Vor der Bundestagswahl: Besuch im Wahlkreis Pankow

Das grüne Gesicht von Pankow

In Pankow sind die Grünen eine Volkspartei - fast. Eigentlich fehlt ihnen dafür nur noch das Bundestag-Direktmandat. Das soll ausgerechnet der weitgehend unbekannte Heiko Thomas holen - gegen Platzhirsch Wolfgang Thierse.

Auf das Plakat ist Heiko Thomas stolz. Erst 1.000 davon hängen in Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow, und dennoch prägt sein Gesicht das Straßenbild. Leicht geneigt der Kopf, die Brille schwer retro, weißes offenes Hemd, schwarzes Jackett. Kein urbaner Snob zeigt sich da den Wählern, kein Latzhosenöko und auch keine Spaßbremse - eher der Schwiegermuttertyp, wie ein Grüner witzelt. Thomas Botschaft lautet: Ich bin für jeden wählbar.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Der 39-Jährige hat ein ehrgeiziges Ziel. Nach Christian Ströbele will Thomas als zweiter Grüner ein Direktmandat für den Bundestag holen - und das in einem Bezirk, den Platzhirsch Wolfgang Thierse, der SPD-Bundestagsvizepräsident, für sich gepachtet zu haben scheint. "Doch die Zeiten haben sich verändert", sagt Thomas, "vor allem für Wolfgang Thierse." Der trete zwar überall als Schirmherr auf, präsent aber sei er schon lange nicht mehr. "Der Bezirk", ist sich Thomas sicher, "braucht mehr als einen Schirmherrn."

Für die SPD tritt im Wahlkreis 77 in Pankow erneut Wolfgang Thierse (66) an. Er sitzt für den Wahlkreis seit 2002 im Bundestag, zuvor errang Petra Pau (PDS) das Mandat. Für die Linke kandidiert am 27. September der ehemalige Fraktionschef Stefan Liebich (36). Die FDP geht mit dem Exlandeschef Martin Lindner (45) ins Rennen, die CDU mit dem erst 27-jährigen Gottfried Ludewig.

Bei den Bundestagswahlen 2005 holte Thierse für die SPD 41,1 Prozent der Erststimmen. Es folgten Linke (24,3), CDU (15,3) und Grüne (12,8), Schlusslicht war die FDP mit 3,0 Prozent. Für die Grünen kandidierte 2005 der Bürgerrechtler Werner Schulz.

Thomas sieht tatsächlich aus wie auf dem Plakat. Mit weißem Hemd sitzt er im Abgeordnetenhaus, hier koordiniert er als parlamentarischer Geschäftsführer den Betrieb der grünen Landtagsfraktion, das ist sein Brötchenjob. Zuvor hat er als Büroleiter beim grünen Verbraucherschutzstaatssekretär Matthias Berninger gearbeitet. "Bisher war ich im Hintergrund", sagt er. Nun will er mehr.

Dass er Direktkandidat im Wahlkreis des Bionade-Biedermeier wurde, hat er nicht seiner Partei zu verdanken, sondern den Bürgern. Im Januar waren alle Bewohner von Pankow aufgefordert, sich zwischen Thomas und zwei weiteren Bewerbern zu entscheiden. Am Ende setzte er sich mit 70 zu 63 Stimmen gegen Heiner Funken durch, den Chef der Bürgerinitiative Gleimviertel. "Auch Pankow hat seinen Obama", fand Radioeins im Hinblick auf den grünen Vorwahlkampf nach US-Vorbild.

Inzwischen kennt die Euphorie bei den Pankower Grünen keine Grenzen mehr. Als "Volkspartei" bezeichnet Kreischef Andreas Otto die Grünen im Bezirk, die bei der Europawahl nicht nur in Prenzlauer Berg, sondern auch in Alt-Pankow stärkste Kraft wurden. Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl haben Otto wie auch Volker Ratzmann ein Direktmandat für das Abgeordnetenhaus in Pankow geholt.

Volksnah gibt sich auch Heiko Thomas, der gern über sein Leben vor der Politik spricht, sein "erstes Leben", wie er es nennt. "Fast elf Jahre habe ich als Gas- und Wasserinstallateur gearbeitet im Kundendienst. Da lernt man die soziale Wirklichkeit kennen." Die versteckte Altersarmut ist ihm dabei ebenso zu Augen gekommen wie die Probleme der Alleinerziehenden. Da war er 1999 schon nach Prenzlauer Berg in die Kastanienallee gezogen.

