Die Prinzessin in dir

Bei den Griechen waren es noch die Philosophen, die das richtige Leben lehrten. Das haben nun „Brigitte“, „Freundin“ oder „Für Sie“ übernommen. Eine Lektüre aktueller Frauenzeitschriften

VON ISOLDE CHARIM

Zuerst muss ich einmal festhalten: Es war die taz, die mich dazu angehalten hat, einen Text über Frauenzeitschriften zu schreiben. Warum man solch einen Satz vorausschicken muss? Weil man als Frau zu diesem Thema – ob man will oder nicht – persönlich in Bezug gesetzt wird. Mein Umfeld meinte unisono: Gib zu, nun darfst du so etwas endlich mal und noch dazu ungeniert lesen – als ob es ein heimliches und verbotenes Begehren nach solch einer Lektüre gäbe. Wobei die Ursache für das Verbot nur oberflächlich betrachtet im mangelnden Reflexionsniveau solcher Blätter liegt. Der tiefere Grund liegt darin, dass es etwas Öffentliches wie diese Zeitschriften gibt, die Intimstes verhandeln: den Bezug zum eigenen Körper. Mit wem unterhält man sich schon über die Pflege seiner Fußnägel? Das macht eine Distanzierung notwendig.

Tatsächlich ist aber das, was in sog. Frauenzeitschriften verhandelt wird, eine moderne Version dessen, was Michel Foucault mit Bezug auf die griechisch-römische Antike als „Technologien des Selbst“ bezeichnet hat. Konkrete Handlungsanleitungen also, mit denen die Individuen auf sich selbst einwirken. Diese dienten zur Herstellung der Identität. Auch in ihrer heutigen Version richten sich solche Selbsttechnologien nur scheinbar an bereits bestehende Subjekte. Tatsächlich sind Frauenzeitschriften vielmehr Anleitungen, wie man sich als solches erst konstituiert. Dazu stellen sie ebenso Tipps wie Verhaltensregeln bereit.

So finden sich derzeit etwa – jahreszeitlich bedingt – überall Rubriken zu der Frage: Was packe ich ein? Hier werden Frauen unterwiesen, richtig zu handeln. Wobei Handeln bedeutet, die Zeichen richtig zu handhaben. Da gibt es etwa eine Sonderbeilage, eine Art Crash-Kurs in italienischem Stil, der verspricht, das Geheimnis der italienischen Eleganz zu enthüllen. Solche Einweihung und Initiation war früher den Müttern vorbehalten. Heute versucht ein ganzes Marktsegment, diese Unterweisung ins Zeichenrepertoire zu übernehmen. Die vielgeschmähten Hefte sind also Lehrmeister. Waren es bei den Griechen noch die Philosophen, die das richtige Leben lehrten, so haben nun Brigitte, Freundin oder Für Sie diese Funktion übernommen. Man wird nicht allein gelassen in seiner „Sorge um sich“. Die Frauen werden darin unterrichtet, wie man sich kleidet, schminkt, wie man wohnt und kocht. Es sind perfekte Anleitungen zur Selbsttechnologie, die ebenso wie bei Foucault zu einer „Ästhetik der Existenz“, zu einem gelungenen Leben führen soll.

Das Erstaunliche oder vielleicht auch das Neue – zumindest für eine Nichtleserin – ist, dass dieser grundlegende Bezug zu sich selbst sich nicht auf den Körper beschränkt. Der erfüllte Selbstbezug ist nunmehr nur durch die Sorge um Körper und Seele zu haben. So finden sich in nahezu jedem Blatt neueste Joga-Anleitungen unter Überschriften wie: „Der neue Trend: Spirit- Joga. Top-Form für Körper und Seele“. Reines Körperformen, sei es in muskulärer, sei es in dekorativer Hinsicht, scheint – in der Sprache unseres Gegenstandes – passé. Hin zur Harmonisierung von Körper und Seele. Das bedeutet: auch die Seele muss in „Top-Form“ gebracht werden. Fit und schön bedeutet heute also ein umfassendes, ganzheitliches Wohlsein – Wellness eben.

