Lass uns mal von Sex reden

LACK Pünktlich zum 20-Jährigen des KitKatClubs gibt es nun ein Buch über die frühen Tage des freizügigen Clubs

Er nennt sich nur der Träumer. Vigor Calma heißt er im wahren Leben – und er hat ein Buch geschrieben. „KitKatClub Berlin“. Eine Art Coming-of-Age-Roman. Der „Träumer“ beginnt seine „Reise“ im Jahr 1993. Es ist der dritte Juli und in Berlin Loveparade. Calma nimmt zum ersten Mal Ecstasy – oder „Reiter“, wie er schreibt. Daraufhin eröffnen sich ihm neue Lebenserfahrungen. „Also bekam ich einen Orgasmus wie eine Frau. Er hörte nicht auf, als das Sperma aufhörte in meine Handfläche zu spritzen“, schreibt er.

Ein Jahr später erlebt er dann seinen ersten Besuch im KitKatClub. Er zieht sich eine Lackhose an und bekommt „sein Selbstwertgefühl“ zurück. Für den „Träumer“ läuft die Beziehung zu seiner Freundin, die er „Psyche“ nennt, nicht gut. Er bündelt all seinen Hass auf sie. Sie befriedigt ihn nicht oral und stresst nur rum. Armes Würstchen.

Der KitKatClub hingegen könnte nicht schöner sein. Der „Träumer“ sieht hier seine erste „rasierte Pussy“ und schaut im Dunkelraum Sexorgien zu. Er schreibt: „Was ich sah, war 500 Prozent anders, als was mir die kleine Polin zu Hause vorlebte.“

Die Geschichte läuft, wie sie eben laufen muss. Calma, der „Träumer“, findet ein neues Zuhause in dem für seine sexuelle Freizügigkeit bekannten Club, damals noch an der Glogauer Straße. Er malt Bilder für die Betreiber, wird in die Familie aufgenommen, trennt sich, geht neue Beziehungen ein.

Er zieht sich eine Lackhose an und bekommt „sein Selbstwertgefühl“ zurück

Schmerzliche Metaphern

Pünktlich zum 20. Jubiläum des Clubs veröffentlicht Vigor Calma seine Tagebucheinträge als E-Book, das im März wegen der großen Nachfrage auch als gebundenes Buch herauskommen soll. Natürlich ist das Interesse groß, weil er beschreibt, wie er sein Sperma ableckt, wie er einen geblasen bekommt und wie er auf der Tanzfläche masturbiert. Doch Vigor Calma ist kein erotischer Autor. Er hat auch nicht die Wucht eines Marquis de Sade, den er zitiert. Seine erotischen Szenen sind voller schmerzlicher Metaphern. Was Calma aber mit seinem Werk schafft: Er gibt Einblicke in die KitKatClub-Kultur der neunziger Jahre.

Alles stand da im Namen von Sex, Drogen und Befreiung. Sex wird zum Politikum. „Hier im Schmuddeleck erfuhr ich, wie revolutionär und einfach Rebellion sein konnte“, schreibt Calma. Er rebelliert gegen seine Beziehung, gegen die Moralvorstellungen und eigentlich auch gegen sich selbst.

Sex als politisches Instrument begleitet den KitKatClub seit Jahrzehnten. So organisieren die Club-Leute 2001 die Demo „Carneval Erotica“. Ihr Ziel? Die sexuelle Liberalisierung. Und die Wertschätzung des hedonistischen Lebensstils. Natürlich ist der „Träumer“ ebenfalls Hedonist. Und genau mit diesem Lebensstil bedient er jegliche Klischees, die Außenstehende vom KitKatClub in Berlin haben. Vermeintlich sexuelle Offenheit gepaart mit Esoterik. Eben Schamanen, Titten, Magie, Schwänze.

Der „Träumer“ lernt im Club die Besitzer kennen. Thier, weil er ein direkter Nachfahre des gehörnten Gottes Pan war, steht in Chaps rum und fickt, während seine Geschäfts- und Lebenspartnerin „Fiona“ sich den Hintern fisten lässt. Die Figuren, die Vigor Calma beschreibt, sind eindimensional und in ihrem Hedonismus verankert. Auch Calmas „Träumer“ bleibt stoisch gefangen zwischen Esotrash und sexistischer-heteronormativer Schwanzgeilheit. Calma, der „Träumer“, hat offenbar nichts gelernt in „seinem“ Club. Das Sadomaso-Publikum findet er abstoßend, S/M ist „spießige Langeweile von Leuten, die keine Lust hatten, sich mit sich auseinanderzusetzen. Null Selbstreflexion, Uniform statt Individualität, Konformismus statt Kreativität.“ Alles, was nicht ins Weltbild passt, ist eben böse.

Als die Club-Macher am 1. März 1994 in der damaligen Turbine ihre Partyreihe starteten, wollten sie Techno und Fetischclub vermengen. Dabei präsentierten sie ihren Club offen für jegliche sexuelle Spielarten. Calmas Darstellungen bleiben aber beschränkt. So hat er im Club noch nie zwei Männer beim Sex gesehen, zumindest beschreibt er das nicht. Der „Träumer“ sucht eben keine sexuelle Offenheit, sondern „Hippiesinnlichkeit“. Seine Suche endet im Jahr 2000. Mehrmals ist der Club inzwischen umgezogen. Anstatt „Reiter“ konsumieren die Menschen nun Speed. Nicht nur die Drogen verändern den Club, sondern auch das mediale Interesse. Kaum eine Sendung, die nicht schon mal über den Ort in Berlin berichtet hat. Auch die Musik wird anders. Calma ist im Millennium angekommen. Der „Träumer“ aber träumt weiter.