Sein Krieg

WUNDEN Er ist aus Afghanistan zurück – und traumatisiert. Wie er sind viele Soldaten Einzelkämpfer gegen die Geister des Krieges. Und gegen die Bundeswehr. Kann die Verteidi- gungsministerin das ändern?

AUS REGENSBURG GABRIELA M. KELLER

Seit diesem Tag in Kabul ist nichts mehr so, wie es war. Nicht sein Leben, vor allem er selbst nicht, und nicht die Kämpfe, die er austragen muss, auch wenn er das Kämpfen so leid ist.

Er hat jetzt viele Gegner. All die Dinge im Alltag, die für andere selbstverständlich sind. Er sagt, dass er ständig damit konfrontiert ist, was alles nicht mehr klappt. „Dass man nur noch Unrat und Wäsche macht. Dann kommen diese Gedanken, denen man nicht nachgeben will.“

Es ist kurz nach acht, ein grauer Wintermorgen. Oliver Hanke lebt in einer Doppelhaushälfte am Rand von Regensburg, bis ans Ufer der Donau ist es nur ein kleines Stück. Hanke hat seinen Hund von der Leine gelassen. Raureif knirscht unter seinen Schuhen. Der Mischling schnüffelt im gefrorenen Gras. Fette Krähen flattern in den Dunst über dem Fluss.

Oliver Hanke sagt, dass er jede Nacht zwei, drei T-Shirts durchschwitzt. „Ich träume, und im Regelfall geht es um Kampf und Tod.“ Der Spaziergang am Morgen hilft, die Nacht hinter sich zu lassen. Nach zehn Minuten dreht er um, der Kopf tut weh, der Kiefer, der Rücken. „Es ist die Angst, die einem im Nacken sitzt“, sagt er. Alle Muskeln ziehen sich zusammen. Selbst der Darm verkrampft, so sehr, dass er Risse in der Schleimhaut hat.

Hunderte kehren jedes Jahr traumatisiert zurück

Es gibt Erlebnisse, die so belastend sind, dass die Seele sie nicht verarbeiten kann. Der Begriff, den die Psychologie für die Folgen gefunden hat, ist Posttraumatische Belastungsstörung: PTBS. Die Bundeswehr registriert steigende Zahlen, seit Deutschland sich an Auslandseinsätzen beteiligt. 2006 wurden 83 Soldaten mit den Symptomen in den Krankenhäusern der Armee behandelt. 2012 waren es 1.143. Das sind die offiziell bekannten Fälle.

Dass deutsche Soldaten in Krisenländern stationiert werden, ist der politische Wille der Bundesregierung. „Von der Armee zur Landesverteidigung im Kalten Krieg ist die Bundeswehr zu einer Armee für internationale Einsätze weltweit geworden.“ So steht es auf der Bundeswehr-Website. Die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist gleich nach ihrem Amtsantritt nach Afghanistan gereist, um die Truppen dort zu besuchen. Deutschland brauche eine moderne, schlagkräftige Bundeswehr, hat sie gesagt. Für Sicherheit und Frieden in der Welt.

Die Einsätze sind für die Soldaten mit schwerwiegenden Risiken verbunden. Hunderte kehren jedes Jahr traumatisiert zurück. Von der Leyen hat in Afghanistan auch gesagt: „Das Wichtigste ist der Mensch.“

Einige Tage später kündigte sie in Günther Jauchs Talkshow an, dass sie sich künftig mehr um traumatisierte Soldaten kümmern will. Aber was bedeutet das konkret?

„Die Ministerin hat nach den Feiertagen die Arbeit aufgenommen und lässt sich derzeit über die mannigfaltigen Themen unterrichten“, heißt es aus dem Verteidigungsministerium.

Oliver Hanke ist Stabsfeldwebel, Feldjäger, also Militärpolizist. Er hat darum gebeten, seinen richtigen Namen und die seiner Angehörigen zu verschweigen. Er fürchtet, dass Al-Qaida-Zellen auf ihn aufmerksam werden, die Informationen über Afghanistanveteranen sammeln. Er sagt, er hat keine Angst um sich, aber um seine Familie. Das Gefühl ständiger tödlicher Bedrohung hat sich ihm vor langer Zeit eingebrannt.

Der Tag, der sein Leben in ein Davor und ein Danach geteilt hat, liegt schon mehr als zehn Jahre zurück. Es ist der 7. Juni 2003. Ein Selbstmordattentäter zündet eine Bombe neben einem Bus mit 33 Soldaten, die in Kabul auf dem Weg zum Flughafen sind, um nach Hause zu fliegen. Vier werden getötet, 29 verletzt. Es ist der bis dahin schwerste Anschlag auf die Bundeswehr im Ausland.

Oliver Hanke sagt, er hatte schon Tage zuvor geahnt, dass etwas geschehen würde. Er ist damals Personenschützer, seine Aufgabe ist es, Führungspersonen der Bundeswehr zu schützen. Er ist oft draußen, um mögliche Risiken zu erkennen. Er hat gesehen, dass ringsum die Läden schließen, dass kaum noch Leute auf der Straße sind. Er warnt seine Vorgesetzten. Aber die tun, als wolle er sich nur aufspielen.

