Lieber die Gekaufte sein

KÖRPERKINO Horrorfilme, Künstlerfilme, Rockfilme – nur der afrikanische Kontinent und eine Vorliebe für obsessive Charaktere sind Konstanten im vielgestaltigen Kino Claire Denis’. Das Arsenal-Kino zeigt nun alle ihre Filme

VON DIEDRICH DIEDERICHSEN

Containerhäfen, Wüsten, Schweizer Berglandschaften und Rock ’n’ Roll

Maria handelt starrsinnig wider alle Vernunft. Der Bürgerkrieg rückt näher und bedroht ihre Kaffeeplantage, doch sie beharrt darauf, die Ernte einzubringen. Von der Entschiedenheit her, von der vernunftwidrigen Fixierung aus lässt sich gut erzählen. Personen, wie die von Isabelle Huppert in Claire Denis’ neustem Film „White Material“ gespielte, blonde Besessene im afrikanischen Bürgerkrieg sind klar positioniert. Sie liegen erkennbar falsch in einem Punkt, dafür sehen sie alles andere ohne die unmarkierten Vorurteile, die Gewohnheitsblicke und Denkreflexe der anderen – und der Kinozuschauer. Sogar ihren Sohn, der sich vom lebensverneinenden Oblomow zum Colonel Kurtz für Arme entwickelt, und den sie bedingungslos liebt, schätzt allein Maria richtig ein, nämlich von der einzig relevanten Perspektive der Ernte aus.

Es lassen sich wenig Konstanten in Claire Denis’ Kino benennen. Sie dreht atmosphärische, handlungsarme Einzelgängerporträts und dichte, hochgepitchte Horrorfilme, mal sensible Künstlerdokumentationen, dann wieder Rockfilme. Aber neben dem immer wieder kehrenden Schauplatz Afrika, wo sie ihre Kindheit verbrachte, und dem, nicht zuletzt der eigenen Biographie geschuldeten Interesse an Fanon, am Kolonialismus und seinen Folgen, wäre der Hang zum Starrkopf zu nennen. Ohne die Eindeutigkeit mindestens eines Obsessiven im Personal – sei es Künstler, Vampir, Kampfhähnezüchter, Soldat, Mutter, Vater, Kriegsverbrecher – könnte sie nicht so viel offen halten in ihren Filmen.

Auf der anderen Seite gibt es eine dokumentarische Seite in fast allen ihren Filmen. Sie blättert Produktionsbedingungen auf, focussiert Lebensverhältnisse, flaniert durch Milieus und vergräbt sich in Landschaften: Containerhäfen, Kaffeeernte, somalische Wüsten und Schweizer Berglandschaften, das Eisenbahnerleben in Paris und der Alltag in Fremdenlegionärscamps, mikrobiologische Labors und Rock ’n’ Roll. Die obsessiven Einzelnen treffen auf einen Widerstand der Welt, auf Reales, auf Material, auf Tätigkeit, Regeln, die von diesen Wirklichkeiten ausgehen, die sie ablenken und hinhalten, die sie besser und eleganter, aber auch verrückter machen. In dieser Bewegung zwischen einerseits fast surrealistischen Seelenporträts von Fixierung und Besessenheit und andererseits naturalistischem Interesse an der Materialität einer Welt, in der es sich gut ruhelos sein lässt, bedarf es noch eines Dritten, das die Verbindung herstellt.

Dies wäre – im weitesten Sinne – der Tanz, die Bewegung der Körper. Nicht umsonst hat sie in ihren Dokumentarfilmen neben einem Philosophen (Jean Luc Nancy), einer Rockband (Les têtes brûlés) und einem Kollegen (Jacques Rivette) eine Tänzerin porträtiert: Mathilde Monnier in „Vers Mathilde“. Die berühmte Schlussszene von „Beau Travail“, in der Deny Lavant sich zu einem Cologne-Disco-Track in Spasmen zu zerreißen droht, ist nicht die einzige große Tanznummer, für die sie ihren Darstellern oft die volle Pop-Song-Länge an Gestaltungsraum überlässt: Für „US Go Home“, den Beitrag zu der Fernsehserie „Tous les garçons et filles de leur âge“, darf Grégoire Colin das ganze pubertäre Psycho-Panorama seiner Rolle zur theatralischen Live-Version des Donovan-Lagerfeuer-Klassikers „Hey Gyp“ von Eric Burdon & The Animals entfalten. Erst probiert er angefixt, dann wieder leicht distanziert das Potenz-Angebot des Rock-Pfaus aus, sich die Frauen zu kaufen – „I buy you a chevrolet, but just give me some of your love“ –, dann fühlt er sich aber von der Antwort der Frau angemacht und gibt eine Parodie auf das andere Geschlecht, die in eine hingebungsvoll effeminierte Einfühlung in den Wunsch übergeht, lieber die Gekaufte zu sein, nicht der Käufer. Unfassbar.

Manchmal erzählt die Denis straight, etwa den Film noir „Scheiß auf den Tod“, der lakonischen Tay-Garnett-Style mit Banlieu-Naturalismus vermischt. Meist aber berichtet sie sehr offen und elliptisch von ihren Figuren. Sie kann das, weil ihre Bilder so hochdefiniert sind, ja voller Konkretheits-Überschüsse, die das Unbestimmte der Fakten-Erzählung konterkarieren: Ein Mann soll eine Rolle Geld annehmen. Bevor wir erfahren, ob er es tut, schlendert er schon wieder über die Straße. Draußen ist viel zu sehen. Am unteren Bildrand dreht er sich eine Zigarette. Die rollende Fingerbewegung tritt mit der Geldrolle in eine Verbindung: die ist klar, definiert, ausgesprochen – und trotzdem unendlich beiläufig. So beantwortet sie unsere Frage nicht, hält sie aber am Leben.

■ Vom 1. Oktober bis zum 31. Oktober, Arsenal-Kino. Programm unter www.arsenal-berlin.de