Die vielen Facetten eines Entschleunigers

PORTRÄT Harry Walter ist ein Künstler, der sich dem Betrieb gern entzieht: Er nimmt sich die Freiheit, Kreativität nicht allein erfolgsorientiert zu gebrauchen. Gerade deswegen wird der kulturelle Anstifter jetzt entdeckt

VON CHRISTIAN HILLENGASS

■ Kunstvermittlung kann auch darin bestehen, ein Fachgespräch über Fußball zu führen. So wie sich Christian Demand mit Peter Unfried beim taz.lab am 12. April über den „Weltmeister Europa“ unterhält.

■ Christian Demand ist der Juror des Friedlieb-Ferdinand-Runge-Preises für unkonventionelle Kunstvermittlung der Stiftung Preußische Seehandlung, den er jüngst Harry Walter zuerkannt hat. Runge (1794–1867) war Chemiker und Angestellter der Könglichen Seehandlungs-Societät in Berlin. Mit Untersuchungen zum „Bildungstrieb der Stoffe“ (1855) hat er Maßstäbe für die eigenwillige Vermittlung von Kunst und Wissenschaft gesetzt, die bis heute gültig sind. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, er wird alle zwei Jahre vergeben. Die Auswahl des Preisträgers obliegt dem Juror.

Stuttgart, irgendwann in den 1950er Jahren. Kinder spielen auf einer Brache unweit neu gebauter Hochhäuser. Eines zieht los, um eine Vase zu besorgen, die für das Spiel benötigt wird. Es sucht zwischen Schrott und Trümmern und zieht einen rostigen Gegenstand aus der Erde, der einer Vase nicht ganz unähnlich ist. Zufällig kommt ein Nachbar vorbei und sieht, was der Junge da herumschleppt. „Bub, bleib stehen! Beweg dich nicht!“ – es ist eine Fliegerbombe. Nun steht der Bub wie angewurzelt da, die Spielkameraden flüchten, erste Schaulustige sammeln sich in sicherer Entfernung auf den Balkonen. Er rührt sich nicht, bis ein herbeigeeilter Experte eintrifft und Entwarnung gibt: Es handelt sich um eine Phosphorbombe, die nicht mehr scharf ist. Der kleine Harry Walter kann sie fallen lassen.

Sein Bedürfnis, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, wurde damit ein für alle mal gedeckt, sagt der heute Sechzigjährige, als er sein Kindheitserlebnis erzählt. Er versprüht immer noch eine kindliche Lebendigkeit, hat einen bübischen Schalk. Als Treffpunk hat er den Stuttgarter Pragfriedhof vorgeschlagen, mildes Wetter erlaubt entspanntes Schlendern. Harry Walter führt über seinen ehemaligen Schulweg, vorbei an altehrwürdigen Gräbern und verwitterten Engelsstatuen. Bei manchen der Figuren bleibt er stehen. In der Art, wie er über sie redet und ihre Schönheit bewundert, entsteht der Eindruck einer Freundschaft, die seit Kindertagen währt.

Was in den Jahren aus dem Kind, das die Bombe fand und hier zur Schule lief, geworden ist, lässt sich wohl mit dem Begriff Künstler fassen, auch wenn das etwas kurz gegriffen ist. Man könnte noch Autor, Philosoph, Kunstdozent, Deutschlehrer, Designer oder Essayist hinzufügen. Walter selbst bezeichnet sich als einen „Mischtyp“, der über die Disziplinen und Kategorien hinweg operiert, diese Freiheit braucht und genießt.

Unlängst hat er den Friedlieb-Ferdinand-Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung erhalten, den die Stiftung Preußische Seehandlung an Persönlichkeiten vergibt, „die als Künstler oder als ‚Anstifter‘ die Kunst und Kultur im deutschsprachigen Raum auf außergewöhnliche Weise bereichert und geprägt haben“. Das mag zutreffen, auch wenn ihn dafür nicht allzu viele kennen. Chancen, wirklich prominent zu werden, hat Walter bewusst mehrmals an sich vorbeiziehen lassen. Zum Beispiel Einladungen, bei der documenta auszustellen.

An dem abgegoltenen Geltungsbedürfnis durch das Erlebnis mit der Bombe liegt das nicht allein. Walter hält sich aus ganz bestimmten Gründen fern vom Rennen um die vordersten Plätze im Kunstbetrieb. Dem „Avantgardestress“ will er sich nicht aussetzen, zumal der Begriff der Avantgarde in einer Kunstwelt ausgedient habe, wo bereits alle Grenzen gesprengt wurden, alles erlaubt ist und alles Kunst sein kann. Auch wenn er auf Schritt und Tritt vor Gedankengängen und Ideen nur so sprudelt und beinahe ununterbrochen redet, hört man einem Entschleuniger zu, der sich dem Dogma ständiger Kreativität entzieht.

In einem seiner lesenswerten Essays stößt er die Frage an, wie man eine Gegenkraft entwickeln könne „zum ausschließlich erfolgsorientierten Gebrauch menschlicher Kreativität, die ja mittlerweile nicht zufällig zur letzten aller ausbeutbaren Ressourcen erklärt wurde“. Es geht ihm um eine „Destabilisierung und Homöopathisierung des kulturell eingespielten Produktionszwangs“. „Rückbildungsgymnastik betreiben“ nennt er das mit einem Schmunzeln. Dazu müsse sich die Kunst jedoch „auch noch von ihrem letzten und abstraktesten aller Auftraggeber emanzipieren: der Idee oder besser der Ideologie von Geschichte als das, wo man sich um jeden Preis hineinbomben will“.

