Viele unerwartete Wendungen

EINMANNBETRIEB Das Staubgold-Label ist hundert Platten alt. Keine schlechte Leistung für den Gründer und Betreiber Markus Detmer – zumal ihn die Seitenwege mehr interessieren als das große Publikum

Wenn Plattenfirmen ein Jubiläum begehen, wirkt das meist wie pure Marketingstrategie. Dabei wird übersehen, dass es für viele Labels heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist, zehn Jahre und länger herumzubekommen, ohne vorher wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Je randständiger die Musik, desto zäher wird oft der Kampf um die Existenz, denn auch für Tonträgerunternehmen mit moderater Renditeerwartung sind die Zeiten hart geworden. Dass Markus Detmer mit seinem auf erkundungsfreudige Musik spezialisierten Staubgold-Label schon seit 1998 Musikgeschichte schreibt und es jüngst auf Katalognummer 100 gebracht hat, kann man deshalb getrost als Anlass zum Feiern nehmen.

Was in Köln als Sammelbecken für experimentelle elektronische Musik begann, hat sich spätestens seit dem Umzug nach Berlin vor sieben Jahren weiter geöffnet. Für einen Überblick über das aktuelle Spektrum nehme man Staubgold 100, den von Detmer selbst erstellten Katalogmix „100 Jahre Einsamkeit“, in dem sich Elektronisch-Atmosphärisches von Mapstation oder dem Kammerflimmer Kollektief mit strengen Experimenten des Komponisten Rafael Toral, dem Improv-Blues von Heaven And oder dem Ambient-Folk des australischen Duos Jasmina Maschina vermengen. Sogar Krautrock-Veteranen wie Faust machen hier mit den US-Hip-Hoppern von Dälek gemeinsame Sache. „100 Jahre Einsamkeit“, sehr frei nach Gabriel García Márquez, ist eine Geschichte voll unerwarteter Wendungen, der man gerne zuhört.

Längst bietet Markus Detmer seinen Katalog zum Download an

Obwohl die Zeitrechnung von Staubgold offiziell im Jahr 1998 in Köln beginnt, muss man die Chronik von Detmers Entdeckerplattform eigentlich zehn Jahre früher in der bergischen Kleinstadt Wipperfürth ansetzen. Noch als Schüler startet Detmer eine kurze Staubgoldphase mit einem Mailorder-Versand für Tonträger auf Taschengeldbasis. „Es gab so hundert Artikel, die ich in Kommission hatte. Ich habe damals schon Harald-Sack-Ziegler-Kassetten und so was vertrieben.“ Aufmerksam auf die Musik wird er über Zeitschriften wie Spex und diverse Fanzines. „Das hat mich sehr fasziniert, Wipperfürth ist eine Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern, für mich war das eine Möglichkeit, über den Postweg und Mailorder Kassetten hin und her zu schicken.“

In seinem kurzen Musikwissenschaftsstudium in Köln Anfang der Neunziger trifft er dann den gleich gesinnten Timo Reuber, mit dem er seither unter dem Namen Klangwart Ambient produziert. Er lernt das Umfeld des legendären Kölner Plattenladens A-Musik kennen und belebt 1996 erneut den Staubgold-Mailorder. Zwei Jahre später erscheint auf Staubgold die erste Schallplatte mit handbedruckter Plattenhülle. Nach und nach werden die Cover professioneller, und die Veröffentlichungen erregen immer mehr Aufmerksamkeit, wie die auf leeren Schallplattenspielern erzeugten Techno-Rudimente des Instituts für Feinmotorik von 1999. Mit der Tribut-Serie „Ekkehard Ehlers Plays“ oder den Alben des zwischen Noise, Elektronik und Jazz improvisierenden Kammerflimmer Kollektiefs gelingen Detmer veritable Independent-Hits, die Staubgold international bekannt machen. Doch schneller Erfolg ist nicht Detmers Ziel. Als zum Beispiel der Portugiese Rafael Toral seiner Karriere als renommierter Drone-Experimentator ein jähes Ende setzt, um mit einer neuen Sprache für improvisierte elektronische Musik zu beginnen, lehnt ihn sein Stammlabel Touch ab. Nicht so Detmer, der seitdem mit einigem Stolz Torals radikales „Space Program“ veröffentlicht. „Rafael Toral spricht mit am stärksten eine wirklich eigene Sprache und entwickelt etwas wirklich Eigenes.“ Dass man damit nicht unbedingt reich wird, nimmt er in Kauf.

Auch die Krise der Musikindustrie bekommt Detmer zu spüren. Längst bietet er seinen Katalog, darunter viele vergriffene Schallplatten, zum Download an, manches wird in Zukunft nur noch digital erscheinen. Detmer allerdings beobachtet diesen Trend mit Skepsis: „Die Sachen, die sich digital verkaufen, sind die Sachen, die sich auch als Platte gut verkauft haben. Man kann nicht sagen, wie es in zehn Jahren mit Künstlern sein wird, die nur noch im Digitalen aufgewachsen sind, ob man da relevante Stückzahlen verkaufen kann, ob man noch eine relevante Öffentlichkeit erzielt.“

Für Detmer hat das Jahr 2010 jedoch erst einmal gut begonnen, mit einem gefeierten neuen Album des Kammerflimmer Kollektiefs oder seiner eigenen Mix-CD. Und mit dem nächsten Album von Hassle Hound präsentiert sich das Label dann von seiner besten Independent-Pop-Seite. Ein würdiger Auftakt für die nächsten zehn Jahre.