Adieu, Habibi!

Der junge schwule Fernsehregisseur Eli war stolz auf sein Beirut, in dem Menschen gleich welcher Religion oder sexuellen Orientierung zusammen feierten – doch seine Generation konnte sich nicht durchsetzen

Heute Nacht hat die israelische Luftwaffe den Flughafen Beiruts bombardiert, vorerst nur die Rollbahnen. Hoffentlich ist Eli nichts passiert.

Message von Eli, 13. Juli 2006, 10.30 Uhr: „Mir und meiner Familie ist nichts passiert, es geht uns so weit gut. Die israelische Luftwaffe soll ihren Job erledigen, sonst wird die Hisbollah danach noch viel stärker sein als vorher.“

Beirut, die einzige Stadt der arabischen Welt, die über eine vitale schwul-lesbische Szene verfügt – eine Unterabteilung des „Freudenhauses des Nahen Ostens“, in dem gespielt, gehurt, gesoffen, gefeiert wird, als gäbe es kein Morgen.

Die jungen Menschen hatten ja Recht: Es scheint kein Morgen zu geben, der Traum ist ausgeträumt, stattdessen schlagen Raketen ein, zerstörte Gebäude, zerstörte Menschen, zerstörte Hoffnungen. Ausgerechnet diese Stadt wird gerade in Schutt und Asche gebombt, ausgerechnet die Stadt, in der die arabisch-muslimische Welt Freiheit, Liberalität, „westlichen“ Lebensstil ausprobieren konnte, „Test the West“.

Beirut im November letzten Jahres; immer noch ausreichend warm, dass man nur im Hemd herumlaufen kann, auch nachts. Ein erster Kontakt zu den Einheimischen war schon vor der Abreise im kalten Deutschland hergestellt, über „Gayromeo“, eines der internationalen Chatforen, mit deren Hilfe Schwule weltweit Kontakt miteinander aufnehmen; es gibt sie überall auf der Welt, und es verbindet sie etwas, was über nationale Grenzen, Ethnien und Religion hinausgeht. Die Schwulen und Lesben sind wie ein Sprühnebel: Fällt die Sonne darauf, leuchten alle Farben des Regenbogens – scheint sie nicht, ist nichts zu sehen. Wenn man wissen will, wie es um ein Land bestellt ist, muss man sich nur die Gefängnisse und die Homoszene anschauen.

Man findet zueinander, und sei es am Place des Martyres in Downtown Beirut. Verabredeter Treffpunkt mit Eli: der Virgin Record Store, gleich neben dem in einem Meer aus Blumen ertrinkenden Schrein für den 2005 ermordeten ehemaligen Staatspräsidenten Hariri, der unter anderem für den Wiederaufbau des im Bürgerkrieg pulverisierten Stadtzentrums verantwortlich zeichnete. Hariri war ein Symbol für die Loslösung von der Besatzungsmacht Syrien – es hat ihn das Leben gekostet, nicht weit von hier in der Nähe des Hafens wurde er Opfer einer Autobombe, deren Wucht gleich ein halbes Haus in Schutt und Asche legte. Hier auf der Place des Martyres hatte die Jugend Beiruts wochenlang campiert und demonstriert: für die Unabhängigkeit des Landes, für Freiheit und Demokratie. Man durchlebte den „Beiruter Frühling“ die „Zedernrevolution“, manche sagen kritisch: die „Gucci-Revolution“. Eli war einer dieser jungen Menschen – jung, gut aussehend und vor allem daran interessiert, ein gutes Leben zu führen, Wohlstand, Sicherheit, Freiheit.

Message von Eli, 15. Juli 2006, 21.14 Uhr: „In den letzten fünfzehn Jahren und unter syrischer Okkupation haben wir versucht, unsere Städte und unsere Leben wiederherzustellen, nachdem wir den Preis für jeden einzelnen arabisch-israelischen Konflikt bezahlt haben. Jetzt sind wir allein, sehen zu, wie israelische Kampfflugzeuge und Hisbollah-Kämpfer ein theatralisches Chaos veranstalten, das jede Minute unschuldige Leben kostet.“

