Mensch Zidane

Alle Heldengeschichten haben ein Problem mit dem Schluss. Allzu groß ist die Gefahr, in Kitsch abzurutschen. Bei allem, was bei den aufregenden Ereignissen vom Finaltag unklar bleibt, vielleicht auch für immer unklar bleiben muss (Welche Worte hat Materazzi gesagt? Warum hat Zidane das bloß gemacht?), lässt sich doch eines festhalten: Der Kitschgefahr ist Zinedine Zidane nun entronnen. Als Ritterroman mit Happy End lässt sich sein bisheriges Leben und Wirken seit Sonntag nicht mehr erzählen, auch wenn dafür schon alles bereitlag. Den Erzähldramaturgien entkommt er trotzdem nicht. In der 110. Minute des Finales hat sich Zizou für den Künstlerroman entschieden.

Dass er diesbezüglich einiges vorhatte, ließ sich – vom Ende her – schon beim Elfmeter sehen. War es Hybris? War es ein Fastunfall? So einen vielleicht arrogant, vielleicht im Vollbesitz seines fußballkünstlerischen Selbstbewusstseins getretenen Strafstoß hat es noch nie gegeben: ein Geniestreich heißt so etwas ehrfürchtig im Kunstbereich. Dann – viele Dribblings, Tricks und Pässe später – Flanke Sagnol von rechts, Zidane fliegt mit allem Siegeswillen auf den Ball zu, trifft ihn perfekt (ein Kopfball wie mit dem Hammer gemalt), nur ein Wille stellt sich ihm entgegen und gewinnt: Buffon, der italienische Torwart.

Sagen wir es mit Jean-Paul Sartre: „Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners.“ Das wird Zidane in dem Moment ähnlich gesehen haben. Der Kopfstoß hätte sein Finale seiner 9. Symphonie werden können, wie es vielleicht sogar von der großen Weltregie vorgesehen gewesen war. Hätte! Großes Wollen, großes Scheitern gehören zum Künstlerroman dazu.

Als Zidane kurz darauf seinen Kopf noch einmal, und zwar unsportlich, einsetzte, war dann alles klar. Nun konnten auch die Wendungen von Genie und Wahnsinn, von Tragik und Verblendungen hinzukommen. Es ist ja nicht wahr, dass ein großer Fußballer damit einen würdigen Abschluss seiner Karriere verpasst habe. Er hat nur demonstriert, dass seine Karriere nie in überkommene Maßstäbe passte. Er hat gezeigt, dass er nur mit den von ihm selbst gesetzten Maßstäben beurteilt werden kann. Und gerade dadurch ist Zidane nun unsterblich geworden (und Materazzi mit ihm, allerdings mit dem Fluch, bis in alle Ewigkeit nur als Staffage vorzukommen).

Ach, das Leben ist viel zu kurz für einfache Heldengeschichten. Aber die Geschichte von Zidane, diesem Künstler, die wird man sich staunend immer wieder erzählen. DIRK KNIPPHALS

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