolliert, sagt Krammer. So hatte er das mit seiner Freundin abgemacht, für den Fall, dass ihm etwas zustößt.

„Kurz nachdem wir die Plätze getauscht hatten, passierten wir eine Tankstelle“, liest er vor. „Auf der Hinfahrt saßen überall Leute, jetzt war sie menschenleer.“ Hundert Meter weiter fallen plötzlich Schüsse – von links, von rechts. Die Kugeln prasseln auf die Außenhaut des Panzers, „wie Regen“, sagt Krammer. Sergej Motz feuert zurück, das MG rattert, durch das Heckfenster sieht Krammer acht, neun dunkel gekleidete Gestalten auf die Straße laufen. Sie zielen mit Kalaschnikows auf den „Fuchs“, dann sacken sie zusammen, einer nach dem anderen. „Sergej hat schön reingehalten“, sagt Krammer. Auch ihre Kameraden in den anderen Luken feuern pausenlos. Die Leuchtspurmunition zieht rote Linien über die Gräben und Lehmmauern, hinter denen die Angreifer liegen.

Sergej Motz’ MG klemmt ständig, er macht mit dem G36-Gewehr weiter, kurze, konzentrierte Salven. Dann feuern die Angreifer mit Panzerfäusten. Fünf Granaten verfehlen das Ziel, schlagen neben, hinter, vor dem „Fuchs“ ein. Die sechste Granate „klopft nur an“, wie Krammer später schreiben wird. Die siebte trifft den Panzer hinten links zwischen Funkgerät und Außensprechstelle. Sie durchdringt den Stahl, trifft Sergej, an der rechten Körperseite unterhalb des Brustkorbs. Links am Körper tritt der Sprengkörper wieder aus.

Die Eltern wollen nicht mehr so oft an sein Grab. Wir müssen zur Ruhe kommen, sagt der Vater. Nur wie?

Gruppenführer P. wird von der Detonation aus der Luke geschleudert, die Splitter zerreißen den Feuerlöscher, das Pulver vernebelt alles, Krammer atmet nur noch das Halongas aus dem Löschzylinder. Er springt zu einer der Luken, schnappt nach Luft, reißt sich die mit Splittern gespickte Schutzbrille herunter, befühlt sein blutendes Gesicht. Die anderen im Panzer feuern schon wieder.

„Doch Motz“, schreibt Krammer später, „lag hinten und regte sich nicht. Keine Bewegung. Kein Schreien. Nichts.“ Krammer klettert zu ihm, versucht, ihn an der Schulter zu packen, ihn aufzurichten, aber der Griff geht ins Leere. Da ist nichts mehr. Der Boden des Panzers ist schon bedeckt mit Motz’ Blut. Krammer reißt ihm die schusssichere Weste vom Körper, greift in Sergej Motz hinein, versucht, die Arterie zu finden, um sie abzudrücken, so hatten sie es gelernt. Hoffnungslos. „Ich hab versucht, ihn abzubinden, aber da war kein Ansatz, wo man abbinden konnte“, steht im Tagebuch. „Herz-Lungen-Wiederbelebung auch keine Chance.“ Irgendwann hält Krammer inne. „Sergej“, sagt er, „entschuldige, ich kann nichts mehr für dich tun.“ Dann wischt er sich das Gesicht am Ärmel ab und die Hände und dreht sich weg. Oben rattern die Gewehre.

Den Ort, an dem sein Sohn starb, durfte Viktor Motz bei seinem Besuch in Afghanistan nicht sehen. Zu gefährlich, sagten die Bundeswehrleute. Dort, wo im Lager Sergejs Zelt stand, war nur noch eine leere Fläche. Trotzdem hat es ihm geholfen, zum Kriegsschauplatz zu reisen. „Als ich dort war, war meine Seele leichter“, sagt Viktor Motz heute, er fühlte sich seinem Sohn nahe, „aber dort ist dort.“ Und hier ist hier, könnte er jetzt sagen, aber er greift lieber nach dem Arm seiner Frau.

Sein Besuch in Kundus ist zwei Monate her. In Bad Saulgau, einem Städtchen in der sanften Landschaft zwischen Ulm und dem Bodensee, ist Frühling. Viktor und Galina Motz gehen über den Friedhofsweg an der Kapelle vorbei zu Sergejs Grab, das von allen Gräbern am reichsten geschmückt ist, Blumen, Kerzen, gravierte Steine, sein Foto. Als wäre er erst gestern gestorben. Seit einiger Zeit versuchen Sergejs Eltern, nicht mehr so oft hierherzukommen. „Nur einmal die Woche“, sagt Viktor. „Wir müssen zur Ruhe kommen.“

Nur wie?

