US-Komödie "Hangover"

Exzess der Junggesellen

Je weniger im Leben zusammenpasst, desto wichtiger wird der Humor: Das erklärt womöglich den Erfolg der Komödie "Hangover" und der amerikanischen Comedys.von BARBARA SCHWEIZERHOF

Erleben die Folgen von Männerritualen: Zach Galifianakis (l), Bradley Cooper (m) und Ed Helms.  Bild:  ap

Die an kuriosen Anekdoten reiche Geschichte der amerikanischen Comedy-Szene konnte Anfang Juli eine Erweiterung verbuchen: Mit Al Franken zog ein ehemaliger Profi-Komiker als Senator nach Washington. Man stelle sich vor, Hape Kerkeling würde als Horst Schlämmer erklären, er kandidiere - und würde dann auch noch gewählt.

Der Weg des einstigen Autors der legendären Comedy Show "Saturday Night Live" zum Senator kannte dabei seine eigenen Ironien: Die Auszählung musste wiederholt werden und wurde mehrfach gerichtlich angefochten. Zu guter Letzt gewann Franken mit gerade mal 312 Stimmen.

Weitere Komiker haben Wesentliches, manche sagen Entscheidendes, zum Wahlsieg von Barack Obama beigetragen: Zum Beispiel Jon Stewart, der in seiner "Daily Show« durch eine raffinierte Mischung aus Parodie und Dokumentation unablässig die Bush-Regierung vorführte. Wer nun in der Erwartung von anspruchsvollem Polithumor die Sendung verfolgt, kommt ohne Irritation nicht davon: Der im amerikanischen Fernsehen obligatorische "Beep«, der unschuldige Ohren vor den Ausdrücken wie "Fuck« und "Shit« bewahren soll, ist bei Stewart quasi ständig im Einsatz.

Zu seinem Markenzeichen gehört eine genau dosierte Portion sogenannten "frat-boy«-Humors, jener Sorte Witze, die auf mangelnde Penisgrößen anspielt und implizit Ekelgrenzen auslotet. Von solchen Niederungen der Komik schwenkt Stewart nahtlos über zur engagiert-intellektuellen Diskussion über den Irakkrieg oder das amerikanische Gesundheitssystem.

Die sich aufdrängende Frage "Passt das zusammen?« prallt an Stewarts Konzept einfach ab, beziehungsweise wird implizit mit der Gegenfrage beantwortet: Ist es nicht gerade das Wesen von Humor, das Unpassende zusammenbringen? Um die Dinge dadurch im neuen Licht betrachten zu können? So gesehen ist Humor Chaosforschung: ein stocherndes Suchen nach Wahrheiten, danach, was man erträgt und nicht erträgt, was zusammenpasst und was verworfen werden muss.

In diesem Sinne hat Todd Phillips' Komödie "The Hangover« auf den ersten Blick natürlich nichts zu tun mit dem Phänomen Al Franken. Allerdings ist "Hangover« die bislang erfolgreichste Komödie des amerikanischen Kinojahres und hat einen Jahrzehnte alten Rekord gebrochen: unter den Komödien mit "R«-Rating (unter 18-Jährige bedürfen der Begleitung Erwachsener) die erfolgreichste zu sein.

Bis dato war der Champion dieses Segments "Beverly Hills Cop« aus dem Jahr 1984. Man kann es also auch so sehen: Seit fast einem Vierteljahrhundert war man sich in Amerika nicht mehr so einig darüber, was man zum Lachen fand.

"Hangover« reiht sich zunächst nahtlos ein in die Welle der "Jungskomödien«, die seit einiger Zeit das Komödiengenre dominiert, von "American Pie« bis zu den Judd-Apatow-Filmen. Wegen ihrer latenten Misogynie und ihres "Ekel«-Humors machten sie bereits Schlagzeilen.

Sie drehen sich ums Komasaufen und andere Exzesse, und vor allem um deren nicht immer appetitliche Wirkung auf den männlichen Körper. Frauen bilden hier allenfalls den Rand des Universums, gleichsam die Außenposten der Zivilisation, aus der die Jungs sich phasenweise verabschieden, um ins Chaos abzutauchen. Die "Misogynie« zeigt ihre Kehrseite in der Frauen-Idealisierung: sie sind Kultur, unter den Männern dagegen, vor allem da, wo sie unter sich sind, bricht Barbarei aus.

Todd Phillipps, Regisseur von "Hangover«, hat das Filmemachen bezeichnenderweise mit Studien im "Frat-Boy«-Milieu begonnen und einen Dokumentarfilm über die Entgrenzungs- und Demütigungsrituale gedreht, die amerikanische "Fraternities« (studentische Verbindungen) bei der Initiation neuer Mitglieder anwenden. Das Erlebte verarbeitet er seither zu Mainstream-Komödien wie "Road Trip« oder "Old School«, die sie unter der Oberfläche völliger Anspruchslosigkeit einen sehr realistischen Blick auf das bedrängte Leben amerikanischer Männer warfen.

