ORTSTERMIN: BIERGARTEN-LESUNG IN HAMBURG-BERGEDORF

Ein Prosit der Poesie

Die Lesung im Biergarten hat ein sehr heterogenes Publikum angezogen und verleitet zu spontanen Kommentaren

In der Kneipe ist es herrlich kühl, aber beinahe leer. Ein Mann sitzt mit einem Weizenbier an einem Tisch, blättert in einem Bergedorfer Anzeigenblatt und hebt ab und an den Blick zu einer großen Leinwand vor ihm. Eine Szene wie aus Zeiten der Fußball-WM. Aber auf der Leinwand sind nur ein einsamer Mirkofonständer samt Mikrofon, ein runder Tisch und ein Stuhl zu sehen. Sonst nichts. Keine Spur von grünem Rasen und Ball und all dem. Denn hier im Biergarten des Belami in Hamburg-Bergedorf soll es an diesem Abend Literatur geben. Public Reading sozusagen, mit Übertragung vom Biergarten in die Kneipe.

Draußen im Biergarten gibt es kaum noch einen freien Platz. Etwa 100 Leute sitzen auf Gartenstühlen oder Barhockern dicht gedrängt beieinander, trinken Weißweinschorle, Bier und Apfelwein und hören Wurst, Pommes oder Nudeln kauend Huug van’t Hoff zu, der sich tief zum Mikro herunterbeugen muss. „Die Höhe ist schon auf unsere heutige Autorin eingestellt und die ist ein bisschen kleiner als ich“, sagt van’t Hoff. Der 38-Jährige vom Verein zur Förderung von Kunst, Kultur & Kommunikation in Bergedorf hat zusammen mit Ellen Manouche den Abend organisiert. Biergartenlesung haben sie die Veranstaltungsreihe genannt, bei der bis zum 1. September jeden Mittwoch eine Autorin oder ein Autor vorlesen wird.

„Den Anfang unserer Reihe macht in diesem Jahr die Lyrikerin Xóchil A. Schütz aus Berlin“, sagt van’t Hoff und macht Platz für Xóchil. Ihr Name spricht sich übrigens „Sotsche“ aus. „Ich soll hier heute nur lustige Geschichten vorlesen, wurde mir gesagt“, sagt sie, legt sachte eine Hand aufs Mikrofon und beginnt aus ihrem Kurzgeschichtenband „Was ich nie mehr sagen will zu Mickey Rourke!“ vorzulesen.

Eigentlich liest sie nicht, sie erzählt ihre Geschichten, die von einer kurzen Sommerliebe, von verpassten Gelegenheiten oder der eigenen Unpässlichkeit im Alltag handeln. Ihre Erfahrung von mehr als 400 Live-Auftritten in ganz Europa macht sich bemerkbar. Mühelos füllt ihre kräftige Stimme den Biergarten aus, hier und da wird gekichert, zustimmend Gemurmelt und es gibt lautes „Jawohl!“ und „Genau so ist es“ inklusive Szenenapplaus.

Ein leiser Zweifel, ob dieses bunt gemischte Publikum von ein und derselben Darbietung zu begeistern sein könnte, war schon da beim ersten Blick in den Biergarten. Saßen hier doch Leute beieinander, die man erstmal nicht bei der gleichen Veranstaltung vermuten würde: Von der Kombo älterer Damen, die nach Kaffeekränzchen und Radtour durchs Alte Land aussehen, den etwas verlebten, prototypischen Kneipengängern mit Zigarette bis zum mittelalten Großstädter, der beflissen die Hände auf die Knie legt und am Weißwein nippt. Aber dieses so unterschiedliche Publikum hat sichtlich Freude an Schütz’ Geschichten. Besonders wenn sie aus ihrem noch unveröffentlichten Manuskript „Ein Männerhandbuch für Frauen“ vorliest, in dem sie nach Lexikonart Männertypen wie den Kiffer, den Millionär oder den Filmstudenten auf Beziehungstauglichkeit abklopft.

Aber nicht nur: Als Schütz den Abend mit einem Liebesgedicht über das Mädchen und den Roller-Boy beendet, gibt es anhaltenden Applaus. Die Lyrik und der Biergarten und die Verbindung aus beidem haben sich bewährt. ILKA KREUTZTÄGER

Nächste Termine: 21. 7. Peter Tische, 28. 7. Feridun Zaimoglu, jeweils 20:30 Uhr, Bergedorf, Belami