Auch Eli trägt zu kunstvoll rasiertem Bart edle Designerkleidung, geht voran zur „Dunkin‘ Donuts“-Filiale, einem der Treffpunkte der Beiruter Schwulen und Lesben, denn hier riecht es nicht nur nach Gebäck und Coffee to go, sondern vor allem nach Westen und Freiheit. Eli ist müde, er sieht gerade viel älter aus als 28. Er hat einen anstrengenden Job beim Fernsehen, arbeitet als Regisseur von Unterhaltungssendungen – und hat die letzte Nacht mal wieder durchgemacht, er war im Vogue, dort, wo es die einzige offizielle Drag Show der arabischen Welt zu sehen gibt. Im Stadtzentrum stehen Moscheen und christliche Kirchen dicht an dicht, mal läuten die Glocken, mal ruft ein Muezzin. Ob die Religionen nicht eine Bedrohung für die Schwulen und Lesben im Libanon seien? „Wir sind eine Bedrohung für sie!“, kontert Eli. Wohl wissend, dass die Verhältnisse in Wirklichkeit anders sind. Er hat versprochen, dem Besucher das sagenumwobene Nachtleben Beiruts zu zeigen. Man merkt, er ist stolz auf seine Stadt.

Eli ist griechisch-orthodox, er wohnt in einer christlichen Wohngegend am Rande Beiruts, oben in den Bergen: zusammen mit zwei Katzen und seinen Eltern. In Beirut ist es nicht üblich, mit Anfang 20 auszuziehen und eine eigene Wohnung zu haben. „Es ist schwer, eine Linie zwischen sich und der Familie zu ziehen“, erzählt Eli, der immerhin auf die 30 zugeht und einen ziemlich angesehenen Job hat. Seine Eltern wissen zwar, dass er schwul ist, möchten aber nicht, dass darüber gesprochen wird. Das ist schon viel, ansonsten wäre Eli jetzt langsam in dem Alter, in dem er sich nach einer Frau umschauen müsste, wenn er sich keinen Verdächtigungen aussetzen will. „Ach, mein Vater. Damals in den 70er-Jahren fand er es völlig in Ordnung, wenn jemand schwul ist, weil es eben der Zeitgeist war. Dann kam der Krieg, und jetzt weht eben ein traditionell-muslimischer Wind, und schon findet er es nicht mehr in Ordnung.“ Eli erzählt, dass immer mehr gut ausgebildete Christen das Land verlassen, während die Muslime unter Anleitung ihrer geistigen Führer immer mehr Kinder zeugen: Die islamische Gebärfront droht das Gleichgewicht der Religionen im Lande zu kippen. Auch Eli träumt davon, nach Dubai zu ziehen, dort könnte er eine eigene Wohnung haben. Endlich ein eigenes Leben. Ein sehr weiter Weg des geringsten Widerstands, lieber in ein anderes Land, als im eigenen zu rebellieren. Du sollst Vater und Mutter gehorchen – ist man weit genug weg, kann man sie einfach nicht mehr hören.

Er fragt, wie es in Berlin ist, seine Großmutter war Jüdin, während des Nationalsozialismus musste sie aus Deutschland emigrieren. „Israel? Es gibt viele Menschen im Libanon, die Geschäfte mit den Israelis machen, man redet nur nicht darüber“, sagt er. Eli würde gern einmal nach Jerusalem gehen, übers Internet hat er schon einige nette schwule Israelis kennen gelernt.

Man kann nicht zueinander kommen, erst heute morgen hat die israelische Luftwaffe Flugblätter über den südlichen Vierteln Beiruts abgeworfen, in denen dazu aufgerufen wird, der Hisbollah das Handwerk zu legen – eine seltsam anmutende Form der Kommunikation auf dem vorläufigen Höhepunkt des Kommunikationszeitalters – in den Tagen zuvor hatte es erneut bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der radikalschiitischen Miliz und der israelischen Armee gegeben, an der Grenze gibt es immer wieder Ärger, doch der scheint von der glitzernden Downtown aus betrachtet sehr weit weg – ähnlich weit weg wie die südlichen Viertel Beiruts, in denen die palästinensischen Flüchtlinge leben und die Hisbollah Hausrecht hat – unvorstellbar weit: Hier läuft die Jeunesse dorée Beiruts auf dem Catwalk, zeigt (gern auch schönheitsoperiertes) Gesicht zu erlesener Kleidung. Man speist international, trinkt italienischen Kaffee und raucht dennoch zusammen eine Wasserpfeife nach altem orientalischem Brauch, überall riecht es nach dem süßlich-fruchtigen Tabakdampf, eine Metropole tatsächlich zwischen Orient und Okzident, deren Wille zu unbedingter Schönheit von einem neuen Überlebenswillen nach den langen, zermürbenden Jahren des Bürgerkriegs zeugt; man möchte dort anknüpfen, wo man längst war, damals, als Beirut als das Paris des Nahen Ostens galt – die gebildete Schicht spricht hier noch immer gerne Französisch, einige träumen davon, wie es wäre, wenn der Libanon noch immer unter französischer Protektion stünde, doch das sagt man lieber nicht laut.

