Die Unparteiischen (2): Henning Vierck, Leiter des Comenius-Gartens in Neukölln

Machen Berliner Schulen dumm?

Am 17. September wird gewählt. Die wirklichen Fragen hat die Politik ausgeklammert. Die taz stellt sie – und lässt Unparteiische antworten.

Ja, Schulen können klug machen. Aber sollen sie dies wirklich? Sollen Schulen nicht vielmehr Menschen bilden, zur Menschlichkeit erziehen?

Zwei Konzepte stehen hier im Widerstreit. Und ich befürchte, Berlin bevorzugt das erste: die Vermittlung fertigen Wissens, die Überlegenheit der Klugen. Das zweite Konzept gründet tiefer, ist Voraussetzung demokratischer Kultur. Es versteht Schule nicht als Lehranstalt, sondern als Forschungseinrichtung.

Die Vermittlung von Wissen erzeugt einen Anpassungsdruck, der von ökonomisch erfolgreichen Gesellschaften gern in Kauf genommen wird, der aber umso kritischer wird, je ferner ihnen die Länder sind, aus denen das eine, das andere oder gar die vielen ihrer Schulkinder stammen. Wenn wir diesen Kindern vorschreiben, was für uns, unser Haus, unsere Ökonomie richtig ist, machen wir sie viel schneller dumm, krank oder gewalttätig als die einheimischen Kinder, die mit unserem Haus vertraut sind. Deshalb müssen wir auf diese Kinder intensiver als auf die eigenen eingehen. Wir müssen ihre Fragen verstehen lernen. Wir müssen sie und uns als Forscher begreifen. Ihre kulturellen Wurzeln, die uns fern sind, erscheinen uns sonst als „Bildungsferne“ der Kinder. Dass sich dieses Wort „Bildungsferne“ in die Berliner Schulpolitik eingeschlichen hat, ist für mich ein Zeichen der Menschenverachtung, auch Lebensmüdigkeit.

Als die heutige Schule erfunden wurde – erkennbar an der allgemeinen Schulpflicht –, da schrieb ihr Geburtshelfer, Johann Amos Comenius, der von 1592 bis 1670 lebte, dass keinem gestattet sei, „etwas herzusagen, das er nicht versteht, oder etwas zu verstehen, das er nicht ausdrücken kann. Denn wer seines Geistes Empfindung nicht ausdrückt, ist eine Statue, wer Unverstandenes daherplappert, ein Papagei. Wir aber bilden Menschen und wollen sie ohne Umwege bilden. Das ist möglich, wenn überall die Sprache mit den Dingen und die Dinge mit der Sprache gleichen Schritt halten.“

Die Chancen des zweiten Konzepts liegen demnach auf der Hand: Wer nicht lehrt, sondern forscht, bei dem sprechen die Dinge. Kein Wunder auch, dass die Wörter „Denken“ und „Ding“ (think und thing) etymologisch die gleichen Wurzeln haben.

Aber geht denn das, eine Schule ohne Lehrer, nur mit Forschern? Ja, ich denke schon, wenn es keinen Streit um Worte gibt, und die Lehrer einstweilen noch Lehrer genannt werden dürfen. Den Anfang hat Comenius gemacht. Er hat, der Herrschaftsordnung seiner Zeit widerstehend, das Verhältnis von Lehrer und Schüler umgekehrt: „Da der Lehrer nur Diener, nicht Herr, nur Mitbildner, nicht Umbildner der Natur ist, so möge er den Schüler nicht mit Gewalt zu etwas drängen.“

Comenius hat demokratisch verfasste Gesellschaften nicht erlebt, wohl aber das Konzept ihrer Schulen entwickelt. Gerade wegen der allgemeinen Schulpflicht geht es ihm um das „Selbstsehen, Selbstsprechen und Selbsthandeln“. Die Selbstbestimmung des Menschen ist für ihn die „Methode des Paradieses“, für uns die Methode der Demokratie.

Wenden wir diese Methode in unseren Schulen an und sprechen wir dort eine gemeinsame Sprache, dann können wir uns gegenseitig bilden, dann wird niemand dem anderen überlegen sein. Die gemeinsame Sprache aber ist die Sprache der Dinge. Das Handy gehört genau so gut in den Unterricht wie die Trommel oder der Bleistift. Dinge sind Kommunikationsmittel, Werkzeuge, also Zeugen des Werks. Sie sprechen. Wer mit ihnen umgehen kann – und das tun Forscher –, wird selber sprechen lernen, neue Werke erstellen, neue Botschaften anderer kritisch lesen. Er wird nicht dumm, nicht unbedingt klug, er wird gebildet sein. Henning Vierck

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Fotohinweis: HENNING VIERCK ist Comenius-Experte. Der Philosoph des 17. Jahrhunderts forderte Bildung für alle.