An dem Tag, an dem Sergej sein Leben verlor, ist ihres aus den Fugen geraten. 1996 waren sie als Spätaussiedler aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Viktor Motz hatte schnell Arbeit gefunden als Schweißer, sie waren stolz auf ihr Haus, die Kinder waren glücklich. Aber was zählt das alles, wenn eines von ihnen jetzt hier begraben ist? Täglich kommen sie an Sergejs Lebensstationen vorbei: An der Förder- und der Hauptschule; mit seinen Kumpels hing er auf den Bänken am Gymnasium ab oder am Bahnhof. In den Ferien schnappten sie sich einen Ghettoblaster und fuhren zum Bodensee. Eine normale Jugend in Deutschland. Nur was seinen Berufswunsch angeht, war Sergej anders als die anderen. Als er in seiner Klasse sagt, er wolle Soldat werden, johlen alle. Beknackt, Alter. Sergej sagt: „Ich will das halt.“

Er sei wahnsinnig stolz gewesen, Soldat zu sein, sagt die Mutter, eine kräftige Frau. Sie zieht die Schultern hoch. Die Eltern sind zurück vom Friedhof, beide sitzen am Küchentisch, vor sich Kaffee. Sergej habe das schon als Kind gewollt. In Russland zähle das etwas, Soldatsein, „mein Vater war Offizier, mein Bruder auch“. Viktor Motz sagt nichts. Er schaut auf seine Hände, die auf der Tischplatte ruhen. Hat er mit Sergej über seine Soldatenzeit geredet? „Kaum“, sagt er. Stille. Während des Wehrdienstes sei Sergej so begeistert gewesen, sagt Galina Motz. „Im Wald schlafen, marschieren, schießen – ihm hat das alles Spaß gemacht.“ Sie weint jetzt. Viktor schweigt. Als sich Sergej dann verpflichtete, hätten sie nichts mehr dagegen gesagt, erzählt Galina Motz. Im August 2008 kam plötzlich der Bescheid, Sergej sollte nach Afghanistan. „Mir ist ein Schauer über den Rücken gelaufen“, sagt Galina Motz, „Viktor hat dann mit Sergej diskutiert, viel geredet.“ Endlich. „Ich habe ihm gesagt, das ist Krieg, Sergej, Krieg! Keine Friedensmission!“, sagt Viktor Motz. Doch sein Sohn wollte das nicht hören. Er freute sich auf den Einsatz.

In den letzten Tagen vor der Abreise verbrachte Sergej Motz viel Zeit mit seiner Freundin, die er heiraten wollte. Als die Mutter verlangte, dass sie alle noch ein gemeinsames Foto machten, sträubte er sich erst – wozu? –, dann ging er doch mit zum Fotografen. Eine Umarmung, ein Kuss. Dann war Sergej fort.

„Ich bin schuldig“, sagt Viktor Motz. Er sieht dabei aus, als würde er gleich weinen, aber er tut es nicht. Kann er nicht, sagt er. Es sind diese Fragen, die ihn quälen: Warum hat er seinen Sohn in einen Krieg ziehen lassen, den er nicht falsch findet, aber falsch geführt, zu feige. Er, der bis heute selbst gepeinigt wird von seinen Kriegsträumen, vom Trauma. Er, der von sich sagt, der Krieg habe ihn härter, gröber, kälter gemacht. Er kannte das doch alles.

Der Einschnitt: Mit dem Tod von Sergej Motz habe sich die Lage im deutschen Einsatzgebiet in Afghanistan deutlich verschlechtert, sagte Oberst Georg Klein vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags, wo er sich für den Luftschlag von Kundus verantworten musste. Ab Mai 2009 hätten sich seine Soldaten und die afghanischen Kräfte dann „fast täglich im Feuerkampf“ befunden.

Die Einsicht: Die deutsche Öffentlichkeit erfährt von den Kämpfen zunächst wenig, obwohl seit 2002 in Afghanistan 43 Bundeswehrsoldaten gestorben sind. Lange ist von einem „Stabilisierungseinsatz“ die Rede, für den Frieden. Der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird deutlicher. Ein Jahr nach Motz’ Tod spricht Guttenberg „umgangssprachlich von Krieg“.

Hat er dort auch getötet? Der Vater nickt, „viel, viel“

Er war 18, als er im Oktober 1982 zur Armee eingezogen wurde. Er lernte das, was 26 Jahre später auch sein Sohn lernen würde: schießen, spähen, Sprengfallen erkennen. Nach sechs Monaten wird Viktor Motz’ Einheit in eine Transportmaschine verladen, zu einer Übung, sagen die Vorgesetzten. Sie fliegen nach Taschkent, nach Termez, eine Ewigkeit. Als sich die Ladeklappe der Maschine öffnet, sieht er die kargen Bergketten, verschleierte Frauen – irgendwo in Afghanistan wird Viktor Motz in die Hitze gespuckt, in einen Krieg, der schon seit drei Jahren läuft und von dem er trotzdem nichts weiß.

1979 waren die Sowjets in Afghanistan einmarschiert, auch sie wurden als Besatzer bekämpft. Doch von alldem stand kaum etwas in der sowjetischen Presse. „Niemals wurde gesagt, dass dort ein Krieg tobt“, sagt Viktor Motz, „genau wie heute.“ Wenn man ihn nach Details aus dieser Zeit fragt, wird er zunächst stumm. „Schlimm, schlimm, viel Blut“, sagt er dann. Blickt wieder auf die Hände. Ihr Mann rede nicht darüber, sagt Galina Motz, nicht einmal mit ihr. Irgendwann erzählt er doch, Bruchstücke aus einem fernen Krieg.