Ein monströser amerikanischer Geländewagen hält an der Ecke, wir werden abgeholt von Nada, einer kleinen muslimischen Lesbe, die hinter dem Steuer des Wagens zu verschwinden scheint. Nada arbeitet auch beim Fernsehen, im Gegensatz zu Eli ist sie schon längst in Dubai, die Zeit, in der sie für den Erhalt von Baudenkmälern in der Beiruter Altstadt demonstriert hat, liegt weit zurück. Wir fahren ins Spielkasino von Beirut, vorbei an diversen Kontrollposten des libanesischen Militärs, vorbei an Plakaten, die eine syrienkritische Fernsehjournalistin zeigen, die kürzlich bei einem Attentat schwer verletzt wurde, vorbei an öffentlichen Gebäuden, vor denen man nicht parken darf, weil Autos hier durchaus manchmal explodieren – es ist ein fragiles Land, das um Frieden, Ruhe, Ordnung und Wohlstand ringt, doch heute Nacht soll das alles vergessen werden.

Das Spielkasino liegt am Rande Beiruts, dort, wo die reichen Araber aus den Golfstaaten sich riesige Villen gebaut haben, damit sie es während der Feriensaison nicht so weit zum Roulettetisch haben, dort, wo in den Nebenstraßen ein Bordell neben dem anderen steht, Nachtclub an Nachtclub – hier lässt man mal so richtig die Sau raus, zu Hause herrscht dann wieder religiöse Sittenstrenge. Im legendären Spielkasino von Beirut stehen sie an den slot machines, Männer in billigen Anzügen und kaputten Schuhen, mit Schmuck behangene Beiruter Ladys und traditionell gewandete Araber. Sie lachen anerkennend, wenn die Maschine Münzen ausspuckt – hier beten alle den gleichen Gott an: Mammon.

Message von Eli, 16. Juli 2006, 8.15 Uhr: „Ich weiß nur nicht, wie es mit meinem Job weitergeht: Alle schauen nur noch Nachrichten, natürlich will niemand Unterhaltungssendungen sehen, sie sind vorläufig abgesetzt. Nein, ich werde heute Abend ganz bestimmt nicht ins Acid gehen, ich bleibe zu Hause bei meinen Eltern.“

Mit geöffneten Fenstern rast der Wagen durch die warme Beiruter Nacht in Richtung Acid. Es ist einer der angesagtesten schwul-lesbischen Clubs in Beirut, Eli hat seine Lieblings-Mix-CD eingelegt: arabische Dancefloormusik, danach läuft „People Have the Power“ von Patti Smith. „Ich liebe dieses Lied“, brüllt Eli, „das haben wir bei den Demos immer gehört.“ Der Kontrollposten winkt uns durch, nun läuft „Neverending Story“ von Limahl. „Als ich ein Kind war, habe ich immer hinter dem Haus meiner Eltern im Wald gespielt, doch dann hat das Militär dort ein Lager errichtet. Während des Krieges durfte ich nicht mehr draußen spielen, also habe ich ständig ‚Die unendliche Geschichte‘ auf Video angeschaut, ich hatte nur die eine Kassette.“

