Nach dem Krieg kommen in Israel die ersten dolchstoss-legenden auf

Die Armee kam nicht bis zum Litani

In Israel herrscht jetzt eine allgemeine Atmosphäre der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. Nicht nur Politiker und Generäle bewerfen sich mit Vorwürfen, auch in der Öffentlichkeit werden Anschuldigungen aus jeder denkbaren Ecke laut. Die Soldaten kritisieren die Art der Kriegsführung, die Reservisten schimpfen über das Chaos und den Mangel an Ausrüstung.

An der Spitze der Kritiker marschieren – Überraschung, Überraschung – die Medien. Die ganze Entourage von Interviewern, Kommentatoren und Korrespondenten, die sich zuvor – mit wenigen Ausnahmen – für den Krieg begeisterten, die jede Kritik im Keim erstickten und als Verräter brandmarkten, wer es wagte, seine Stimme gegen den Krieg zu erheben, sie schreitet nun dem Lynchmob voran. Wie vorhersehbar, wie ekelhaft.

Aus der Flut der Vorwürfe und Anschuldigungen sticht ein Slogan hervor, der jedem mit gutem Erinnerungsvermögen einen kalten Schauer über den Rücken jagen sollte: „Die Politiker haben die Armee nicht gewinnen lassen.“ Vor unseren Augen kehrt der alte Aufschrei zurück: „Sie haben der Armee einen Dolch in den Rücken gestoßen!“ Und so funktioniert er: Zwei Tage vor dem Ende kam die Bodenoffensive ins Rollen. Dank unserer heldenhaften Soldaten, der Männer der Reserve, geriet sie zu einem glanzvollen Erfolg. Doch dann, wir waren gerade am Rande eines großen Sieges, da funkte uns die Waffenruhe dazwischen.

An dieser Version ist nicht ein Körnchen Wahrheit. In Wirklichkeit war die Bodenoffensive nicht früher ausgeführt worden, weil klar war, dass sie keine maßgeblichen Vorteile bringen, aber viele Leben kosten würde. Doch warum wurde dann im letzten Moment entschieden, diese Operation doch noch durchzuführen – nachdem die UN mehrmals zu einem Ende der Feindseligkeiten aufgerufen hatten? Die entsetzliche Antwort lautet: Es war eine zynische Übung des trio infernale Olmert, Peretz und Halutz. Sie wollten „ein Bild des Sieges“, wie sie in den Medien offen zugaben. Auf diesem Altar wurden die Leben von 33 Soldaten geopfert. Das Ziel war es, die siegreichen Soldaten am Ufer des Flusses Litani zu fotografieren. Die Operation dauerte nur 48 Stunden, bis die Feuerpause in Kraft trat. Doch obwohl die Armee Hubschrauber benutzte, um die Truppen einzufliegen, wurde das Ziel verfehlt. An keinem Punkt erreichte die Armee den Litani. Zum Vergleich: Im ersten Libanon-Krieg, dem von Ariel Scharon 1982, überquerte die Armee den Litani in den ersten Stunden.

Als die Waffenruhe beginnen sollte, hatten die israelischen Einheiten ein paar Dörfer auf dem Weg zum Fluss erreicht. Dort saßen sie wie Enten, umzingelt von Hisbollah-Kämpfern, ohne Nachschublinie. Von dem Moment an hatte die Armee nur noch ein Ziel: sie dort so schnell wie möglich wegzubringen. Sollte eine Untersuchungskommission eingesetzt werden, dann wird auch zu überprüfen sein, wie es zu diesem Desaster kam.

Diese Fakten sind der Öffentlichkeit bislang jedoch noch nicht bekannt. Die Gehirnwäsche der Militärkommentatoren und Exgeneräle, die die Medien während des Krieges dominiert haben, hat auch diese verrückte Operation in eine rauschende Siegesparade umgedichtet. Die Entscheidung der politischen Führung, sie zu beenden, wird von manchen nun als ein Akt rückgratloser, korrupter oder gar verräterischer Politiker beklagt.

Vielleicht siegt am Ende doch die Logik: Es hat sich gezeigt, dass es keine militärische Lösung gibt. Doch dazu müssen wir ehrlich mit uns selbst sein: die Fehler benennen, ihren Gründen nachgehen und die richtigen Schlüsse ziehen.

Einige Leute möchten das um jeden Preis verhindern. US-Präsident George Bush hat bereits lautstark verkündet, dass wir den Krieg gewonnen haben. Ein glanzvoller Sieg über das Böse. Wie sein eigener Sieg im Irak. URI AVNERY

Uri Avnery, 83, ist israelischer Friedensaktivist