Der Verzicht auf die Nuance

von MARIO VARGAS LLOSA

Ilan Pappe, revisionistischer israelischer Historiker, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie mit soliden liberalen Überzeugungen. Er ist in dieser Denkrichtung groß geworden, die eine offene Gesellschaft verteidigt sowie den Markt und das Individuum gegenüber dem Staat. Und die die Souveränität des Individuums gegen den Kollektivismus – der den Bürger durch seine Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse, einer Ethnie, einer Kultur oder einer Religion definiert – stellt. Vor einigen Tagen habe ich gehört, als er erzählte, wie er auf Distanz zum Zionismus ging – die Doktrin hinter der Entstehung und der Natur des Staates Israel. Er dachte, dass seine politische Entwicklung Teil der liberalen Orthodoxie sei, und die Infragestellung der zionistischen Ideologie neben anderen Dingen auch den Kampf gegen den Kollektivismus beinhalte. Aber er fand in seinem Land keine Partei oder liberale politische Bewegung, zu der seine Ideen gepasst hätten. Denn die große Mehrheit der israelischen Liberalen waren Zionisten. Das hat ihn jenen näher gebracht, die – nach der Doktrin – eigentlich seine natürlichen politischen Gegner waren: die Kommunisten. Von ihnen unterschied er sich in allen anderen Punkten, bloß in seiner kritischen Position zum Zionismus stimmte er mit ihnen überein. Das habe dafür gesorgt, so beklagte er sich, dass die Liebhaber der Vereinfachung und die Feinde der Nuancen ihn seither als „Kommunisten“ eingestuft haben.

Die Abschaffung der Nuancen erleichtert die Dinge sehr, wenn man einen Menschen beurteilen oder eine politische Situation oder ein soziales Problem oder ein kulturelles Ereignis analysieren will. Sie erlaubt es, den persönlichen Vorlieben und Phobien freien Lauf zu lassen. Ohne Zensur und ohne die geringsten Gewissensbisse. Aber sie ist zugleich die beste Art, die Ideen durch Stereotype zu ersetzen sowie das rationale Wissen durch Leidenschaft und Instinkt, und die Welt, in der wir leben, auf tragische Art misszuverstehen. Es gibt Konflikte, die durch die Gewalt und die Antagonismen, die sie hervorrufen, beinahe unvermeidlich dazu führen, dass jene, die sie direkt oder aus der Nähe erleben, die Nuancen zerstören, um ihre eigenen Thesen leichter verbreiten – und vor allem ihre Gegner besser diskreditieren zu können.

Ich möchte mit einem persönlichen Beispiel illustrieren, was ich meine. Die Internationale Stiftung für Freiheit hat vor einigen Tagen in Madrid ein Treffen mit jüdischen und arabischen Intellektuellen organisiert. In einem seiner Redebeiträge hat der Journalist Gideon Levy, ein strenger Kritiker seiner Regierung, gesagt, er sei gegen die Besatzung des Westjordanlandes, weil er sich nicht schämen will, Israeli zu sein. Ich für meinen Teil habe zum Abschluss des Treffens – Levys Zitat aufgreifend – gesagt, dass ich die Politik der beiden letzten Regierungen dieses Landes gegenüber den Palästinensern kritisiere, weil ich mich nicht schämen will, ein Freund Israels zu sein. Zwei Tage später veröffentlichte die israelischen Zeitung Ha’aretz einen Artikel von genau diesem Gideon Levy über das Madrider Treffen. Er war ziemlich exakt. Aber durch die Veränderung einer Nuance ließ die Überschrift mich etwas sagen, das ich nicht gesagt hatte: „Vargas Llosa schämt sich, ein Freund Israels zu sein.“

Die Zeitung hat 199 Briefe von empörten israelischen Lesern erhalten, die im Ha’aretz-Blog veröffentlicht wurden. Ich habe sie mit einer gewissen Verblüffung angeschaut, obwohl sie eigentlich nur bestätigen, was ich seit den Anfängen meines eigenständigen politischen Denkens vor 40 Jahren zur Genüge weiß. Es ist einfach, zu verdrehen, zu karikieren oder zu diskreditieren, wenn man mit dogmatischen Überzeugungen nicht übereinstimmt oder scheinbar nicht übereinstimmt. Seltsam ist, dass fast alle Briefe mich als „Kommunisten“, „Ultralinken“, „Castristen“, „anderen Saramago“, „Antisemiten“ bezeichnen und einer von ihnen, der einfallsreichste, sich fragt: „Was kann man schon von jemandem erwarten, der mit der bekannten stalinistischen Schauspielerin Aitana Sánchez Gijón auf Bühnen steigt und der in El País schreibt, der am weitesten links stehenden aller spanischen Zeitungen?“ Okay, okay. Meine lautstarken Gegenredner scheinen nicht einmal zu ahnen, dass ich für gewöhnlich sowohl in Spanien als auch in Lateinamerika, eher beschuldigt werde, ein Neokonservativer, ein Ultraliberaler, ein Proamerikaner und anderes Schlimmes zu sein. Weil ich Fidel Castro und Hugo Chávez attackiere und häufig das Pharisäertum und den Opportunismus der linken Intellektuellen kritisiere.

