post aus peking

Atmen gehen

Während Chinas Hauptstadt in Schlamm und Regen versinkt, finden sich in der Umgebung noch Orte echter Kontemplation

Seit Wochen hat es in der Stadt keinen blauen Himmel mehr gegeben, die Abgase mischen sich mit dem Sand aus der Wüste Gobi, den es immer öfter bis nach Peking treibt. Während im allgemeinen klimatologischen Durcheinander in Südchina die Taifune wüten und es in Westchina so heiß ist, dass die öffentlichen Verkehrsbetriebe Eimer voller Eis für die Passanten neben die Sitze stellen, regnet es in Peking so wie nie im Sommer. Fast täglich wäscht es den Dreck aus der Luft und klebt ihn als dunkelgrauen Schleim auf den Asphalt.

Das treibt auch Liu Donghong um, einen der besten Sänger und Songwriter der Stadt. Er ist einer der wenigen, die noch auf Chinesisch texten. Seine Lyrics haben oft soziale Anliegen und berichten von armen Männern vom Land, die in den Städten vergeblich das große Glück suchen. Seine Band hat er Shazi genannt, also Sand. Damit will er nicht an den Sand in der Stadt erinnern, sondern daran, dass jeder Mensch nur so wichtig ist wie ein Sandkorn unter vielen.

Bei ihrem letzten Auftritt im schicken Galerienviertel Dashanzi brachte Liu Donghongs Freundin ihm zwischen zwei Liedern ein Paar stählerne Essstäbchen auf die Bühne. Er sagte: „Irgendwo muss man ja anfangen. Wenn 1,3 Milliarden Menschen täglich drei paar hölzerne Essstäbchen verbrauchen, dann gibt es bald keinen Wald mehr in China. Kein Wunder, dass Peking langsam versteppt.“

Vor zwei Tagen rief mich Liu Donghong an und fragte mich, ob ich mit ihm und ein paar Freunden einen Ausflug machen will. „Lass uns atmen gehen“, sagte er. Und so machten wir uns heute auf den Weg in die Westberge, nach Badachu, in den Park der „acht großen Stätten“ oder besser gesagt, wie sich nach fast zweistündiger Taxifahrt herausstellte, in den der acht kleinen Tempel.

Ich habe mich mit einer großen Flasche Wasser und festem Schuhwerk auf eine mühevolle Wanderschaft eingestellt, aber schon nach zehn Minuten bergauf landen seine Freundin, sein Schlagzeuger und ich laut schnaufend in einem Teehaus, suchen uns einen lauschigen Winkel und diskutieren über die soziale Schere in China und über die Vorteile postmoderner Patchworkfamilien, die in China noch nicht en vogue sind und in Europa schon wieder passé. Zwischendurch macht mich Liu Donghong auf die Qualität unseres Tees aufmerksam. Er wurde mit echtem Quellwasser gekocht.

Dann erzählt Liu Donghong auf einmal, dass er in diesem Park drei Sommer lang gewohnt hat. In einem tausendjährigen Tempel, Ende der Neunzigerjahre, zusammen mit seiner damaligen Band. Er will wissen, ob wir den Tempel sehen mögen. Auf dem Weg dorthin erklärt er uns, dass der Ort damals als Ferienheim von einer Firma genutzt wurde, in der die Freundin seiner Mutter angestellt war – deshalb konnte er dort billig wohnen. Oben angekommen, zeigt er uns alles, den Bambus, die seltenen Bäume, die Höfe, die Gedichtzeilen auf den Torpfosten, die Gebäude, in denen er damals schlief, die, in denen sie probten, und die, wo die Groupies unterkamen. „Am Anfang fand ich es hier oben so ruhig, dass ich nicht einschlafen konnte. Später fand ich heraus, dass der Mond summt“, erzählt Liu Donghong. Ich denke daran, wie er mir einmal erzählt hat, er wäre Daoist.

Wir setzen uns unter einen riesigen Felsvorsprung und schauen andächtig ins Tal. Plötzlich fühlt sich das Waschküchenwetter in und um Peking ganz angenehm an. Ein Igel watschelt vorbei. Hinter uns wachen drei Buddhastatuen. Es ist so leise, wie ich es noch nie erlebt habe in China. Plötzlich kommt ein Arbeiter im Blaumann um die Ecke und fragt uns nach einer Zigarette. Er sagt, dass das ganze Areal heute von einer Handvoll Neureicher angemietet worden sei. Er lacht: „Die zahlen dafür 20.000 Euro Miete im Jahr.“ Gesehen hat er hier bis jetzt aber noch keinen von denen. SUSANNE MESSMER