Sonntagstanztee, Kunst und Punk

KREUZBERG Das Radiofeature „SO36, der Club als Freiraum und Gesamtkunstwerk“ erzählt die Geschichte der Heimstatt der Subkultur

Feuchte Luft, Dosenbier und Schweiß. Wie kann man da nostalgisch werden? Das Radiofeature „SO36, der Club als Freiraum und Gesamtkunstwerk“, das am Samstag um 18.30 Uhr erstmals auf DRadio Kultur zu hören sein wird, erblickt darin gerade die Romantik des Kreuzberger Clubs – seit 1978.

„Wir sind in Achims ollen VW-Bus rumgefahren und haben uns Berlin angeschaut“, sagt Klaus-Dieter Brennecke. „Und dann haben wir aber schnell das SO gefunden“. Er, Achim Schächtele und Andreas Rohè, sind die Gründer des SO36. Sie benannten den Club nach dem damaligen Postzustellbezirk Südost 36. Einen Club für Musik und Kunst wollten sie machen, an Politik dachten sie nicht: Es ging um Subkultur und Avantgarde. In den Räumen der Oranienstraße war zuvor ein Kino, dann ein Supermarkt. Zur Eröffnung am 13. August 1978 schauten David Bowie und Iggy Pop vorbei.

„Kreuzberg war zur Zeit der Gründung ein Randbezirk mit Mauerblick – das Ende der Welt“, beschreibt das Feature den Westberliner Stadtteil. Die Forderungen der Jugend ähneln jedoch den heutigen: Sie protestierten für „menschenwürdigen Wohnraum“. Auch damals gab es große Wohnungsnot, doch im Gegensatz zu heute standen viele Häuser leer. „Zwischen 1979 und 1989 wurden in Berlin 160 Häuser besetzt“, berichtet eine Erzählerstimme, „80 davon in Kreuzberg“. Sonntagstanztee, Kunst, Punkkonzerte gab es damals. Das „Esso“ war schon so vielseitig wie heute.

Das Feature ist eine Zeitmaschine. Es schafft, die Stimmung der Anfangsjahre wiederzugeben. „Gut aussehen war ja überhaupt nicht das Thema“, erinnert sich etwa Gudrun Gut, Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten. „Da wollte man eher krank aussehen.“ Bands wurden aus dem Nichts gegründet, wie der Künstler Martin Kippenberger, der sich für einige Zeit in den Club eingekauft hatte, erzählt: „Am Abend vorher hat man die Band gegründet. Morgens hat man geprobt, nachmittags hat man sich betrunken, abends ist man aufgetreten und danach hat man sich wieder aufgelöst als Band.“ Andere Protagonisten berichten von Konzerten, Performances, Straßenschlachten. Es kommt eine Nostalgie auf, die Spätergeborene neidisch macht, nicht damals schon gelebt zu haben.

Die Autorin und Regisseurin Beate Becker, geboren 1967, besucht den Club selbst seit über 20 Jahren. Zusammen mit Stefan Becker schrieb sie das Stück. Bereits vor Beate Beckers ersten Abenden hatte der Club mit Lärmbeschwerden zu kämpfen, im Frühjahr 1983. Aus baupolizeilichen Gründen wurde der Club schließlich geschlossen. Ab 1984 mietete die Internationale Bauausstellung die Räumlichkeiten und erhielt die Bausubstanz. Zu dieser Zeit besetzten SO36-Sympathisanten den Club.

Zur Wende hatte das SO36 geschlossen, weil es gerade renoviert wurde. Viele Westberliner Künstler wanderten nun in den Osten ab, wo neue Freiräume entstanden. Die Ostberliner Punks wiederum entdeckten das SO nun für sich.

In den 90ern zogen Elektropartys ein, wie Montech, die Technoparty am Montag, die es bis heute gibt. Aktuell ist der Sound von Hardcorebands neben 80er Pop zu hören, und einmal im Monat gibt es Nachtflohmarkt. Wer heute ins SO36 geht, wird nach dem rund 55-minütigen Stück überzeugt sein, dass es eine legendäre Institution ist – noch immer.