„Ich kritisiere Israel, weil ich mich nicht schämen will, ein Freund Israels zu sein“

In Wirklichkeit bin ich – oder ich versuche es zumindest zu sein: ein loyaler Freund von Israel. Ich habe oft geschrieben, dass der Besuch in diesem Land vor mehr als 30 Jahren zu den bewegendsten Erfahrungen gehört, die ich gemacht habe. Und dass ich weiterhin glaube, dass der Aufbau eines modernen Landes inmitten der Wüste, mit demokratischen Regeln, mit Bewohnern, die aus völlig unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Traditionen kommen, und das von Feinden umgeben ist, eine außergewöhnliche Leistung war, mit enormem Idealismus und Opferbereitschaft, ein Modell für Länder wie mein eigenes oder andere lateinamerikanische und afrikanische Länder, die es mit viel größeren Mitteln bis heute nicht schaffen, aus der Unterentwicklung herauszukommen. Es stimmt, dass Israel im Laufe seiner kurzen Geschichte viel Hilfe von außen erhalten hat. Aber haben nicht auch viele andere Länder Hilfe erhalten und sie schlecht genutzt, verschwendet oder ganz einfach ausgeplündert?

Für mich stützt sich das Existenzrecht Israels weder auf die Bibel noch auf eine Geschichte, die vor tausenden von Jahren unterbrochen wurde, sondern auf den Aufbau des modernen Israels durch Pioniere und Flüchtlinge. Sie haben im Kampf um ihr Überleben gezeigt, dass nicht die Gesetze der Geschichte die Menschen machen, sondern dass jene es sind, die der Geschichte mit ihrem Willen, mit ihrer Arbeit und mit ihren Träumen ihre Spuren aufdrücken und ihr eine Richtung geben. Kein Land existierte in dieser elendigen Provinz des osmanischen Reiches, als Israel entstand. Seine Existenz wurde später durch die Vereinten Nationen legitimiert, es wurde von der Mehrheit aller Länder der Welt anerkannt.

Damit Israel eine sichere Zukunft hat und damit es endlich ein „normales“ Land wird, das von seinen Nachbarn akzeptiert wird, muss es einen Modus der Koexistenz mit den Palästinensern finden. Und diese Koexistenz wird durch die Besatzung des Westjordanlandes verhindert, die sich unendlich verlängert und die Israel in ein koloniales Land verwandelt hat. Die Beziehungen zu den Palästinensern sind auf unsägliche Art angespannt. Die Bedingungen, in denen sie in Gaza und heute noch in den besetzten Gebieten leben, vor allem in den Flüchtlingslagern, sind inakzeptabel und eines zivilisierten und demokratischen Landes unwürdig. Ich sage das, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Als Freunde von Israel sind wir verpflichtet, laut die Regierung wegen der Politik, die sie in diesen Gebieten praktiziert, zu kritisieren: die Einschüchterung, die Belagerung, das Ersticken, die Nichtachtung aller Grundlagen von Menschlichkeit und Moral. Wir sind auch verpflichtet, unverhältnismäßige Reaktionen auf terroristische Akte zu verurteilen. Wie die gegenwärtige, die als Folge der kriminellen Entführung eines israelischen Soldaten durch palästinensische Kämpfer schon jetzt zu dutzenden von unschuldigen zivilen Toten in Gaza geführt hat und die droht, den Krieg gegen Libanon wieder anzufachen.