Das Acid liegt etwas außerhalb, in einer Art Industriegebiet, unauffällig. 20 Dollar Eintritt, alle Drinks inklusive. „Denk dran, Habibi: keine zu eindeutigen Berührungen, keine tiefen Küsse, die Security schmeißt dich sonst raus.“ Habibi, das bedeutet: mein lieber, guter Freund. Im Acid sind fast alle Besucher schwul oder lesbisch, aber offiziell ist das hier kein Gay Club; kein Regenbogenaufkleber, nicht mal die Toilettentüren kann man verriegeln – eine durchdachte Vorsichtsmaßnahme. Erst vor zwei Wochen wurde das Acid geschlossen, zwei Männer wurden über Nacht inhaftiert – es lag aber nur daran, dass etwas mit dem Schmiergeldverkehr nicht gestimmt hatte. Homosexualität ist im Libanon strafbar, der Paragraf wird aber kaum angewendet. Solange niemand allzu viel Aufhebens macht oder gar einen Christopher Street Day organisieren möchte, sagt niemand etwas – dennoch sollen Filme wie „Brokeback Mountain“ in libanesischen Kinos nicht gezeigt werden, um die religiösen Sittenwächter nicht zu verärgern. Statt einer eigenen Parade organisierte die libanesische Gay Rights Organisation „Helem“ (Hoffnung) im letzten Jahr wenigstens eine Teilnahme am Beiruter Marathon. Helem gewann sogar einen Preis: für den besten Erfrischungsstand. Nur auf den internationalen CSDs, etwa in Montreal oder San Francisco, können Libanons Homosexuelle Flagge zeigen, laufen sie in der traditionellen Landeskleidung mit. Im Land selbst traut sich keiner aufzufallen, alle leben heimlich, still und leise – wie die zahllosen Männer, die nachts an der Beiruter Corniche Autocruising machen, immer in Gefahr, von der Polizei kontrolliert oder von einem der zahlreichen Stricher erpresst oder ausgeraubt zu werden – junge Männer, die sich und zum Teil ihre Familie ernähren. Sich zu prostituieren ist unter der Prämisse, „aktiv“ zu sein, nicht ehrenrührig, ein bekennender, selbstbewusster Homosexueller zu sein durchaus.

Heimlich, still und leise? Im Acid herrscht ein Getriebe, das internationale Standards spielend übertrifft; Beirut gilt als Kaderschmiede der internationalen DJ-Szene, der Puls der Zeit dröhnt in den Ohren bei Wodka Red Bull.

Message von Eli, 17. Juli 2006, 16.30 Uhr: „Die Libanesen fühlen sich einmal mehr betrogen von der internationalen Gemeinschaft. Ich sehe, wie mein Land zerstört wird und die Welt still zusieht.“

Harte Drinks werden zwischen den Beinen der auf dem Tresen tanzenden Lesben hindurchgereicht, in Beirut feiert man zusammen, das einzige Problem: Wie soll man es in diesem Gedränge schaffen, einander nicht zu berühren? Die Tanzfläche quillt über, nur eine Lady verfügt aufgrund ihrer Prominenz über eine Art Sicherheitsabstand: Beiruts bekannteste Transsexuelle, zu Gast in allen Talkshows, schüttet gelangweilt Cocktails in sich hinein. Eli demonstriert, wie man zu arabischem Habibi-Pop tanzt, hoch mit den Hüften! Es sieht gar nicht tuntig aus, die libanesischen Schwulen geben sich mehrheitlich sehr männlich, straight acting, nicht unbedingt ein Zeichen von Selbstverleugnung, eher ein Zeichen von Selbstbewusstsein: Man lässt sich nicht einreden, dass man kein Mann mehr sei, wenn man Männer liebt. „Life Is Too Short“ von Kai Tracid wummert los, ein Motto, das sich hier alle auf die Fahne geschrieben haben. In diesem Club sind alle Religionen und Ethnien des Libanons versammelt, Armenier, Schiiten, orthodoxe Christen, Muslime – völlig egal, nur schön muss er sein, oder sie.

Message von Eli, 20. Juli 06, 20.23 Uhr: „Die Medien sind nicht gerade eine Hilfe, die meisten Reportagen aus Beirut sind nicht fair, sie interviewen nur Leute, die für die Hisbollah sind, und lassen die Tatsache außer Acht, dass die Hisbollah nur bei 60 Prozent der libanesischen Schiiten populär ist, nur diese wollen am liebsten einen eigenen schiitischen Staat innerhalb des Libanon gründen – sie haben es ja schon getan. Die Schiiten bilden nur 25 Prozent der libanesischen Bevölkerung, nicht alle von ihnen unterstützen Nasrallah, viele meiner schiitischen Freunde sind gegen ihn.“

