Für die Freizeit

GUTES LEBEN 300 Menschen tanzen in einem Demozug für die „Care-Revolution“. Sie fordern mehr Anerkennung für Sorgearbeit

VON GESA STEEGER

„I do care! I love it“, singt eine junge Frau ins Mikrofon und springt dabei auf und ab. Wummernde Bässe hallen von der glatten Fassade des Neuen Deutschland-Gebäudes unweit der Karl-Marx-Allee wider und verfangen sich in den Fassaden der nahen Hochhäuserfront. Die Umstehenden tragen Jutebeutel, OP-Kittel oder Glitzerleggings. Einige halten quietschbunte Staubwedel und Plakate in die Luft, auf die sie ihre Forderungen geschrieben haben: „Grundeinkommen jetzt!“ oder „Genderstrike“.

„Es geht uns um die Krise der sozialen Reproduktion“

BARBARA FRIED, ORGANISATORIN

Rund 300 Menschen haben sich an diesem Samstagnachmittag in Friedrichshain versammelt, um für eine „Care-Revolution“ zu demonstrieren: für mehr gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit sowie Anerkennung von bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit, für ein bedingungsloses Grundeinkommen, für mehr Ausbau von Dienstleistungen in Bildung, Gesundheit und Pflege und den Kampf gegen die politische Normierung von Beziehungen und Lebensweisen.

Barbara Fried ist mit Familie gekommen. Die 44-Jährige ist Redakteurin bei der Zeitung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, eine der OrganisatorInnen der Kundgebung und Koordinatorin der Aktionskonferenz Care-Revolution, die an diesem Wochenende in den Räumen der Stiftung stattfindet. Fried trägt eine grüne OP-Haube auf dem Kopf und einen Mundschutz, der unter ihrem Kinn hängt. „Aus Solidarität mit den Pflegekräften der Charité, die sich momentan im Tarifstreit befinden“, erklärt sie lachend ihren Aufzug.

Während sich der Demonstrationszug unter der Begleitung schallender 80er-Jahre-Hits auf den Weg in Richtung Boxhagener Platz macht, berichtet die Organisatorin von der Care-Revolution. Die Konferenz sei auf Initiative des Feministischen Instituts der Universität Hamburg-Harburg, des Arbeitskreises Reproduktion und der Rosa-Luxemburg-Stiftung entstanden. Über 60 Bündnisse unterstützten die Veranstaltung. Deren Motto: „Her mit dem guten Leben! Für alle weltweit!“

„Es geht uns um die Krise der sozialen Reproduktion“, sagt Fried. Der Alltag vieler Menschen sei bestimmt von Stress, überlangen Arbeitstagen und der Angst vor einer ungewissen Zukunft. Ein gutes Leben mit mehr Freizeit und ohne Unsicherheiten stehe vielfach im Widerspruch zur Profitlogik des kapitalistischen Systems, meint sie. „Sorgearbeit, also Pflegen oder Erziehen, ist eine der Grundlagen unserer Gesellschaft, wird aber weder anerkannt noch ausreichend unterstützt.“

Das zu ändern sei das Hauptanliegen der rund 500 Teilnehmer der Care-Revolution. Bereits im Mai sei ein weiteres Vernetzungstreffen geplant, bei dem es um den weiteren Auf- und Ausbau der Bewegung gehe.

Ein Stück weiter tänzelt ein junger Mann umher, auf einem Schild fordert er die „Kollektivierung“. Aus den Lautsprechern des Demowagens knallen die Pointer Sisters: „I’m so excited“. Neugierige Köpfe recken sich aus den Wohnblöcken, an denen die Demo vorbeizieht. Er kümmere sich um seine Freunde, koche und putze, erzählt der Tänzer. Das Thema Sorgearbeit sei ein blinder Fleck in der Gesellschaft, meint er. Gerade Frauen seien betroffen. „Equal rights for everyone!“, ruft er zum Abschied und verschwindet in Richtung Lautsprecherwagen.