Büyük Lack und Šlagsahne

AUFSCHREIBEN Sabine Knauf ist Intensivärztin. Aber sie zeichnet auch. Und sammelt Einkaufszettel. Als sie den ersten aufliest, erfindet sie das Leben dazu

VON WALTRAUD SCHWAB

Sabine Knauf hat ein Faible für einfache Dinge. Seit ein paar Jahren gehören Einkaufszettel dazu. Für kurze Zeit sind sie die Stütze des Gedächtnisses von Leuten, die in den Laden gehen. Und dann? Mit „1 x büyük Lack (weiß)“ fing Knaufs Leidenschaft für diese Notizen an. „Büyük“ ist türkisch und heißt „groß“. Solche rudimentären Sprachkenntnisse hat, wer in Berlin-Kreuzberg wohnt.

Eigentlich ist Sabine Knauf Anästhesistin, die seit einem Vierteljahrhundert als Intensivmedizinerin im Krankenhaus in Berlin-Neukölln arbeitet. Aber sie zeichnet auch. Von dem Einkaufszettel, den sie fand, war sie fasziniert. Denn „büyük Lack“ war nicht das einzige geplante Einkaufsgut, das babylonisch daherkam. „Camlara band“ – Fensterband sollte noch mitgebracht werden. „Leisten, Kleister, dickes Folie und ein Metre“ – ein Metermaß dazu.

Auf diesem Einkaufszettel findet kulturelle Integration en miniature statt, dachte sich Knauf. Ein Geben und Nehmen in beide Richtungen. Nach dem Charme, den Integration im Kleinen haben kann, hatten Leute wie sie, die ihr Leben lang alternativ, friedensbewegt, weltoffen geblieben sind, immer gesucht. Knauf ist Jahrgang 1952. Die malende Intensivärztin stellte sich den malernden Menschen vor, der zum Einkaufszettel gehört, und zeichnet ihn mit schwarzem Schnurrbart und grünen Augen auf ein Stück Packpapier.

Knauf sucht gern, aber noch lieber findet sie. „Pilze“, sagt sie „und Ostereier.“ Letztere versteckt sie auch mit Vorliebe, damit ihr Lebensgefährte sie findet. Nun allerdings war ihr Sucherblick auf etwas Neues gerichtet: Einkaufszettel.

Mit Erfolg. „Fisch + Broccoli, Rama, Wurst, Bollenpiepen, Dill, Milch, Pfefferminz, Gurken“ steht auf einem, den sie findet. Bollenpiepen? Das sagen alte Berliner und Berlinerinnen für Lauch.

Auf einem anderen Zettel steht neben Knoblauch, Spüli, Wasser und Mülltüten explizit: „ø Alkohol!“ Kein Alkohol also. Knauf stellt sich die Pein des ehemals Süchtigen vor und malt ihn mit Augen, die wie Spotlichter auf das Flaschenregal gerichtet sind.

Andere Leute wollen „ain mal minitekma“ – einmal Mini Dickmans – oder eine „Kranstange“ zur „Forelle“. Die Kranzstange, die sich vermutlich dahinter verbirgt, hängt bei Knauf am Angelhaken. Wieder andere wollen „Mkate“ zu Sausage und Bulette oder „Latte“ zu „Würstel“. Knauf findet Einkaufszettel in allen möglichen Sprachvermischungen. Eine besondere Herausforderung neben der „Šlagsahne“ und „kečep flaše“ – Schlagsahne und Ketchup Flasche – sind dabei die „fištepčen“ – die Fischstäbchen, für die noch „crveni luk“ – Zwiebeln – gebraucht werden.

Knauf fischt die Zettel aus Einkaufswagen heraus oder liest sie vom Boden auf. Fünfundvierzig davon illustriert sie. Meistens benutzt sie Papierreste und zeichnet darauf. Es entstehen eigenwillige Collagen, in denen sie durch die Notizen auf den Papierfetzen versucht, den Alltag der Einkaufenden zu erfinden. „Ich bastle mir halt Bilder von den Schreibenden zusammen“, sagt sie. „Eigentlich wie in der Medizin. Da hat man oft auch nur Stichworte, um auf die Spur der Krankheit gesetzt zu werden.“

Bevor Knauf auf die Einkaufszettel kam, zeichnete sie ein Tagebuch ihrer Arbeit auf der Intensivstation. „Immer mein bewegendstes Ereignis vom Tag.“

Über hundert Bilder sind entstanden, die die Last einer Arbeit spiegeln, bei der es oft um die großen Fragen geht, um Leben und Tod. Die Last einer Arbeit auch, die über die Jahre zusehends stressiger wird, weil die Arbeitsabläufe immer stärker verdichtet werden. Selbst das gemalte Tagebuch dazu wurde Knauf irgendwann zu schwer. Trotzdem ist sie „mit Leib und Seele Medizinerin“, wie sie mit ihrer bedächtigen, einfühlenden Stimme sagt. Zum Aufatmen fiel ihr „1 x büyük Lack“ in die Hände. Im richtigen Augenblick war es. Weil es so leicht wirkt.

Sabine Knauf: „Badeschaum und Schrimps. Einkaufszettel aus Berlin“. Berlin Story Verlag 2010