DER STETE MANGEL AN ERNTEHELFERN ZEIGT: ES GIBT KEINE „EINFACHJOBS“

Der Acker als arbeitsmoralische Anstalt

Die Geschichte klingt bekannt. 50 „Gelegenheitsarbeiter“ wurden für die „ostelbische Landwirtschaft“ gesucht. Hunderte von beschäftigungslosen Arbeitern wurden in Berlin angesprochen, doch nur 15 Mann meldeten sich. „Von diesen 15 nahmen 10 während des Transportes Reißaus und die letzten fünf verschwanden nach dreitägiger Arbeit“, klagte ein Autor in der Deutschen Arbeitgeber-Zeitung. Das war zwar vor fast 100 Jahren. Doch es gibt eben Dinge, die sich nie verändern.

Rund 40.000 Arbeitslose haben in diesem Jahr auf Vorschlag ihrer Vermittler in den Jobcentern erklärt, Erntejobs machen zu wollen. Aber nicht mal ein Zehntel davon hat dann auch tatsächlich auf dem Feld durchgehalten. Die meisten erschienen gar nicht erst oder meldeten sich alsbald krank. Kein Wunder: Auch für den Ernteeinsatz zählen Qualifikation und Motivation. Die Erfahrungen in der Landwirtschaft belegen, was man eigentlich schon hätte wissen können: „Einfachjobs“ als eine Art Mindestlösung für die Erwerbslosen gibt es nicht. Und Erntearbeit oder Altenbetreuung sollten von der Sozialpolitik auch nicht ständig zu dieser Lösung erklärt werden.

Arbeitsmoral ist immer auch eine Frage der subjektiven Einstellung; es zählt der persönliche Nutzen. Ein Bruttolohn von 800 Euro ist für einen polnischen Erntehelfer aufgrund der Kaufkraft im Heimatland nun mal erheblich motivierender als für einen deutschen Erwerbslosen, der von dem Vollzeitjob außerdem nur 240 Euro zusätzlich zu Hartz IV behalten kann. Erntearbeit erfordert zudem einen gesunden Rücken, Fingerfertigkeit, Monotonieresistenz und viel Übung. Sie ist genauso wenig ein „Einfachjob“ wie beispielsweise Altenpflege, zu der man neben einer starken Wirbelsäule auch Sensibilität in den Händen, Ekelresistenz und seelische Zugewandtheit braucht.

Der Bauernverband hat recht, wenn er Sanktionen gegen ernteunwillige Arbeitslose ablehnt. Denn wer diese Jobs respektiert, benutzt sie nicht als Instrument, um damit irgendeine „Arbeitsbereitschaft“ von Erwerbslosen zu testen.

BARBARA DRIBBUSCH