Horror Vacui

von KOLJA MENSING

Wie ein Horrorfilm beginnt „Die Arbeit der Nacht“, der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic. Eines Morgens funktionieren Fernseher, Computer und Telefon nicht mehr, und als Jonas auf die Straße hinausläuft, ist dort niemand zu sehen. Er steigt in sein Auto und fährt durch Wien, über den Franz-Josef-Kai, an der Oper und an der Hofburg vorbei. Keine anderen Autos, keine Menschen, keine Tiere: „Da war nichts.“ Die Regeln des Genres verlangen nun nach einer spektakulären Aufklärung über die Ursachen des Phänomens, doch in diesem Fall bleibt der Schrecken erst einmal aus. Es gibt weder Zombies noch Außerirdische und auch keine Hinweise auf einen nuklearen Fallout oder einen Terroranschlag. Jonas bleibt nichts anderes als die Vermutung, dass er eine Art von „Prüfung zu bestehen“ habe. Doch was für eine Prüfung sollte das sein?

Eigentlich hat der 1972 geborene Thomas Glavinic einen Hang zu leicht skurrilem Personal. In seinem Debüt „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ erzählte er von einem Schachspieler, der lieber Remis erzwingt als zu gewinnen, in „Herr Susi“ führte er einen Versicherungsangestellten vor, der es zum Präsidenten eines provinziellen Fußballvereins schafft, „Der Kameramörder“ bestand aus dem Monolog eines Schwerverbrechers. Im Mittelpunkt von „Wie man leben soll“ wiederum stand ein phlegmatischer, 146 Kilo schwerer Modernisierungsverlierer. Und jetzt also der gesichtslose Jonas, über den man nicht mehr weiß, als dass er 35 Jahre alt ist und für eine Möbelfirma arbeitet – und sich ganz allein in einer Millionenstadt befindet.

Viel mehr erfährt man zunächst auch nicht. Glavinic verzichtet weitgehend auf Selbstreflexionen, innere Monologe und andere Alleinstellungsmerkmale des modernen Romans, nüchtern schildert er stattdessen den Gang der Ereignisse. Systematisch erforscht Jonas die Stadt, fährt über die Autobahn nach Salzburg und lauscht mit einem Radiogerät und einem Funkempfänger auf ferne Stimmen. All das bleibt ohne Ergebnis, Wien, Österreich, die ganze Welt scheinen völlig ausgestorben. Dafür stößt er auf beunruhigende Unregelmäßigkeiten in seiner Umgebung: Von einem Tag auf den anderen hängt eine neue Jacke an seiner Garderobe, Schuhe verändern über Nacht ihre Position, und schließlich findet er „zwischen der Brotdose und der Kaffeemühle“ ein Polaroidfoto, das ihn selbst beim Schlafen zeigt: „Entweder war jemand anderer für all das verantwortlich. Oder er selbst. Aber das wollte er einfach nicht glauben.“

Jonas wird zum Kontrollfreak. Er stellt Videokameras auf, überall in der Stadt und auch in seinem Schlafzimmer, und während er auf den Bändern nach „geheimen Botschaften“ sucht, widmet er sich gleichzeitig der Rekonstruktion seines Lebens, das sich ins Nichts aufgelöst hat. In emotionslosen Passagen erinnert er sich an seine Freundin Marie, vor allem aber an Episoden aus seiner Kindheit: an Lieblingsspeisen, Spielkameraden, eine Nachbarsfrau. Die Bilder sind erschreckend blass, und als Jonas beginnt, die ehemalige Wohnung seiner Eltern detailgetreu wieder herzurichten, ist darin wohl vor allem die Angst vor der Dürftigkeit des eigenen Lebens zu sehen: „An ihm war es nun, das Alte wiederherzustellen. Falls er etwas auf der Welt sein Eigen nennen wollte.“

Jonas scheitert mit diesem Vorhaben, genauso wie mit der Wiederholung seiner ersten eigenen Urlaubsreise auf einer „Puch DS, 50 Kubikzentimeter“, die ihm noch einmal wie damals das Gefühl vermitteln sollte, „dass jetzt alles passieren konnte“. Nichts wird sich mehr ereignen – und zwar nicht, weil der Fernsehempfang gestört ist und keine Menschen über die Straßen laufen, sondern weil das „Glück“, das sich mit einem „Sommertag in der Kindheit“ oder der Erinnerung an eine Frau verbindet, ohnehin für immer verloren ist: Die Vergangenheit ist dahin, die Gegenwart zieht wie ein Videoband im schnellen Vorlauf an einem vorbei, und von der Zukunft bleibt einem nicht mehr, stellt Jonas schließlich fest, als „der Nacht bei ihrer Arbeit zuzusehen“ und auf den Tod zu warten. Das ist die schmerzhafte Erkenntnis, die sich hinter diesem einfach konstruierten und zugleich dunklen und rätselhaften Roman verbirgt. Es ist nicht das erste Mal, dass sie ihren Platz in der Literatur findet, doch zumindest unter den so genannten jüngeren deutschsprachigen Erzählern steht Thomas Glavinic mit seiner formalen und inhaltlichen Radikalität ganz alleine da. Um es in einfachen Worten zu sagen: Dieser Schriftsteller ist bisher deutlich unterschätzt worden. Zeit, das mit dem fünften Roman endlich zu ändern.

Thomas Glavinic: „Die Arbeit der Nacht“. Hanser, München, Wien 2006. 394 S., 21,50 Euro