Penis oder nichts

VON HEIDE OESTREICH

Niemand zuvor hat den Frauen so intensiv zugehört wie Sigmund Freud. Niemand zuvor hat sich auf das Wagnis eingelassen, auch vermeintlich nicht logisches Denken und Verhalten von Hysterikerinnen ernst zu nehmen und ihm einen Sinn zu geben. Die Psychoanalyse ist insofern Feminismus pur. Mit Frauen entwickelt, ihre Probleme ergründend. Das war ihr revolutionärer Ansatz in einer Welt, in der bis dahin fast ausschließlich Männer über Frauen redeten. Weil aber auch Freud mit diesem männlichen Blick aufwuchs, hat die Psychoanalyse zugleich patriarchale Fantasien über Frauen mitgeschleppt – und tut dies bis heute.

Zwar warnt Freud immer wieder davor, Stereotype von Männlichkeit und Weiblichkeit als natürlich anzusehen. Aber zugleich bedient sich der Vater der Psychoanalyse selbst immer wieder dieser Geschlechterbilder und erklärt die Anatomie dann doch zum Schicksal der Frau. „Es ist auch ein gar zu lebensunfähiger Gedanke, die Frauen in den Kampf ums Dasein zu schicken“, schreibt der junge Freud 1883 an seine Frau. Ob er sich denn sein „zartes, liebes Mädchen als Konkurrenten denken“ solle? Dann würde er ihr doch sogleich wieder seine Liebe erklären und sie in die „unbeeinträchtigte stille Tätigkeit meines Hauses“ ziehen. „Und sie wird’s selbst nicht anders wollen“, erklärt er seiner Martha gleich dazu. Freud weiß so genau, was seine Frau will, dass er sie nach ihrer Meinung nicht zu fragen braucht. Und die Frau will bei Freud nur dies: vom Mann geliebt werden – und dann ein Kind.

Bis in seine späten kulturtheoretischen Schriften hinein ist die Frau bei Freud Trägerin der Sexualinteressen, der Mann dagegen für die Kulturleistungen verantwortlich. Und wenn der Analytiker – wieder revolutionär – die verborgenen sexuellen Wünsche und Ängste von Hysterikerinnen aufspürt, und dies in einer Zeit, in der man Frauen ein eigenes Sexualleben weitgehend abspricht, dann presst er sie danach sogleich wieder in das Korsett patriarchaler Sexualität. Nur der vaginale Orgasmus kennzeichne die sexuell reife Frau. Die Klitoris als Penisersatz müsse als Lustobjekt aufgegeben werden, befindet er etwa in den „Neuen Folgen“ seiner Vorlesungen, die 1933 erscheinen.

Die Psychoanalyse bleibt, was Frauen angeht, immer zweischneidig: Sie lehrt die Zeichen des Unbewussten lesen. Doch durch die Lesebrille wird noch lange Jahre ein männlich geprägter Blick schauen. Dieser offenbart sich recht schnell, wenn man die Geschlechterfantasie untersucht, die Freuds Theorie der Weiblichkeit zugrunde liegt, wie er sie in den oben erwähnten Vorlesungen zusammenfasst. Das kleine Mädchen entwickelt sich laut Freud zunächst parallel zum Jungen, bis ihm mit etwa zweieinhalb Jahren ins Auge springt, dass es keinen Penis hat. Das Mädchen schließt laut Freud, dass es kastriert sei, macht die Mutter dafür verantwortlich und wendet sich von ihr ab und dem Vater zu. Der – oder später sein Pendant, der Ehemann – soll ihr einen Phallusersatz, das Kind, schenken.

Damals schon fiel der Psychoanalytikerin Karen Horney auf, dass hier ein „phallischer Monismus“ am Werk sei: Als einziges Lustorgan gilt der Penis. Es gibt in dieser Darstellung kein zweites Geschlecht, das ebenfalls autonom Lust produzieren und genießen kann. Es gibt nur den Penis oder nichts. Das Mädchen muss deshalb einen Penis oder einen Penisersatz wollen. Und es muss sich minderwertig fühlen, denn es ist ja in Freuds Augen auch minderwertig, nämlich ohne eigenes Lustorgan.