In Fünfertrupps seien sie losgeschickt worden, „auf Patrouille, genau wie Sergej“. Ständig hätten sie geschossen, gekämpft, getrunken. Getötet? Der Vater nickt, „viel, viel“. Überall sei doch Gefahr gewesen, sagt er. Sie hätten bei jedem Schritt auf herumliegende Zigarettenpackungen geachtet, Äste auf der Straße, Steine, die vor Kurzem noch nicht da lagen – Zeichen für Sprengfallen. Kurz bevor Sergej nach Afghanistan ging, als klar war, dass sich daran nichts mehr ändern ließ, habe er das seinem Sohn noch versucht einzubläuen: „Du musst gucken, Sergej, gucken, gucken, 360 Grad.“ Sie saßen frierend im Garten, der Vater und der Sohn, um die Mutter nicht nervös zu machen.

Heute schaut der gefallene Sohn seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern beim Leben zu. In der großen Wohnküche, auf einem Tisch gleich neben dem Fernseher, steht sein Porträt, DIN-A4-groß. Freundlich blickt Sergej Motz heraus, daneben ein Blumenstrauß, eine Kerze, die immer brennt. Sergej sei überall hier im Haus, sagt Vater Viktor. 2006 hat er es mit seinem Sohn ausgebaut. „Alles selbst.“ Deshalb denkt er an Sergej, wenn er die Wendeltreppe sieht, den Kamin. Manchmal würde Viktor gern ausziehen, weil er sich fühlt, als lebte er in einem Mausoleum. „Niemals“, sagt Galina Motz dann, die Erinnerungen, was, wenn einmal jemand das Haus abreißt? Auch Sergejs Zimmer wäre fort.

Es sieht sehr sauber aus, unbenutzt, in einer Ecke die Feldkiste aus dem Einsatz. Im Schrank liegen Sergejs Uniformen und das Kondolenzbuch. „Fassungslos und in tiefer Trauer stehe ich vor unserem gefallenen Kameraden“, hat Sergej Motz’ Kommandeur eingetragen. „Fremder, unerbittlicher Hass hat ihn aus unserer Mitte gerissen. Ich spüre mit allen Angehörigen des PRT Schmerz, Hilflosigkeit, aber auch die große Last der Verantwortung für unser Handeln.“ Unterschrift: Georg Klein. Jener Oberst, der später den Luftschlag von Kundus anordnen sollte, bei dem mehr als 140 Menschen starben. Sergej Motz war der erste Gefallene unter Kleins Kommando, es sollten drei folgen.

Die Kugeln prasseln auf den Panzer, wie Regen. Drinnen regt sich Motz nicht mehr. Kein Schreien

Motz’ Tod, wird Oberst Klein später vor dem Kundus-Untersuchungsausschuss sagen, sei ein Einschnitt gewesen, etwas „was uns geprägt hat, dort vor Ort“. Neben dem Kondolenzbuch, in einer Schatulle, liegt die Isaf-Einsatzmedaille, die alle Soldaten im Afghanistan-Einsatz bekommen. Viktor Motz schnaubt verächtlich, wenn er sie sieht. Die bekomme doch jeder. Ihm reicht das nicht, genauso wenig wie die Plakette an Sergejs Grabstein: „Ehrengrab der Bundeswehr“. Wenn Viktor Motz darüber spricht, wird aus ihm, dem stillen, traurigen Mann, ein sehr lauter. Die Wut. „Wir wollen eine offizielle Entschuldigung, dafür, dass unser Sohn tot ist“, sagt Motz. Er will wissen, warum die Ausrüstung nicht besser war – „die Waffen, alles alt, Schrott!“, ruft er. Er fragt, warum die Panzerung nicht dicker war, warum dem Konvoi keine Drohnen oder Hubschrauber vorangeflogen sind, die den Hinterhalt hätten entdecken können. Warum Sergej keine Tapferkeitsmedaille verliehen bekommt. „Was muss man denn tun, um in diesem Land ein Held zu sein?“, fragt er.

In gebrochenem Deutsch schreibt er Briefe an die Kanzlerin, den Bundespräsidenten, den Verteidigungsminister. Kopien davon hat er abgeheftet. Es ist für ihn zu einer Mission geworden. Er kann etwas tun.

Dann, am 9. Juni, über ein Jahr nach Sergejs Tod, lädt Guttenberg Viktor und Galina Motz in sein Berliner Büro. Für eine Tapferkeitsmedaille erfülle der Fall ihres Sohnes leider nicht die Kriterien, erklärt er ihnen. Aber eine neue Auszeichnung für verwundete und gefallene Soldaten, die werde ja gerade geprüft.

Sie bräuchten nur noch ein wenig Geduld.