Ein Mann wird schwanger

Diesen Fedo Paulmann kennt man schon aus Silvio Huonders bisherigen Romanen. Fedo Paulmann könnte auch Johannes Maculin heißen wie die Hauptfigur in „Adalina“, dem Erstling Silvio Huonders, oder Fabio Bosch, Protagonist des nachfolgenden Buches „Übungsheft der Liebe“. Dieses Trio – oder besser gesagt, dieses Drei-für-einen-Gespann – gehört zur Gattung der Unentschlossenen, zur Wesensart der doch etwas arglos im Ungleichschritt mit der Welt dem Leben Hinterhertaumelnden. Fedo Paulmann heißt die Schlüsselfigur in Silvio Huonders neuem Roman „Valentinsnacht“. Obgleich man beim Lesen auf einen Altbekannten trifft.

Fedo Paulmann schrickt immer dann erstaunt aus seiner Handlungsbedarfsarmut auf, wenn die Ereignisse ihn einholen. Wenn er mit der falschen Frau im Bett war. Wenn sie ihm nach der einen Nacht sagt, dass sie schwanger ist. Und dann, wenn er seine Arbeitsstelle verliert. Er hatte – er weiß nicht so genau, warum, vermutlich der eher bizarren Aufforderung wegen – auf eine Kontaktanzeige geantwortet. „Melde dich oder lass es bleiben“, hatte die Losung geheißen, die ihn dazu veranlasste, sich mit der Frau im Kino zu verabreden. Am anderen Morgen erst erfuhr er, dass sie, die ihn im Foyer angesprochen und die er nach dem Film nach Hause begleitet hatte, eine andere, eine „Zufällige“ gewesen war: Katarina, Cutterin, 36 Jahre alt. Wochen danach, nach einem zweiten Treffen, wird Katarina Fedo sagen, dass sie schwanger ist.

„Wie meinst du das?“, fragt er. Und etwas später: „Kann ich davon ausgehen […], dass die Tatsache, dass du mir von dieser Angelegenheit erzählst, damit zu tun hat, dass sie mich persönlich auch etwas angeht?“ Was durch ein Versehen seinen Anfang nahm, dann unbeholfen seine Fortsetzung findet, hat einen ungewissen Ausgang. Katarina und Fedo reden in der Folge munter aneinander vorbei. So kontert die Frau auf die Feststellung des Mannes, dass er nicht wisse, ob diese Schwangerschaft „eine gute Idee“ sei, diese Schwangerschaft sei „keine Idee, sondern eine Tatsache“. Fedos und Katarinas Leben gerät durcheinander. Ja oder nein. Kind oder nicht. Planung oder Schicksal. Freiheit oder „lebenslänglich“. Fedo, von Beruf Meteorologe und gläubig hinsichtlich sicht- und berechenbarer Vorgänge, kommt ins Sinnieren. Seine Wetterprognosen werden ungenau, später wird er wetterfühlig, dann sitzt er lange am Tisch und versucht einen Bleistift auf die Spitze zu stellen.

Fedo traf bis dahin Entscheidungen, indem er keine Entscheidungen traf. Als Katarina sagt: „Du hast es gut“, entscheidet er, dass sie nicht die Einzige sein soll, die – so oder so – zu leiden habe. (Eine Entscheidung, die sich als Fehlentscheidung herausstellen wird.) Die Tragödie des modernen Lebens, die immer wieder mal zur Komödie mutiert, katapultiert ihn hinterher in schmerzhafte Zonen. Dort, im Spannungsfeld zwischen Machbarem und sich tatsächlich Ereignendem, im Krisenherd zwischen Mechanischem und Lebendigem, wird er am Ende des Romans, ein runzliges Wesen im Arm, mit seltsam hoher Stimme sagen: „Es tut mir leid.“

Eigentlich ist sie einigermaßen düster, diese Hier-und-heute-Geschichte, die Silvio Huonder, der 52-jährige Schweizer Autor, erzählt, und für den Fortgang unserer Geschichte nicht eben zuversichtlich stimmend. Doch Erzählton und Schreibweise sind, wie in Huonders vorherigen Büchern, leicht, witzig, fantasiereich, voller Anspielungen und Überraschung. Sodass man sich am Ende freut, diesem schrullig-wunderlichen Altbekannten wieder begegnet zu sein. Diesem Zeitgenossen namens Johannes-Maculin-Fabio-Bosch-Fedo-Paulmann. SILVIA HESS

Silvio Huonder: „Valentinsnacht“. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2006. 189 Seiten, 17,90 Euro