Fühlen kleine Mädchen so? Oder wünschen sich eher kleine Jungs, dass Mädchen so fühlen? Vielleicht sieht der kleine Junge seine frisch entdeckte Männlichkeit angesichts der Winzigkeit seines Penis und nicht zuletzt aufgrund von – damals wohl noch üblichen – Kastrationsdrohungen seitens der Erwachsenen in Gefahr. Die Angst, nicht dem männlichen Standard zu entsprechen, projiziert der Junge auf das angeblich bereits kastrierte Mädchen: „Ihr passieren die schlimmen Dinge, nicht mir. Sie ist die Gestrafte, nicht ich. Sie hat nichts, ich habe einen Penis.“ Das Mädchen fungiert in dieser Fantasie als „Container“, so nennt es die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser 1992 in ihrem Buch „Expeditionen in den dunklen Kontinent“. Als Container nämlich für die Abwehrfantasien, mit denen der Knabe seine eigenen Ängste in Schach hält.

Warum könnte ein Junge sich so klein und abhängig fühlen, dass er diesen Zauber in Gang halten muss? Weil er kurz zuvor noch klein und abhängig war. Es könnte die Fantasie der frühen, präödipalen Mutter sein, die abgewehrt werden muss: Die große Mutter, die Nahrung und Wärme geben, aber auch entziehen und damit existenzielle Ängste auslösen kann. Diese Ängste kann der Sohn durch die eigene Omnipotenzfantasie nun gründlich verdrängen.

Die verdrängte, mächtige Mutter bleibt aber nun, wie alles Verdrängte, im Unbewussten aktiv. Als die böse Frau tritt diese Figur in Märchen und Fantasien wieder auf: von der Sphinx über Medusa und diverse Hexen- und Feenfigurenbis hin zur heutigen Form der schrecklichen Verderberin, der Emanze, die die ganze schöne Gesellschaft mit ihren unmäßigen Forderungen durcheinander bringt und die Männer – na was wohl? – am liebsten kastrieren würde.

Dass eine solche Fantasie der Theorie eines erwachsenen Mannes zugrunde liegen kann, so mutmaßt auch Rohde-Dachser, liege daran, dass die Geschlechterkonstellation in einem patriarchalen Denksystem ohnehin asymmetrisch gedacht wird: Das Männliche ist die Norm, das Weibliche die Ergänzung. Das patriarchale Weltbild ist gebaut wie eine narzisstische Männerfantasie zur Abwehr von Unterlegenheitsängsten. Deshalb fällt zunächst nur wenigen auf, dass Freuds Theorie ein Abwehrzauber ist. Aus dem Jungen ist ein Mann geworden, er sagt sich: „Der Frau fehlt etwas, was ich habe. Deshalb braucht sie mich. Der Penis garantiert mir ihren Besitz. Ihr Begehren ist nicht so stark wie meines, deshalb wird sie mich nicht verlassen. Ihr Lustzentrum ist nicht mehr die von ihr selbst erregbare Klitoris, sondern die von mir penetrierte Vagina. Leidet sie, dann will das ihr weiblicher Masochismus so, dem sie unterworfen ist, weil sie keinen Penis hat.“ Und nicht zuletzt wird ein Verdikt über alle Frauen, die etwas werden wollen, verhängt: Verlangt sie mehr Autonomie, dann hat die Frau ihren biologischen Status nicht richtig verarbeitet.

Welche Position können Frauen in Freuds Konstruktion beziehen? Sie sind entweder „normal“, dann haben sie sich in ihre Rolle als Ergänzerin und Helferin des Mannes gefügt und ziehen masochistische Befriedigung daraus, dass sie als prima Hilfspersonal gelten. Sie genießen den Mutterstatus, der ihnen einmal in ihrem Leben Macht (über das Kind) verleiht, und verteidigen ihn deshalb oft vehement. Sie haben sich als Komplement des Mannes eingerichtet und sind damit mehr oder weniger zufrieden. Oder sie wollen sich ebenfalls in der Welt behaupten, dann tritt die bekannte Abwehr gegen die mächtige Frau ein: Sie leide am Penisneid, die Arme. Sie habe einen „Männlichkeitskomplex“. Sie muss zwangsläufig unglücklich und unzufrieden sein. Das Bild der frustrierten Emanze dürfte so jederzeit leicht zu aktivieren sein.