Sein zweites Leben haben ihm die Grünen geschenkt. Nach dem Abitur im zweiten Bildungsweg und dem Studium der Politikwissenschaften in Duisburg heuerte der gebürtige Wuppertaler 1997 als Referent bei der damaligen grünen Bundestagsfraktionsvorsitzenden Kerstin Müller an, später dann als Büroleiter von Parteichefin Claudia Roth und im grünen Verbraucherschutzministerium. Kein linker Überzeugungstäter wie Ströbele steigt da für die grüne "Volkspartei" in den Ring, sondern einer, der in der zweiten Reihe zielstrebig Karriere gemacht hat.

Es ist Mittwochabend, zum Wahlkampftermin auf den Kinderbauernhof an der Schwedter Straße sind acht Bürger gekommen, obwohl das Thema Spannung verspricht. "Teile dein Auto": Dieses Motto will Heiko Thomas in den Mittelpunkt des Restwahlkampfs stellen, weil er überzeugt ist, dass vor allem Themen wie Mobilität oder ein "new green deal" die Menschen im Wahlkreis bewegt: "Ich will die Zahl der parkenden Autos halbieren", verspricht er und gesteht, selbst ein Auto zu besitzen. "Das steht tagelang vor der Haustür herum, ohne genutzt zu werden." Sein Vorschlag: Warum gründen wir nicht am Helmholtzplatz eine Genossenschaft von Leuten, die sich das Auto teilen?"

Die Mienen der Wähler, alle sitzen im Kreis, manche trinken Tee aus der Thermosflasche, bleiben ungerührt. Konkreter wird es erst, als der grüne Stadtrat Jens-Holger Kirchner die Erfolge seiner Politik in Sachen Fahrradwege und öffentlicher Nahverkehr herunterbetet. Am Ende macht Thomas aber doch neugierig: Wie funktioniert das mit dem Car Sharing? Ab wann lohnt es sich? Hundert Meter weiter toben türkische Jugendliche vor dem Tiergehege. Später werden sie nach Hause ziehen - rüber in den Wedding. Sie haben andere Themen als Car Sharing.

Dass Thomas einen Wohlfühlwahlkampf für Berlins Gewinnerbezirk macht, streitet er ab. Aber auch zu den Parteilinken in Friedrichshain-Kreuzberg geht er auf Distanz. Gegen Privatschulen, die die grüne Stadträtin dort bekämpft, hat er nichts einzuwenden. Warum auch, Privatschulen gehören in Pankow zum grünen Lebensgefühl. Doch anstatt von "zwei Parteien" zu sprechen, wie manche die Grünen inzwischen nennen, betont Thomas lieber die unterschiedlichen Interessen der Wähler vor Ort. Nicht immer will er sich dabei festlegen, erst recht nicht auf eine Antiprivatisierungspolitik, wie sie die Parteilinke fordert. Lieber sagt er: "Die großen Privatisierungswellen der 90er-Jahre haben nicht gebracht, was man von ihnen erwartet hat. Dass aber Teilbestände der Wohnungsbaugesellschaften auch in Zukunft verkauft werden, will ich nicht ausschließen."

Ein Schwiegermuttertyp für alle? Ob es am Ende reicht, liegt nicht nur an Thierse, den viele inzwischen für verbraucht halten in Pankow, nicht nur, weil er den Wochenmarkt am Kollwitzplatz am liebsten weghätte wegen des Lärms. Den Wahlkreis muss Heiko Thomas auch außerhalb der Latte-macchiato-Zone gewinnen, am Antonplatz in Weißensee, in Buch, in Blankenburg. Eigene Umfragen hat er bislang nicht in Auftrag gegeben, nicht einmal die Wahlergebnisse der letzten Jahre hat er hochrechnen lassen. Seine Chance ist eher eine gefühlte. Thomas sagt: "Im Januar war ich noch skeptisch. Jetzt halte ich es für absolut möglich, dass ich gewinne."

Die meisten Thomas-Plakate hängen dort, wo das hippe, junge Berlin unter sich ist. Thomas selbst hat die Kastanienallee verlassen. "Wenn man 40 wird", sagt er, "will man mal eine Nacht durchschlafen." Nun wohnt er am U-Bahnhof Vinetastraße. Eine Schwiegermutter muss er sich nicht suchen, verheiratet ist er schon. Kinder hat er nicht, "noch nicht." Das grüne Gesicht von Pankow zu sein verpflichtet schließlich.

 

Um einen Kommentar zu schreiben, registrieren Sie sich bitte.

Bitte halten Sie sich an unsere Netiquette.

Sie finden Ihren Kommentar nicht?

Geben Sie Ihren Kommentar hier ein