Studieren, weil die Schule öde ist

UNI AB 16 Rund 500 Schüler haben in den letzten vier Jahren zusätzlich Vorlesungen an der Technischen Universität besucht. Schwerpunkt: Mathematik und Naturwissenschaften

VON CASPAR SCHLENK

Karl-Yannick Koch wartet auf seine große Geschäftsidee. Um seinem Glück ein bisschen auf die Sprünge zu helfen, hat der 16-Jährige vergangenes Semester an der Technischen Universität Berlin (TU) das Fach „Entrepreneurship“ belegt. „Ich will einen Einblick in die Geschäftswelt bekommen“, sagt er ganz professionell. Für die Prüfung hat er ein Gesellschaftsspiel mit dem Namen „Finanzkrisole“ entwickelt. „Es ist wie Monopoly und spielt in der Finanzkrise“, berichtet der junge Mann. Zusammen mit einem Freund hat er Businesspläne aufgestellt und den „Break-Even-Point“ berechnet. Seine Präsentation wurde mit der Note 1,0 ausgezeichnet. Studieren ist dabei für Karl-Yannick nur eines seiner Hobbys. So wie Tennis, Kampfsport und Schlagzeug. Nebenbei besucht er noch die elfte Klasse des Paulsen-Gymnasiums in Steglitz.

Seit vier Jahren haben rund 500 Schüler wie Karl-Yannick an der TU Vorlesungen besucht. Das Programm „Studieren ab 16“ richtet sich vor allem an jene Jugendlichen, die in der Schule unterfordert sind. Wer noch Zeit neben der Schule habe, könne so den „Grundstein für seine Karriere legen“, sagt der Vizepräsident der Universität, Wolfgang Huhnt. Aus 93 Berliner und 21 Brandenburger Schulen kämen die junge Studierenden, berichtet Claudia Cifire, Leiterin des Projekts. Diese Freiwilligen seien Schüler nicht nur von Gymnasien, sondern von allen Oberschulen.

Der Schwerpunkt des Programms liegt auf mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Unter den rund 60 Veranstaltungen können sich die Schüler aber auch für Wirtschafts- und Geisteswissenschaften entscheiden. In den Hörsälen sitzen sie zusammen mit den „normalen“ Studierenden. „Die meisten Kommilitonen in der Uni sind viel motivierter“, erzählt Karl-Yannick. Bei seinen Klassenkameraden hingegen habe er meist das Gefühl, dass sie lieber zu Hause sitzen würden als in der Schule.

Am Ende der Veranstaltung können die Schülerstudenten eine Prüfung ablegen. Dabei setzt das Programm auf Freiheiten: Nach jedem Semester können die Schüler die Fachrichtung wechseln. Im späteren Studium werden bereits absolvierte Prüfungen anerkannt. Und wer schlecht abschneidet, kann die Prüfung in einem späteren Studium wiederholen. Die Vorlesungen können problemlos abgebrochen werden. Rund 10 Prozent der Schüler springen vor dem Ende ab. Die Statistik verrät aber auch: Ein Fünftel der Jugendlichen studiert länger als ein Semester an der TU.

Voraussetzung für das Frühstudium ist, dass Eltern und Lehrer zustimmen. Überschneiden sich Uni und Unterricht, muss jedoch die Schule zurückstehen. Projektleiterin Cifire: „Die Leistungen müssen so gut sein, dass die Schülerstudenten einen Teil des Schulunterrichts schwänzen können.“ Außer dem Vertrauen der Schule brauche es keine weiteren Empfehlungsschreiben, so Cifire.

Olaf Gründel, Lehrer des „Leonardo Da Vinci Campus“ in Nauen, unterstützt die Hobbystudenten. 15 Schüler aus der brandenburgischen Stadt lernen nebenbei an der TU Berlin. „Es ist die Möglichkeit für Hochbegabte, in der Praxis unterzukommen, was wir als Schule nicht leisten können“, so Gründel. Die Studienleistungen würden zum Teil sogar als Klausurersatz anerkannt. Einige der Schüler hätten ihr Studium allerdings auch abgebrochen, erzählt der Wirtschafts- und Geschichtslehrer. Auch daraus könnten die Schüler eine Lehre für sich ziehen.

Nicht alle Schulen seien so verständnisvoll, beklagt Projektleiterin Cifire. Oft mangele es an Unterstützung für die Studenten. Auch sei unklar, wie Schüler, die schon wegen des Abiturs nach nur 12 Jahren unter starkem Druck stehen, die Doppelbelastung künftig überhaupt noch bewältigen könnten. Karl-Yannick traut sich für kommendes Semester trotzdem das Fach „Bauphysik“ zu – „um mal was anderes kennenzulernen“.

■ Anmeldung bis zum 1. Oktober unter www.tu-berlin.de