Schüler bleiben nicht mehr sitzen

6.000 Schüler schwänzen den Unterricht und protestieren gegen Stundenausfall und die schlechte Ausstattung der Schulen. Bildungssenator nennt die Demo „Wahlkampf“. Weitere Aktionen geplant

Die Schülerinnen und Schüler sind politischer als erwartet: 6.000 gingen laut Polizeiangaben gestern Vormittag auf die Straße, um gegen die Bildungspolitik des Senats zu protestieren. Dafür ließen sie bewusst den Unterricht ausfallen. Zu dem Streik aufgerufen hatte das Aktionsbündnis „Bildungsblockaden einreißen“, das vor allem aus linken Jugendverbänden besteht. Das Bündnis hatte mit höchstens 500 Teilnehmern gerechnet.

Bei ihrer Demonstration vom Roten Rathaus durch Mitte und zurück zeigten die Protestler Transparente mit Aufschriften wie „Massenhaltung – 34 Schüler auf 30 Quadratmetern“ und „Bildung – nicht nur für Reiche“. Die Mehrheit der Teilnehmer waren Oberstufenschüler.

Mit ihrem Streik wollen die Schüler auf den ihrer Meinung nach zunehmenden Bildungsabbau aufmerksam machen. Sie kritisieren vor allem Lehrermangel und Unterrichtsausfall sowie hohe Kosten für Schulbücher und Studiengebühren. Daniel Krause (19) von der Mahatma-Gandhi-Oberschule in Marzahn-Hellersdorf kritisierte etwa, dass an seiner Schule im vergangenen Jahr wegen Lehrermangels viele Stunden ausgefallen seien und die Abiturienten ihren relevanten Stoff nicht durchnehmen konnten. Andere Teilnehmer kritisierten die schlechte finanzielle Ausstattung der Schulen.

Die Demo verlief weitgehend friedlich. Laut Polizei gab es jedoch drei vorläufige Festnahmen wegen Beschädigung von Wahlplakaten.

Rose-Marie Seggelke, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, freute sich über den Protest: „Der Streik ist ein Zeichen, dass etwas passieren muss. Man könnte ja meinen, dass Schüler sich über den Stundenausfall freuen. Dass sie sich aber dagegen wehren, begrüßen wir.“

Schulsenator Klaus Böger (SPD) hingegen war nicht ganz so begeistert. Zwar zeige der Protest den hohen Stellenwert des Themas Bildung. „Sich gleichzeitig aber durch eine Demo während der Unterrichtszeit das Recht auf Bildung zu nehmen ist paradox.“ Böger bezeichnete die Demo als „Wahlkampf“. Er verwies zudem darauf, dass die Unterrichtsausfallquote mit 2,4 Prozent bundesweit vergleichsweise niedrig sei.

Die Initiative für das Aktionsbündnis „Bildungsblockaden einreißen“ ging von zehn Friedrichshainer Gymnasiasten aus, berichtet der 17-jährige Mitinitiator Florian Rahn. Anfang März starteten sie aus Frust über die Zustände an ihrer Schule mit der Organisation des Protests. Unterstützung erhielten sie bald von dem PDS-nahen Jugendverband solid, den Jungdemokraten, der Jugendantifa Berlin, der Landesschülervertretung, der kommunistischen Jugendorganisation „Revolution“ sowie von zahlreichen nichtorganisierten Schülerinnen und Schülern. Weitere Aktionen sind geplant, sagte gestern ein Sprecher des Bündnisses. Welcher Art, sei aber noch unklar.