Die neue Subsistenzbewegung

Die Bodenfrage ist zurück. Städtische Gemeinschaftsgärten sind die Antwort

„Landwirtschaft und Stadt klingen im Kontext der heutigen Stadt eher nach Gegensatz als nach Symbiose, denn Landwirtschaft begegnet uns in den Städten auf den ersten Blick kaum noch. Und dennoch entwickeln sich in Städten weltweit Ansätze zur (Wieder-)Aneignung des städtischen Raums durch landwirtschaftliche Nutzung. Dabei geht es weniger um die Projektion ländlicher Agrarlandschaft auf die Stadt als vielmehr um die Entwicklung spezifischer Landwirtschaftsformen mit städtischer Prägung und deren Integration in das urbane Umfeld.“

Mit diesen Sätzen beginnt die Beschreibung eines Forschungsprojekts, das im Wintersemester am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität begann. Seitdem haben sich die daran beteiligten Studierenden mit urbanen Gartenprojekten aus aller Welt beschäftigt, waren im April sogar auf einer Exkursion in New York – und können jetzt eine Menge Ergebnisse ihrer Arbeit vorweisen. Präsentiert wurden die am vergangenen Donnerstag im Gartenprojekt „Prinzessinnengärten“ am Kreuzberger Moritzplatz.

www.urbanacker.net

Das Portal zu den verschiedensten Gartenkultur-Initiativen

www.prinzessinnengarten.net Nachbarschaftsgarten mit Veranstaltungen und Cafébetrieb

www.urbanophil.net

Verein zur Förderung der Stadtkultur im Kontext von Stadtplanung und Architektur

■ Obstbäume im Görlitzer Park

Wer die Initiative unterstützen möchte, kann sich an claudia@ttfk-berlin.de wenden

www.urbane-landwirtschaft.net Informationen zur TU-Studie über Urbane Landwirtschaft

www.tempelhof.berlin.de

Informationen zur „Pioniernutzung“ des Tempelhofer Feldes

Nicht nur das große Presseecho, das die Prinzessinnengärten ausgelöst haben, zeigt, dass das Thema der urbanen Gärtnerei zum Nutzen der lokalen Bevölkerung in Berlin viele Menschen bewegt: Während Senat und Bürgerbewegung seit Jahrzehnten um das Gelände um den U-Bahnhof Gleisdreieck streiten, lautet eine neuere Idee, den Görlitzer Park in Kreuzberg mit Obstbäumen zu bestücken, deren Früchte der Bevölkerung kostenlos zugute kommen sollen. „Interkulturelle Gärten“ sind ein allseits beliebtes Mittel, um etwa Menschen mit schwierigem Stand bezüglich Staatsbürgerschaft oder Arbeitsmarkt einen Halt zu geben – vor einigen Jahren wurde zwischenzeitlich sogar das oberste Deck des Parkhauses am Kottbusser Tor dafür hergenommen.

Auch um Hausprojekte der antiautoritären Szene in Kreuzberg, Friedrichshain und Weißensee haben sich in den letzten Jahren offene Kleingärten entwickelt. Als im Mai das Flughafengelände Tempelhof zugänglich wurde, meldete sich die Initiative Tempelgärten zu Wort, die ein regelrecht utopisches Projekt zur Versorgung der ganzen umliegenden Kieze mit Lebensmitteln vorschlug. Daraus wurde aber nichts, da die Hürden des Senats für die Beantragung von Großprojekten zu hoch waren. Da nun ein sogenanntes Pionierfeld in einem Winkel des Geländes unter anderem für Gartenbauzwecke ausgeschrieben ist, haben sich einige Personen von Tempelgärten anders organisiert und mit neuen Leuten andere Projekte für diese kleine Fläche beantragt. Aus dem Tempelhof-Projektbüro verlautet übrigens, die Zahl der Anträge sei bereits hoch. Andere Kreative denken über die großflächige Implementierung von Dachgärten nach.

Auch beim Verein urbanophil.net, der sich mit Stadtkultur im Kontext von Stadtplanung und Architektur beschäftigt, ist das Thema urbanes Gärtnern präsent – aus seinen Reihen heraus wurde als Begleitprogramm für die Vorstellung des TU-Projekts ein Filmabend organisiert. „Die Bodenfrage ist zurück“, ist sich Elisabeth Meyer-Renschhausen sicher. Die Privatdozentin für Soziologie an der Freien Universität und Gartenpraktikerin arbeitet seit den 1990ern theoretisch zu Gemeinschaftsgärten. Zurzeit gibt sie Seminare zu dem Thema an den Unis Oldenburg und Hannover. Bei einer im Jahre 2000 mit Studierenden zusammen organisierten Konferenz sei die heute noch in Berlin aktive AG Kleinstlandwirtschaft und Gärten in Stadt und Land entstanden, die sich mit theoretischen Fragen beschäftige. Für den Austausch zu praktischen Fragen sei die Arbeitsgemeinschaft Interkulturelle Gärten in Berlin & Brandenburg da. Im März habe es darüber hinaus ein Vernetzungstreffen mit Dutzenden Berliner Gartenaktivisten gegeben.

Die lange Theoriearbeit macht sich bemerkbar: Im Gegensatz zur TU-Projektgruppe lehnt Meyer-Renschhausen den Begriff „urbane Landwirtschaft“ als Oberbegriff für die erwähnten städtischen Praktiken ab, da „Land“ eben nicht Stadt sei. Sie zieht „urbanes Ackern“ vor. Passenderweise heißt das Internetportal, das auf viele der genannten Projekte verweist, www.urbanacker.net. Dort werden auch Projekte aus dem Rest der Republik und sogar Europas vorgestellt.

Deutschlandweit ausgerichtet ist etwa die Initiative Mundraub, die auf einer Internetseite Informationen zu frei zugänglichen Obstbäumen sammelt. Nach einem Namen für die sich dort offenbarende Bewegung gefragt, antwortet Meyer-Renschhausen ohne Zögern: „Neue Subsistenz-Bewegung“. RALF HUTTER