Ohne Selbstironie geht überhaupt nichts

LITERATURFEST Schreiben ist eine selbstsüchtige Angelegenheit: Man schafft eine eigene Welt, in der man nicht den Bus verpasst. Im Buchhändlerkeller diskutierten junge SchriftstellerInnen ihre Motive und Methoden

VON NINA APIN

So viel junges Publikum hat der gediegene Buchhändlerkeller am Savignyplatz lange nicht gesehen: Beim Treffen Junger Autoren (TJA) im Rahmen des Literaturfestivals waren mittelalte Westberliner in der Minderheit. Dicht gedrängt zappelten GymnasiastInnen und Studierende auf den Stühlen, kicherten über schlechte Witze und spielten „Schniepelzählen“ mit der abstrakten Kunst an den Wänden. Auch auf dem Podium war der Altersdurchschnitt so niedrig, dass selbst die Moderatorin Rabea Edel ins Staunen kam.

Edel, 28, wurde selbst zweimal mit dem TJA-Preis für NachwuchsautorInnen ausgezeichnet. Ihr Debütroman, „Das Wasser, in dem wir schlafen“, erschien 2006. Es gehört zum Prinzip des seit 1986 stattfindenden Schreibwettbewerbs, dass ehemalige PreisträgerInnen ihre Kollegen präsentieren. Ziel ist neben der Lesung ein Austausch über Schreibtechniken und die Bedingungen von Literaturproduktion. Von Schülerzeitungsatmosphäre konnte im Buchhändlerkeller indes keine Rede sein: Die sieben SchriftstellerInnen, deren Texte in den Vorjahren unter jeweils 700 Einsendungen ausgewählt und preisgekrönt wurden, konnten alle bereits erste Veröffentlichungen vorweisen. Dementsprechend professionell war die Leseperformance.

Kurzes aus der aktuellen Produktion – das war die Vorgabe für die Lesung. Während der 1990 geborene Steffen Juhran aus Leipzig über einen real existierenden „nackten Cowboy von New York“ las, einen Desperado der Großstadt, konzentrierte sich die 21-jährige Berlinerin Lydia Dimitrow auf kleine Alltagsbeobachtungen im Zwischenmenschlichen. Mit charmantem bayerischen Akzent las die 20-jährige Lena Stange von den Urlaubserlebnissen dreier junger Leute am Wasser, mit Bildern, die zu den poetischsten des Abends gehörten: „Das Schönste und Schrecklichste am Kentern ist die sich dehnende Zeit, in der man weiß, dass man gleich schwimmen wird oder das Boot rollen muss, wenn man zusieht, wie sich das Kajak zu drehen beginnt, und man, egal wie oft man schon ins Wasser gefallen ist, nicht ganz sicher ist, ob man wiederauftauchen wird.“

Das war eine perfekte Vorlage für eine Diskussion über Textproduktion, die überraschend spannend war. Denn die sieben AutorInnen ließen sich, noch am Anfang ihrer Schreibkarriere und nicht vereinnahmt vom professionellen Literaturbetrieb, tief in die Karten schauen. So erfuhr man, dass die Frankfurterin Olga Galicka jeden Erzählanfang mit Freunden und Lebensgefährten diskutiert, während der 19-jährige David Holdowanski seine besten Texte vor kritischen Augen verbirgt, um sie sich am Ende selbst laut vorzulesen und über den eigenen Gedankenfluss zu staunen.

Holdowanski hatte, als Jüngster der an Originalität nicht eben armen Gruppe, das größte Skurrilitätspotenzial. Mit Brille, umgeschlungenem Schal und einem Glas Wein vor sich rauschte er durch seinen Hochgeschwindigkeitstext: „eine reihe mit bäumen. festgeankert. mit stahl. sie dürfen nicht fallen. sehr weit fallen. du verstehst, die bäume zeigen es. du musst den zug festankern. mit stahl. an gleisen. der zug darf nicht fallen es ist zu spät. du ankerst dich fest. mit stahl.“

Die ironische Performance hielt das Pathos fern. Ohne Witz und Selbstironie ging überhaupt nichts an diesem Abend – und auch nicht in Lydia Dimitrows Schilderungen von Liebesleid, das sich in unrasierten Beinen und einem nicht abgetauten Kühlschrank manifestiert.

Warum die Texte so sehr ums Persönliche, oft Einsame kreisten, wollte eine Zuschauerin wissen. Bei den Antworten zeigte sich, wie reflektiert die JungautorInnen mit ihrer Rolle als SchriftstellerInnen bereits umzugehen wissen. Selbst sei sie nicht einsam, aber Zufriedenheit sei uninteressant, konterte Dimitrow. Und Laura Naumann schloss nicht aus, in der Zukunft die ganz großen Fragen der Menschheit zu verhandeln. Wenn sie sich dazu in der Lage fühle.

Schreiben sei, so Holdowanski, vor allem eine selbstsüchtige Angelegenheit. Das Schaffen einer eigenen Welt, in der man nicht den Bus verpasse und in der alles Verbotene erlaubt sei. Ein sympathischer Ansatz nicht nur für die Produktion, sondern auch den Konsum von Literatur.