Der Kuss des Prinzen wurde durch Praktiken abgelöst, durch die sich jede Frau zur Prinzessin machen soll

Trotz dieser „spirituellen“ Dimension bleiben solche Selbsttechnologien in spezifischer Weise „materiell“: auch sie funktionieren über Dinge. So folgen den Joga-Anleitungen etwa auf der nächsten Seite bereits der dazu benötigte Joga-Anzug und das entsprechende Pflegeset. Natürlich ist es nahe liegend, hier auf den Zusammenhang von Frauenzeitschriften und Konsum zu verweisen. Aber solche Kapitalismuskritik greift zu kurz. Denn der tiefere Zusammenhang, ohne den der Kapitalismuseffekt nicht funktionieren würde, liegt in dem (unterstellten) besonderen Verhältnis von Frauen und Dingen.

Die Dinge sind vielerlei. So sind sie die Utensilien für den praktischen Bezug zu den Lebensrealitäten – Mittel, die dazu dienen, die körperlichen Bedürfnisse, die Frauen nicht hintanstellen können, zu befriedigen. Dazu dient der Regenschirm in Etuiform ebenso wie tragbare Klapphocker. Die Dinge sind aber auch Träger von Zeichen, die Distinktionen und damit Identitäten schaffen. Und sie sind es, die die Realisierung der Wellness garantieren, indem man an ihrer Aura – „edel, sinnlich, anregend“ – partizipiert. In der Verbindung all dieser Widersprüchlichkeiten – des rein Praktischen mit dem Objekt der Sehnsucht –, erschließt sich ihr wahrer Stellenwert: Sie sollen Fetische sein, jenes phantasmatische Objekt, das den grundlegenden Mangel jeder Einzelnen schließen soll. Jedes Objekt erweckt die Hoffnung, der Schatz zu sein, der uns fehlt – und muss diese Hoffnung notwendigerweise enttäuschen. Deshalb bleibt die Suche nach dem Objekt durch alle Dinge hindurch unabschließbar.

Auf der Jagd nach diesem ultimativen Schatz eignet man sich eine Unzahl von Dingen an, die für den Moment als solcher erscheinen (oder präsentiert werden). Diese Unerreichbarkeit harmoniert auf wunderbare Weise mit den kapitalistischen Notwendigkeiten: Die Suche nach dem Objekt entspricht dem endlosen Konsum.

Daher rührt auch die auffällige Koinzidenz von Text und Werbungen in solchen Zeitschriften. Etwa die Übereinstimmung von Haut-Regenerierungskuren und Werbungen für „Anti-Aging“-Produkte. Die Differenzen zwischen redaktionellem Teil und Inseraten löst sich auf, weil beide dasselbe Versprechen abgeben, dieselbe Hoffnung nähren – jene einer grundlegenden Verwandlung. Der Kuss des Prinzen wurde durch endlose Praktiken abgelöst, durch die sich jede Einzelne zu einer Prinzessin machen soll. Der Prototyp solcher Transsubstantiationen ist deren Anschauung in actu: Das Vorher-Nachher-Spiel, das immer noch sehr en vogue in jeder Zeitschrift zu finden ist. „Typenberatung“, wo man zusehen kann, wie effizient Mode, Kosmetik, Styling sind. Der Prinz wird kurzzeitig durch ein Beratungsteam ersetzt, dessen Funktion es ist, die Leserinnen zur eigenen Transformation zu befähigen, und zwar so, dass sie „mit eigenen Mitteln, bestimmte Operationen mit ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen, mit ihrer eigenen Lebensführung vollziehen, und zwar so, dass sie sich selbst transformieren, sich selbst modifizieren und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft erlangen“ (Foucault).