Seit Freud hat sich auch in der Psychoanalyse einiges verändert. Es ist nicht mehr König Ödipus, der die Therapiezimmer regiert. Die Macht der Väter ist geschrumpft, es werden weniger wilde Kastrationsdrohungen ausgestoßen – und AnalytikerInnen im Gefolge der Horney haben die Theorie des Penisneids gründlich dekonstruiert. Nun rücken die Mütter und die präödipalen „Objektbeziehungen“ ins Zentrum der Analysen. Und hier begegnen wir natürlich einer alten Bekannten wieder: der schrecklichen, der allmächtigen Mutter.

Nun steht die angeblich exklusive Zweisamkeit von Mutter und Kleinstkind im Blickpunkt. Und hier kann nur die Mutter alles falsch machen. Zu stark behüten oder zu wenig. Das Kind verkennen oder ihm zu viel abverlangen. Sie kann einen verschlingen wollen, nicht loslassen oder kalt behandeln.

Der Vater? Ist fein raus, er ist ja außer Haus und kann dem Kind nichts antun. Wieder wird ein patriarchales Konstrukt in die Theorie mit eingebaut. Dass der Vater das Kind ebenfalls bevatern und dabei genauso viele Fehler machen könnte wie die Mutter beim Bemuttern, das taucht auch in den Objektbeziehungstheorien zunächst nicht auf. Dass Mütter so viel Macht ausüben könnten, weil sie mit dem Kleinkind allein gelassen sind und hier ihren Ehrgeiz austoben, ebenfalls nicht. Und wieder profitieren auch Frauen von diesem Konstrukt: Sie sind in der frühen Kindheit ihres Nachwuchses allmächtig, das kann ihnen niemand nehmen.

So manches Kind behält diese Macht allerdings in schlechter Erinnerung und ist dann sein ganzes Erwachsenenleben damit beschäftigt, Frauen Vorwürfe aller Art zu machen. So schwebt eine fantasierte mächtige Mutter über dem Menschen von heute, wie im Woody-Allen-Film „Ödipus Wrecks“ ein großes Muttergesicht mondgleich über Manhattan schwebt. Und dieser Mensch kann es deshalb kaum ertragen, dass reale Frauen immer noch mehr Ansprüche anmelden. Je mehr Macht Frauen erlangen, desto stärker deshalb auch die Abwehr – nicht nur von Männern übrigens.

Das ist der Zustand, in dem wir uns heute befinden. Nun wird jedes kleinste Vorankommen der Frauen in so genannten Männerdomänen misstrauisch beäugt: Allerorten brechen Überwältigungstraumata wieder auf: Gibt es mehr als drei Fernsehmoderatorinnen, dann bekommen männliche Chefredakteure fast einen Herzinfarkt. Entern ein paar Frauen die Armee, sehen anerkannte Militärhistoriker die Verteidigung des Vaterlandes in Gefahr. Wagen immer mehr Frauen, im Beruf zu bleiben, anstatt ausschließlich Kinder zu hüten, stirbt demnächst das Volk aus.

Glücklicherweise gibt es daneben auch einen rationalen Diskurs. Er analysiert die Bedingungen, unter denen heute Familie gelebt werden muss. Er stellt fest, dass auch immer mehr Männer aus der Ernährerrolle flüchten und die Frauen diese mit wahrnehmen wollen. Er folgert daraus, dass man dann wohl die Zuständigkeit für die Kinder neu verteilen muss. Diese Analysen haben zum Glück das Ohr der meisten FamilienpolitikerInnen erreicht.

Aber in den Feuilletons, da ersteht erneut die Fantasie der autonomen Frau, die uns ins Unglück stürzen wird. Dieser Archetyp hat im Laufe der Geschichte so viele Bilder erzeugt, dass diese nun wie mächtige Verstärker wirken. Schlichte Argumente wie: ‚Die Frauen müssen aber Geld verdienen, weil die Männer das allein nicht mehr schaffen‘, kommen gegen so mächtige Bilder nicht mal eben an. Aber analysieren lassen diese sich heute immerhin doch. Und das liegt nicht zuletzt an diesem Mann, der vor gut hundert Jahren den verrückten Frauen sein Ohr lieh.

HEIDE OESTREICH, 37, ist Redakteurin der taz im Ressort Inland. Zuletzt erschien von ihr: „Der Kopftuch-Streit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam“. Frankfurt am Main 2004, 208 Seiten, 15,90 Euro