Chancen, wirklich prominent zu werden, hat er mehrmals bewusst an sich vorüberziehen lassen

Anstatt um jeden Preis Spuren zu hinterlassen, geht Harry Walter Spuren nach. Und statt permanent neue Kunstwerke in die bereits übervolle Welt zu stellen, lässt er die Stoffe und Gegenstände, die er auf seinen Spurensuchen findet, durch kleine Verschiebungen als Kunstwerke leuchten. Die Spuren, die er da verfolgt, sind solche, die jedem Ort und jedem Menschen durch Vergangenheit und Gegenwart eingeschrieben werden. Ihre Erkundung kann tief in die eigene Biografie oder die Geheimnisse eines Ortes führen, letztendlich aber auch zu Dingen überpersönlicher und ortsunabhängiger Art, die von ganz objektivem Interesse sind.

Bei den Hochhäusern unweit des Pragfriedhofs kreuzen sich manche dieser Fährten, denen Walter nachgegangen ist. Er zeigt auf die Wohnung im ersten Stock in der er aufgewachsen ist. Eines Tages wurde hier eine Fernsehtruhe in den Nachkriegshaushalt der Familie geliefert. Das Möbelstück ist eines der Dinge, die Walter ins Licht der Kunst gerückt hat; als sichtbaren Gegenstand, der zum Anhaltspunkt wird für Dinge, die so einfach nicht zu greifen sind. So wird die Truhe zum Ausgangs- und Endpunkt einer Assoziationskette, mit der Walter auf beeindruckend dichte Weise die Atmosphäre jener Zeit erfasst, in der sich Kriegswunden und Wirtschaftswunder zu überlappen beginnen.

Facettenreich, fantasievoll und mit der Kraft klug gewählter Worte bündelt er seine Gedankengänge in einer Broschüre, die der originalen Bedienungsanleitung des Geräts nachempfunden ist. Wer den Gedanken folgt, kann das Möbelstück wie einen Verstärker erleben, der die Essenz dieser Zeit mit ihren menschlichen und übermenschlichen Problemen in intuitiver Weise vermittelt. Auf ähnliche Art arbeitet Walter mit weiteren Dingen aus dem Nachlass seines Vaters. Er deckt die Geschichten auf, die eine alte Modelleisenbahn, militärische Orden oder der Kompass des letzten Flugzeugs aus Stalingrad erzählen, und erschließt mithilfe zahlreicher Verknüpfungen Phänomene, die über das private Schicksal seines Vaters hinausgehen.

In der Mitte des Wohnblocks steht eine alte Baracke, die den Bewohnern seit damals als Waschküche und Heißmangelstube dient. Geht man 275 Jahre zurück, stand ungefähr dort ein hoher Galgen. Es ist die Stätte, an der der Jude Joseph Süß Oppenheimer 1738 nach einem großangelegten Schauprozess erhängt wurde und dessen Leiche noch sechs Jahre in einem roten Eisenkäfig ausgestellt blieb. Trotz der vielfältigen Rezeption des Falles in Literatur, Theater und Film ist die Stätte der Welt und auch den Stuttgartern so gut wie unbekannt. Nichts als der Name Galgenberg deutet darauf hin.

Dem „Avantgardestress“ will er sich nicht aussetzen. Lieber verfolgt er Spuren in seiner Umgebung

Fast nichts. Rote Raben sitzen heute in Höhe des Galgens auf den Balkongeländern der Hochhäuser ringsum. Eine verrostete Teppichstange trägt einen Schriftzug. Und irgendwo im Gebüsch hängt ein kleiner roter Vogelkäfig. Die Dinge sind Teil der von Walter initiierten „„Allmählichen Verwandlung einer Waschküche in einen (Ge-)Denkort“, die er zusammen mit seinen Studenten und anderen Künstlern betreibt. In kleinen Schritten und außerhalb der üblichen Gedenkroutine, wie er betont.

Ein paar Fußminuten hinter dem Galgenberg entsteht gerade die zentrale Logistikfläche für Stuttgart 21. Walter verfolgt das Geschehen um das Großprojekt zusammen mit anderen Künstlern des Stuttgarter Observatoriums Urbaner Phänomene (SOUP). Dabei ist er einer weiteren Spur nachgegangen. Sie führt ins benachbarte Lauffen am Neckar, wo zwischen 1940 und 1943 eine Attrappe des Stuttgarter Bahnhofs auf den Äckern stand, um britische Bomber in die Irre zu leiten.

Die historische und künstlerische Aufarbeitung dieser Scheinanlage soll die Frage nach dem Attrappencharakter heutiger urbaner Wirklichkeit anstoßen. Das ist auch die Frage nach Schein und Auswechselbarkeit der Architektur, die hier im Zuge von Stuttgart 21 entsteht. Es ist eine Verknüpfung mit Sprüngen und Assoziationen durch die Zeit hinweg, wie sie für Harry Walter typisch ist, um Licht auf etwas zu werfen oder etwas begreifbar zu machen. Er ist ein Assoziationskünstler, der mit großer Lust Umwege einschlägt, um sich einer Sache zu nähern. Und Umwege erhöhen die Ortskenntnis.