Das Besondere an diesem intendierten Endzustand ist die Verbindung von absoluter Individualität und vorgegebener Norm. Finden Sie Ihren Typus! Die Suche nach der eigenen Individualität ist dann erfolgreich, wenn es gelingt, sich einem bestehenden Typus zuzuordnen – ihn zu repräsentieren. Beziehen solche Zeitschriften daraus ihre explizite Legitimität, so bedarf diese implizit des permanenten Scheiterns. Das ständig erneuerte Versprechen eines Zustands, der nie vollständig erreichbar ist, bedarf der immer erneuerten Informationen über Schönheit, Wohlbefinden und Gesundheit. So liefern die Magazine Nachrichten über neue Zeichenrepertoires in ihren Trendrubriken gleichzeitig mit konkreten Anleitungen wie etwa die zahlreichen Expertenratschläge. Wobei diese von popularisiertem objektivem Wissen bis zur Esoterik („Schönheit durch Mondwissen“) reichen. Der Wille zur Lebensnähe zeigt sich auch in den Schlussteilen, die überall aus umfangreichen „Serviceteilen“ bestehen mit Adressen und Webtipps, die den Versandhauskatalog abgelöst haben.

Es gibt aber nicht nur Ratschläge zum besseren Konsum, sondern auch Tipps zum glücklichen Leben: Fangen Sie neu an. Wagen Sie Ihr Glück. Das zentrale Thema dabei ist aber: Frau und Beruf. Das Erstaunliche daran ist die Selbstverständlichkeit, mit der dies behandelt wird. Längst ist die Frage nicht mehr, ob, sondern wie Frauen beruflich erfolgreich sein können. Die Wege dorthin sind vielfältig. Das Skurrilste, was mir dabei untergekommen ist, war ein Artikel über das „Karriere-Sprungbrett (!) Zeitarbeit: Job-Hopping als tolle Chance“. Selbst solche zynischen Auswüchse sind noch Symptome einer allgemeinen Verschiebung. Zu dieser gehören ebenso Texte über ökologische Mode wie die Präsentation älterer Models.

Am deutlichsten wird diese Verschiebung beim Thema Erotik. Hier werden längst nicht mehr nur Beziehungsprobleme à la: Er hat mich verlassen, was soll ich tun? behandelt, sondern Fragen wie: der Seitensprung. Unter dem Titel „Der Erotik.Kick“ oder „Die verbotene Lust“ werden zehn Regeln (sogar dafür gibt es Regeln) für Willige aufgelistet. Oder ein Text über „Single-Biken“, der in dem Satz gipfelt: „Als Belohnung gibt es den Sportorgasmus.“

Der größte Renner der Saison aber ist die lesbische Liebe. Vor kurzer Zeit noch undenkbar in solchen Gefilden, finden sich nun – im Gefolge der amerikanischen TV-Serie „The L-World“ – Berichte über lesbische Coming-outs (mit angefügtem Experten-Kasten) und Ähnliches. Auf den Punkt gebracht hat es die Schlagzeile: „Der neue Erotik-Trend. Ins Bett mit einer Frau“. Denn die Beunruhigung, die solches auslösen mag, kann durch deren Rubrizierung als Trend eingedämmt werden. Denn niemand weiß besser um die Vergänglichkeit von Trends als die hier angesprochene Leserschaft.

Ja, der erstaunliche Befund lautet: Selbst an den Hochburgen des sog. Weiblichen ist die Emanzipation nicht spurlos vorbeigegangen. Selbst wenn es mit dieser ein vertracktes Ding ist. Auch wenn heute die Seite: „Heimwerken für Frauen“ das alte Burda-Schnittmuster ersetzt und sog. „Nailpartys“ den Tupperware-Pendants den Rang abgelaufen haben, so hat Für Sie doch das Genre nicht verlassen. Sie fanden „Think pink. Der Werkzeugkasten à la Barbie“. Wer braucht da noch Ken?