Ein Abend im Hilton-Hotel: Zähneputzen nicht vergessen

KULTUR Eine Performance räumt augenzwinkernd mit gängigen Vorurteilen gegen Roma auf

Kennen Sie das Z-Wort? Angenommen, Sie sitzen in der Kreuzberger Sinti-und-Roma-Galerie Kai Dikhas in einer Veranstaltung, die sich „Hilton-Zimmer 437. Von Disneyland bis Auschwitz“ nennt und kuratiert ist vom Schauspieler Hamze Bytyci. Was könnte „Z-Wort“ da bedeuten? Richtig: „Zähneputzen nicht vergessen.“ Weil das die Roma nämlich immer tun, wie Bytyci in seiner Rolle als Radiomoderator erklärt. Klischees dieses Kalibers nimmt das Stück augenzwinkernd aufs Korn.

Den ganzen kurzweiligen Abend an seiner Seite: taz-Mitarbeiterin Gaby Sohl. Im Programm als „Hotelerbin“ angekündigt, betritt sie die winzige Bühne als „kaputte Journalistin“, die sich in Bytycis Hotelzimmer verirrt. Der verwickelt Sohl in einen Dialog über die Rolle der Medien bei der Produktion von Vorurteilen über Roma – allen voran die „minderheitenverliebte“ taz. Die überrumpelte Journalistin verspricht am Ende des ersten Teils, nur noch über „das Gefühl, das Gute und die Musik der Roma“ zu berichten.

„Es ist für viele neu, dass Roma ihre eigene Geschichte erzählen“

HAMZE BYTYCI, KURATOR
Leidenschaft als Klischee

Im zweiten Teil des Abends wird es etwas ernster – aber auch nur etwas. Sohl und Bytyci unterhalten sich, während sie bei „Radio Corel“ auf Zuschaueranrufe warten, über Roma-Bilder. Ist „Leidenschaft“ nicht auch so ein Klischee, fragt Sohl. Aber nein, sagt der Moderator – und zeigt mit eitler Geste auf sich selbst. Namen von Roma-Künstlern wie der Holocaust-Überlebenden, Schriftstellerin und Malerin Ceija Stojka fallen, die dem unbedarften Zuschauer nicht immer etwas sagen. Die Aussage des Stücks kommt dennoch an: Seht her, wir Roma sind nicht nur arm, haben schlechte Zähne und viele Probleme. Wir zeigen euch jetzt mal, was wir so draufhaben und wie wir die Welt sehen.

Diese Botschaft verfolgt Bytyci schon länger mit seinem Verein RomaTrial: „Es ist ja für viele neu, dass Roma sich selbst präsentieren, dass wir unsere eigene Geschichte erzählen“, erzählt er später. Mit dem Hilton-Zimmer hat er sich eine Bühne geschaffen, auf der er seine Themen – „Roma, Minderheiten, Heimat, Identität und das Lachen“ – verhandeln kann. Denn das Hotelzimmer gab es nicht nur für den einen Abend: 2011 „erbten“ Sohl und Bytyci die Zimmereinrichtung tatsächlich – bei einem Wettbewerb des Künstlers Joachim Eckl für ihre Idee, daraus eine Wanderbühne zu machen.

Den ersten Auftritt im Hilton-Zimmer 437 hatte Bytyci vorigen Sommer im Rahmen des Filmfests Cineromani, wo er sich mit der Kuratorin auf dem Bett über „Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft“ unterhielt. Das Konzept für die Abende schreibt er zusammen mit Sohl. Die tazlerin nennt ihre Art der multimedialen und interaktiven Performance „surreales Dokutheater mit Improvisation“.

Auch am Dienstagabend kamen die Zuschauer zu Wort, wenn auch als Fake. Endlich hat der Moderator von Radio Corel (zu Deutsch: geklaut) einen Anrufer: Der errät das gesuchte Z-Wort und darf sich einen Musiktitel wünschen. Doch da springt er schon auf die Bühne und performt einen Rap über Roma von „Novi Sad bis Amerika“ und ihre Lebenskunst. Mit diesem Liveact des Sängers von „Pralla Soundsystem“ endet der Abend. Ach ja: Die Band will beim Eurovision Song Contest teilnehmen. Bitte voten Sie! SUSANNE MEMARNIA

■ Im Hilton-Zimmer 437 gibt es am 26. 1. einen „ernsten Abend“ zu 70 Jahren Auschwitz-Befreiung. Galerie Kai Dikhas, Prinzenstraße 85 D