Jede Menge Schwarzarbeit

Die Mainzer Schachtage werden einmal mehr vom Weltranglistenzweiten Viswanathan Anand dominiert. Der lässt nur einmal Gnade walten – im Duell mit einem Rocker

MAINZ | taz ■ | Den größten Hit von Him haben Schachfans in Mainz live von Mitgliedern der finnischen Rockband und Marienhof-Darstellerin Vaile dargeboten bekommen. Den Titel „Join me“ hatten sie wörtlich genommen. Fast 1.000 Meldungen gingen vergangene Woche für die Turniere beim weltweit größten Schnellschach-Festival ein. Die Pilgerfahrt zu den Chess Classics setzt alljährlich im August ein, auch weil die Show-Veranstaltungen attraktiv gestaltet werden. Zum Beispiel die Simultan-Vorstellungen des Weltranglistenzweiten Viswanathan Anand sowie des -dritten Levon Aronjan gegen 40 beziehungsweise 20 Amateure.

Gleich zu beiden Simultans traten Him-Keyboarder Burton und Bassist Mige an. Auf Tour schlagen sie zusammen mit Bandleader Ville Vallo die Zeit zwischen ihren Auftritten mit Schach-Duellen tot. Nun spielten die Musikstars erstmals gegen Größen aus der Welt der 64 Felder. Burton verfiel danach in Jubel: „Ich hätte nie gedacht, dass ich gegen Anand ein Remis schaffe! Ich wollte wie Mige auch nur 20 Züge überleben“, sprudelte es aus ihm heraus. Der Keyboarder befand begeistert: „Das war wirklich cool!“

Gönnte Anand dem sich wacker wehrenden Rockmusiker ein Remis, kannte er anschließend kein Erbarmen. Schließlich galt es, die Serie bei seinem Lieblingsturnier fortzusetzen: Durch ein 5:3 über Teimour Radjabow gewann der 36-Jährige zum siebten Mal in Serie im Wimbledon des Schnellschachs. Der Aserbaidschaner brachte den „Tiger von Madras“ an den Rand einer Niederlage. Mit 3:2 führte der 19-Jährige, weil er mit Schwarz auftrumpfte. Zur Wachablösung reichte es indes nicht, weil Anand bei seiner einmonatigen Eröffnungsvorbereitung im Juli das Hauptaugenmerk auf die Startvarianten mit Schwarz gelegt hatte. Trotz des Nachteils, nur auf den ersten weißen Zug reagieren zu können, gewann der nun neunfache Mainz-Sieger drei der vier Partien als Nachziehender. Anand hätte sogar alle gewinnen können, patzte jedoch im ersten Duell. „Dass Schwarz so dominierte, war extrem“, betonte der für den deutschen Meister OSC Baden-Baden spielende Inder. Radjabow scherzte nach der Schwarzarbeit: „Wir müssen mehr mit den weißen Steinen arbeiten, um damit wenigstens eine ausgeglichene Stellung zu bekommen.“

Dieses Problem haben die WM-Teilnehmer im „Chess960“ nicht. Bei dieser vor allem in Mainz propagierten Schachvariante wird die Startposition der Figuren auf den Grundreihen vor jeder Partie unter 960 Möglichkeiten ausgelost. So entfällt die aufwändige Eröffnungsvorbereitung. Durch ein 5:3 löste der in Berlin lebende Armenier Aronjan den Russen Peter Swidler als Chess960-Weltmeister ab. „Von 16 WM-Partien wurden 14 entschieden. Es gab nur zwei Remis – da kann man nicht meckern“, freute sich Organisator Hans-Walter Schmitt. Die Fans sahen es ähnlich. In der Rheingoldhalle verloren sich zwar insgesamt nur rund 2.000 Zuschauer. Im virtuellen Stadion der Chess-Classic-Webseite tummelten sich aber beim Showdown am Schlusstag 66.300 Besucher. Mehr schaffen auch die Rocker von Him bei ihren Auftritten nicht.