Das Schönste den Gästen

Ein Diktator, die Filmkunst und drei ausgewählte Zuschauer: Wie das geheimnisvolle Buch „Die Totale Erinnerung. Kim Jong Ils Nordkorea“ von Christian Kracht, Eva Münz und Lukas Nikol zustande kam

Christian Kracht ist ein wohlerzogener Autor. Er will alle Fragen beantworten, und Fragen ergeben sich viele aus dem Blättern in dem Buch „Die Totale Erinnerung. Kim Jong Ils Nordkorea“, für das Kracht das Vorwort geschrieben hat.

Kracht scheint auf die meisten Fragen eine passende Antwort zu haben. Fast wie Kim Jong Il: In seinem Buch „Über die Filmkunst“ schreibt der Diktator, ein Werk, das Fragen nur anreiße und keine ideologische Entwicklung erkennen lässt, mache keinen Spaß. Der Machthaber Nordkoreas ist ein Verehrer westlicher Filmkunst. Seine Stadt Pjöngjang ist voller popkultureller Referenzen. Doch dem Regisseur dieses teatrum mundi fehlt das Publikum. Seine Volksrepublik ist für Außenstehende ein Geheimnis. Für die wenigen, die sie zu Gesicht bekommen, ist sie eine gigantische Installation, ein orwellianischer Kunstgriff, eine radikalmarxistische Inszenierung. Nur wenige Auserwählte erhalten Einlass.

Die Regisseurin und Autorin Eva Munz, der Designer und Fotograf Lukas Nikol und der Schriftsteller Christian Krach gehörten dazu. Sie sind 2004 nach Nordkorea gereist, um Fotografien von einer Stadt zu machen, von der es viele inszenierte Bilder und wenige gestohlene gibt. Der beeindruckende Bildband dieser Reise, „Die totale Erinnerung“, ist die kunstvolle Vorführung einer gewaltigen 3-D-Inszenierung Kim Jong Ills. Am Flughafen in Pjöngjang mussten die Autoren ihre Mobiltelefone und Laptops abgeben. Sie wurden von Betreuern durch die verlassene Großstadt chauffiert, in der es keine Bewohner zu geben schien. Die Tische in den Restaurants waren gedeckt, doch die Gäste fehlten. Die U-Bahn fuhr nur für die Besucher.

Nach ihren Exkursionen kehrten die Autoren in ein Hotel mit 34 Stockwerken zurück, doch nur nur der 13. und 14. Stock waren belegt. Dort sahen sie sich selbst im nordkoreanischen Fernsehen. Man hatte sie heimlich gefilmt. Abends um neun hüllte sich die Stadt in Schwarz, denn die Energie war knapp.

Nur wenige Menschen sind auf den Bildern dieser Science-Fiction-Geisterstadt zu sehen. Eine der Fotografien zeigt eine Bar im Sechzigerjahre-Stil. Drei Menschen hängen an den Tresen, als wären sie einem Hopper-Bild entlaufen. Ihre einsame Gleichgültigkeit ist schön. Doch sind sie wirklich einsam? Oder sind das wiederum Schauspieler, die nur vorgeben, Alkohol zu nippen, den zu trinken in Nordkorea nicht erlaubt ist, da imperialistisch? Ist dies ein gestohlenes Bild oder ein arrangiertes?

Im Rahmen des Studiengangs Architekturtheorie der Wissenschaftsakademie Berlin halten Munz, Nikol und Kracht einen Vortrag mit Diashow. In einem Seminarraum an der Torstraße finden sich architekturinteressierte Studenten ein. Der moderne Raum ist ein riesiges Schaufenster mit weißen Wänden, die Plastikstühle unaufdringlich beige. An einem weißen Tisch hinter einem Appel-Laptop sitzen Munz, Nikol und Kracht.

Kracht liest aus seinem Vorwort, Munz und Nikol kommentieren die an die Wand projezierten Bilder. Es ist ein dialektischer Abend, der ein bisschen verstört und zum Nachdenken treibt. Es sei der koranische Wille, nur Schönes zu zeigen, um den Gast zu ehren, sagt Kracht und zitiert zur Unterstützung die deutsche Schriftstellerin Luise Rinser, ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin und Nordkorea-Verehrerin: „Welche deutsche Hausfrau wäre einverstanden, wenn ein koranisches Team einfach ankäme und ihre noch unaufgeräumte Wohnung filmen wollte?“ Der Vergleich hinkt, denn die deutsche Hausfrau könnte selbst entscheiden, ob sie gefilmt werden will.

Darf man die Architektur einer Kulissenstadt schön finden, wenn Menschen, die das System kritisieren, angeblich verschwinden und die andern darin nur Statisten sind? Wenn die Architektur selbst zum Statisten geworden ist? Kann und soll es moderne Architektur ohne freie Menschen geben? Architektur, so weiß man nach dem Vortrag, ist auch eine Metapher für Gesellschaft.

Dem Bildband fehlen im Gegensatz zu diesem Abend die Reiseberichte der Autoren. Stattdessen kommentieren Zitate Kim Jong IIs die beindruckenden Fotos. So läuft das Buch Gefahr, eine Ode an Kim Jong Il zu werden. Das stört Kracht nicht. Er will in Nordkorea leben und erklärt mir: „Ich sehne mich nach dieser leichten Lenkung, nach einem Weg, der vorgegeben wird, durch den ich gehen darf, als Einsicht, als Notwendigkeit, um mit Lenin zu sprechen.“ Meint er das ernst? Was will er dort? „Dem allergrößten Menschheitsgedanken nachgehen: Der Kunst. Und der Liebe“, sagt Kracht. Er ist ein gewandter Schauspieler auf dem Welttheater, auf dem er, so vermute ich, am liebsten Komödie spielt.