Das bedeutet auf gar keinen Fall, kriminelle Aktionen von Terroristen der Hamas oder des Islamischen Dschihads oder von bewaffneten Grüppchen, die unabhängig davon operieren, zu rechtfertigen. Wohl aber anzuerkennen, dass hinter den nicht zu rechtfertigenden und grausamen Aktionen – die Bomben der Selbstmordattentäter, die blinden Attacken auf die Zivilbevölkerung, die Entführungen etc. – ein verzweifeltes Volk steht, das von der Verzweiflung zunehmend dazu getrieben wird, nicht die Stimme der Gemäßigten und Vernünftigen zu hören, sondern die der Fanatiker. Und das zunehmend – und stupide – glaubt, dass das Ende des Konflikts nicht in der Verhandlung, sondern in den Gewehrläufen und in den Zündern von Bomben liegt.

Die Überlegenheit von Israel über seine Feinde im Nahen Osten war eine politische und moralische, bevor sie zu einer Überlegenheit von Kanonen, Flugzeugen und einem hochmodernen Heer wurde. Aber die außerordentliche Macht, die Länder arrogant macht, sorgt zugleich für ihren Verlust. Und das verführt einige ihrer Spitzenpolitiker wie Ariel Scharon, zu glauben, dass die Lösung des Konfliktes mit den Palästinensern in einem Diktat bestehen könnte, in einer unilateralen Formel, die mit Gewalt aufgezwungen wird. Das ist einfältig. Und sorgt dafür, das Leiden und den Krieg in der gesamten Region endlos zu verlängern.

Mein israelischer Freund David Mandel (oder muss ich jetzt sagen: Exfreund, da ich mich auf die Seite der Palästinenser gestellt habe?) ruft mich in einem offenen Brief dazu auf, den Jerusalem-Preis zurückzugeben, den ich 1995 erhalten habe. Es handelt sich dabei um einen eher symbolischen Preis, der mich aber mit Stolz erfüllt und auf den ich nicht verzichten werde. Obwohl David es nicht hören mag: Was ich zu Israel tue und schreibe, hat kein anders Ziel als weiterhin dieser wunderbaren Auszeichnung würdig zu sein, die mir für mein Engagement für Demokratie und Freiheit verliehen wurde. Für mich ist die Verbundenheit mit Israel untrennbar mit jenem Kompromiss verknüpft. Genauso gilt das für viele Israelis, die in der Art wie Ilan Pappe, Gideon Levy, Amira Hass oder Meir Margalit, aber zweifelsohne radikaler als ich, die Politik ihrer Regierung gegenüber den Palästinensern verurteilen und Alternativen dazu vorschlagen.

Es stimmt, dass sie eine Minderheit repräsentieren, diese Nuance, die die Bewunderer der dogmatischen Wahrheiten so gering schätzen. Ich weiß nicht, ob ich mit allen ihren Positionen einverstanden bin. Wahrscheinlich nicht. Ich glaube zum Beispiel, dass der Zionismus einige Gründe hat, die man nicht abstrakt und ohne den präzisen historischen Kontext verwerfen kann. Aber dass sie, und viele andere wie sie, gegen den Strom schwimmen und in der Lage sind, sich auf so entschiedene Art gegen eine Politik zu stemmen, die falsch ist, kontraproduktiv oder brutal und zugleich, dass sie es tun können, ohne verfolgt oder verhaftet oder liquidiert zu werden, wie es in fast allen anderen Ländern der Region geschehen würde, gehört zu den Realitäten, die meine Hoffnung auf einen Wandel in Israel aufrecht erhalten, und dass Verhandlungen möglich sind und man zu einem vernünftigen Abkommen kommen kann, das dieses Leiden beendet.

Das Madrider Treffen von Juden und Arabern war asymmetrisch, weil ungefähr zehn Palästinenser, die unsere Einladung angenommen hatten, nicht kommen konnten und einige Israelis, wie Amos Oz und David Grossman, deren Stimmen wir gerne gehört hätten, auch nicht kamen. Aber es war nicht nutzlos: Ein Tropfen Wasser in der Wüste ist besser als gar keiner. Es gab zum Beispiel hervorragende Erklärungen von Shlomo Ben Ami und von Yasser Abed Rabbo, die beide an den Verhandlungen von Camp David beteiligt waren, und die nicht im Geringsten unvereinbar waren. Ich werde versuchen, weiterhin zu diesem Dialog aufzurufen. Ich werde nicht nur jene einladen, die für die Mehrheit sprechen, sondern auch jene, die für kleine Minderheiten sprechen. Für diese leicht zu vergessenden Nuancen, in denen sich so oft die Wahrheit verbirgt.

Aus dem Spanischen von Dorothea Hahn. Die Originalfassung des Artikels erschien in der spanischen Zeitung El País.