 

"Hangover" hat gleich vier dieser "Bedrängten« als Akteure: Da ist Doug (Justin Bartha), der Bräutigam, der mit seinen alten Freunden Phil (Bradley Cooper) und Stu (Ed Helms) zwei Tage vor der Hochzeit nach Las Vegas zur Junggesellenfeier aufbricht. Den merkwürdigen Bruder der Braut, Alan, müssen sie auch noch mitnehmen. In Vegas angekommen, stoßen sie an auf eine unvergessliche Nacht - um dann am nächsten Morgen aufzuwachen und sich an nichts, aber auch gar nichts erinnern zu können. Außerdem ist Doug, der Bräutigam verschwunden.

Doug ist die langweiligste Figur der vier, man erfährt nicht viel über ihn, schließlich ist er die meiste Zeit abwesend. Phil ist das Alphatier der Gruppe, gutaussehend, scheinbar weltmännisch, als Verheirateter trauert er seinem alten Leben nach. Die Eröffnungssequenz zeigt ihn als Lehrer, der ohne Skrupel von seinen Schülern Geld für einen Ausflug abkassiert, um es in die eigene Tasche zu stecken.

Stu ist Zahnarzt, Klischee des gehemmten Mannes, der Anfangs wesentlich durch seine kontrollierende Freundin charakterisiert wird, die ihn einerseits nur ungern ziehen lässt und andererseits unwillig den Kopf wegdreht, wenn er sie küssen will.

Der vierte im Bunde, Alan (Zach Galifianakis), ist im Grunde der Schlüsselcharakter dieser Komödie und es ist deshalb kein Wunder, dass er den anderen im wahrsten Sinne des Wortes die Schau stiehlt: Ein bärtiger Gnom, in einem Moment "dirty old man«, im nächsten unschuldig wie ein Kind, verkörpert er das Prinzip des Humors, das Zusammenbringen der Unvereinbaren, quasi in sich selbst.

Deshalb lacht man über ihn, ohne je recht zu wissen, worüber. Wie etwa in dieser inzwischen schon youtube-geadelten Szene: Als die vier zu Beginn im Cesar's Palace in Vegas einchecken, fragt Alan die Dame hinterm Counter, ob das der echte Cesar's Palace sei? Wie er das denn meine? Sichtlich unter Druck geraten, präzisiert er: Na, ob Cesar je hier gewohnt habe? Lachend, aber bestimmt wird verneint. Alans Augen aber schweifen durch den Raum, als wollten sie das billige Amerika abschätzen und er murmelt: "Das hätte mich auch gewundert ...«

Das Erwachen der Freunde am nächsten Morgen erinnert tatsächlich an eine altrömische Orgie: Die Suite liegt verwüstet, zwischen verstreuten Kleidern und leeren Falschen hüpft ein Huhn, ein Sessel raucht, im Bad faucht ein Tiger und im Kleiderschrank heult ein Baby. Stu, dem Zahnarzt fehlt ein Vorderzahn, und wie gesagt, Doug fehlt ganz.

align="center"> Wie in der Traumdeutung

Wie die Forensiker der modernen Fernsehkrimis, oder auch wie Freud bei der Traumdeutung, müssen sie nun anhand kleinster Hinweise und Zeichen - Phil trägt ein Krankenhausband am Arm, Stu hat eine Casino-Rechnung in der Hosentasche - dem Geschehen und ihren Taten der vergangenen Nacht auf die Spur kommen.

Die Handlung besitzt etwas eigenartig Unwirkliches. Sie wird von einer existentiellen Ambivalenz bestimmt: Auf der einen Seite erweisen sich die Ereignisse ihres nächtliches Exzess als Wunscherfüllung: Mutproben, Glücksspiel, Polizei provozieren, Frauen verführen, einen echten Tiger entführen!

Auf der anderen gleicht alles einem Alptraum: Waren wir wirklich dazu fähig? Ist man sich im Exzess nun ganz nahe oder ganz fern? Ist es das Eigentliche, was sich zeigt, wenn man "die Sau raus lässt«, oder ist das doch das Fremde, dem man Einhalt gebieten sollte?

Hinter der Fassade eines gut abgehangenen Komödienrezepts über Männer, die nicht erwachsen werden, zeigt sich eine Art Programm, das auf eine Ermutigung zum Ernst hinausläuft, dazu, aus der Chaosforschung, den Erfahrungen des Unvereinbaren - reales Leben zu machen.

Eine Art Utopie scheint da auf, den Übergang vom Komischen zum Ernst zu schaffen, ohne dass man die Gegensätze verdrängen müsste. Da fällt einem doch wieder Al Franken ein.

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