NICLAS HUSCHENBETH

Kämpfer am Schachbrett

der gebürtige Hann. Mündener spielt beim Schach Bundesligisten Hamburger SK. Foto: Lorenzen

Das nennt man wohl Rudelbildung – noch lange nach Spielschluss steht eine Spielertraube im Ballsaal des Millerntorstadions um ein Schachbrett herum und diskutiert die gerade beendete Partie, die längste des Tages. Das erste Mal während der neuntägigen Jubiläums-Schachopen 2010 mit über 300 Teilnehmern hatte Turnierfavorit Niclas Huschenbeth am Rande einer Niederlage gestanden. Ein Remisangebot mit Mehrbauern lehnte er ab und entschied schließlich das klassische Endspiel Turm und Läufer gegen Turm für sich.

„Diese Kampfkraft ist meine Stärke“, sagt der schlaksige Hamburger, unter dem Eindruck der vergangenen fünf Stunden. Mit Kampfkraft und einer gehörigen Portion hanseatischer Sturheit hat er im März die deutsche Schachelite düpiert und wurde als 16. der Setzliste deutscher Meister. „Auch da habe ich ein paar Mal ein Remis abgelehnt und die Partien gewonnen.“

Mit den Großmeistern Matthias Wahls, Jan Gustaffsson und Karsten Müller hat die Kaderschmiede des größten deutschen Schachvereins Hamburger SK in den letzten Jahren einige große Namen hervorgebracht. Seit März gilt nun der 18-jährige Huschenbeth als das größte deutsche Talent. Obwohl er selbst findet: „Für ein Talent bin ich vielleicht schon zu alt.“ Deshalb traut er sich auch nicht, von der Profikarriere zu träumen. „Vom Schach spielen leben können vielleicht die vier, fünf besten Spieler Deutschlands.“

Manch Spitzenspieler wie Matthias Wahls ist deswegen schon zum lukrativeren Pokern gewechselt. Das wird Huschenbeth nicht machen, dafür liebt er seinen Sport zu sehr. Und er hat Ziele: Noch in diesem Jahr will er Großmeister werden. Und im September darf er mit dem Nationalteam zur Schacholympiade nach Sibirien, weil einige höher gesetzte Spieler aus finanziellen Gründen abgesagt haben.

Danach kann er sich in der Sportförderkompanie der Bundeswehr eineinhalb Jahre ganz dem Schachspiel widmen. Vier Stunden Training am Tag, Eröffnungen studieren, am Computer brisante Stellungen berechnen, Turniere spielen. So hatte er sich das immer gewünscht. Anschließend wartet ein Studienangebot aus Dallas. Bestimmt Mathe, oder? „Das ist auch wieder so ein Vorurteil, als wenn Schachspieler nur Zahlen im Kopf haben. Ich weiß noch gar nicht, was ich studieren will, aber Mathe nicht.“

Das mit insgesamt 15.000 Euro dotierte Turnier bei St. Pauli hat Niclas Huschenbeth schließlich ohne Verlustpunkt gewonnen. Und die Schachabteilung des FC St. Pauli hat mit diesem erstmals organisierten Großereignis erstmals bundesweit gezeigt, dass Turmendspiele am Millerntor genauso leidenschaftlich diskutiert werden wie Abseitsentscheidungen. Wenn es gut läuft, winkt dem Turnier eine ähnlich große Karriere wie seinem ersten Gewinner. RLO