Es geht weiter in Richtung Achrafieh – im Acid tanzen sie längst knöcheltief in Scherben – Rue Monot, Stau nachts um vier, knallneue Porsches reihen sich hinter qualmenden Uralt-Mercedes-Taxis ein; schwer, um diese Zeit – mitten in der Nacht – einen Platz in einem der Restaurants zu bekommen, überall sitzen verliebte Pärchen, Gruppen junger Frauen in sagenhaftem Putz. Bei köstlichen libanesischen Vorspeisen, Mezze, wird weiterdiskutiert: „Siehst du denn nicht, dass Deutschland sich vor den Karren Israels spannen lässt?“, fragt Eli erbost, Nada ist dabei, sie ist Muslimin. Später stellt sich heraus, dass man auch mit ihr über Israel reden kann, ohne dass gleich das Tischtuch zerreißt: Es ist ja wahr, die Schwulen und Lesben können im Nachbarland unbehelligt leben, unbehelligter als im schon vergleichsweise liberalen Libanon – doch niemals könnte Helem offiziell mit israelischen NGOs kooperieren, der Laden würde sofort dichtgemacht: von „denen“, der Regierung, trotz allem Willen zur Demokratie eine Riege alter Herren, die in ihre versunkenen, religiös-traditionellen Erzählungen verstrickt sind, während die Jugend des Landes längst andere Dinge im Kopf hat. Und seien es eben Gucci-Sonnenbrillen. Auch die Hisbollah sitzt im Parlament, neulich erst übergab sie der Polizei mehrere HIV-positive schwule Männer: sie hatten in einer medizinischen Einrichtung der Hisbollah um Hilfe ersucht. Und keine Gnade gefunden.

Wenigstens gibt es mittlerweile eine publizistische Plattform, auf der solche Themen diskutiert werden: In Beirut erscheint das erste und einzige arabischsprachige Vierteljahresheft für Schwule und Lesben, es heißt Barra Magazine und wird hauptsächlich über das Internet vertrieben. Einer der Herausgeber ist Mitinhaber eines der bekanntesten Restaurants der Stadt, des Walimat Wardeh im Stadtteil Hamra, Treffpunkt für die Beiruter Boheme, für Schwule, Lesben, internationale Besucher.

Mit Hochgeschwindigkeit weiter zum BO 18 im Stadtteil Karantina, einem der geilsten und bekanntesten Clubs Beiruts. Hier wird nicht auf Scherben, sondern auf Gräbern getanzt. Das BO 18 ist ein riesiger unterirdischer Bunker inmitten einer Art Parkplatz, erbaut genau dort, wo während des Bürgerkriegs eines der schlimmsten Massaker mit über tausend Toten stattgefunden hat. Der Stararchitekt Bernhard Khoury hat hier ein makabres Ensemble zusammengestellt, man sitzt auf Holzsärgen, die zu plüschigen Sitzbänken werden, wenn man sie in der Mitte auseinander klappt. Auf Tabernakeltischen stehen Bilder von „Märtyrern“ zwischen Aschenbechern und halb vollen Gläsern: In Restbekleidung tanzen hier die Jungen und Schönen, Schwule, Muslime, Lesben, Christen, Transidente, Armenier, Drusen, Heteros, Schiiten – das alles ist so was von egal für den Moment. „In Beirut ist alles erlaubt, nur nicht, jemanden zu verletzen“, sagt Mohammed, ein schöner junger Muslim. Das aus rostigem Stahl bestehende Dach des Clubs öffnet sich, gibt den Blick frei auf den Sternenhimmel des Nahen Ostens, kühle Luft durchströmt die schwitzende Party-Crowd. Und endlich geht die Sonne auf, von irgendwoher singt ein Muezzin. Nun wird es Zeit für die Beiruter Jugend, nach Hause zu fahren: zurück in die jeweiligen Ghettos, getrennt nach Herkunft und Religion, nach Hause zu den Eltern, wieder brav sein, Rücksicht nehmen, respektvoll sein. Nur Eli verschwindet mit einem attraktiven Amerikaner im Hotel, schickt seiner Mutter eine SMS: „Bin über Nacht bei Freunden.“ In Beirut ist alles erlaubt, nur nicht, jemanden zu verletzen. Genau darin besteht wohl das Problem.

Vorerst letzte Message von Eli, 24. Juli 2006, 23.16 Uhr: „Bin ab dem 3. August in Dubai, das hat hier alles keinen Zweck mehr, es wird nie besser werden. Der Preis für die Zerstörung des Libanons geht an Israel und die Hisbollah“.