Dann explodiert die Bombe. Er steht etwa fünf Kilometer weit entfernt, hinter dem Stabsgebäude an der Jalalabad Road.

Er muss warten, die Bergung dauert ihre Zeit. „Diese schlimme Anspannung. Zu wissen, der Anschlag kommt, dann kommt er. Die Wut, die Trauer. Das hat viel ausgelöst.“ Nach einer Stunde fährt er zum Anschlagsort.

Er hat kein Zeitgefühl mehr. Aber die Bilder sieht er bis heute vor sich. Es ist heiß. Die Luft riecht nach Dreck. Am Himmel kreist ein Helikopter. Auf der Straße liegen abgedeckte Leichenteile. Einer sitzt noch in dem Bus, der hat keinen Kopf mehr.

Hanke ist nicht der Einzige, der sagt, dass die Tat sich angekündigt hat. Im Sommer 2013 berichteten mehrere Medien, dass der Bundeswehrspitze Warnungen vorgelegen hatten. Das Verteidigungsministerium dagegen beharrte stets darauf, es habe keine Hinweise gegeben.

Oliver Hanke ist 45 Jahre alt, nicht sehr groß, mit rosigem Gesicht und eckiger Brille. Die Krankheit sieht man ihm nicht an. Aber um nur von einem Tag zum nächsten zu kommen, braucht er Medikamente. 300 Milligramm Valoron, 225 Milligramm Lyrica, 120 Milligramm Cymbalta. Schmerzmittel, Nervenbremser, Antidepressiva.

Der Physiotherapeut sagt, er hat zwei Jahre gebraucht, ehe Hankes Schmerzen auf ein erträgliches Maß gesunken waren: „Jede Therapiestunde war ein Kampf. Das war für mich auch nicht schön. Man rennt gegen eine Wand.“

Oliver Hanke hat sich auf die Bank in dem schmalen Praxisraum gelegt. Die Behandlung des Kiefers hat er hinter sich. Nun kommt der Rest des Körpers. „Der ganze Fleischanzug“, sagt der Therapeut, ein drahtiger, flinker Russe, der munter plaudert, während er die Ellenbogen in die Schultermuskeln seines Patienten stemmt. „Man geht nicht davon aus, dass ein Mensch so viel haben kann.“ Einmal hat Hanke selbst versucht, seine Verspannungen zu lösen. Er verdrehte sich, riss an sich. So fest, dass sein Magen ein Stück durch das Zwerchfell rutschte und nun nicht mehr richtig schließt. „Ich wollt halt kämpfen“, sagt er.

Er war 20 Jahre alt, als er zur Bundeswehr kam, erst als Zeit-, dann als Berufssoldat. Er wollte hinaus in die Welt, und als Personenschützer öffneten sich ihm Wege. Nato-Hauptquartier in Brüssel, Sarajevo, dann Kabul. Nach dem Anschlag fühlte er sich kaum unterstützt. „Danach wurde zur Tagesordnung übergegangen. Wir wurden allein gelassen.“ Im Team haben sie nie wieder darüber geredet.

Seine Zweifel an der Isaf-Mission wurden mit der Zeit immer stärker. Doch er machte weiter, als wäre nichts gewesen. 2004 flog er erneut nach Afghanistan, diesmal Kundus. 2005 wieder. Sein Trauma setzte sich fest, ohne dass er etwas ahnte.

Im März 2006 flog er nach Bayern zurück. Das war der Moment, in dem er plötzlich aufhörte, zu funktionieren. „Da war innerlich alles schwarz, absolute Leere. Da war nichts mehr, und ich hab Angst gekriegt, weil ich nichts mehr gefühlt habe.“

Seine Frau sagt, die Bundeswehr, das war sein Leben, das war immer so. Stephanie Hanke ist am frühen Nachmittag von der Arbeit gekommen, eine zierliche Frau, Verwaltungsangestellte, 37 Jahre alt. Sie hat die Brotzeit vorbereitet, mit ihrem Mann gegessen und den Tisch abgeräumt. „Er ist immer in Habachtstellung“, sagt sie. „Ich bin immer am Schauen, dass es keinen Stress gibt, und das ist unglaublich anstrengend.“ Ihre Stimme zittert, sie weint.

Manchmal tickt er aus, wenn einer im Weg steht

Er hat die Wut aus Kabul mitgebracht, die sucht sich nun ständig neue Ziele. Es passiert, dass er sie anschreit. Wenn sie nachts mal aufstehen muss, steht er plötzlich vor ihr, sprungbereit, in Panik.

Auch auf der Straße packt ihn hin und wieder die Wut. Es reicht manchmal schon, dass ihm einer im Weg steht. Seine Frau hält es vor Sorge kaum aus, wenn er allein ist. Was alles passieren kann. „Das Schwierigste ist, mit der Angst umzugehen, dass er irgendwann mal durchdreht da draußen. Der kann ja mit links jemand ausschalten.“

Oliver Hanke hat die Handgriffe nicht vergessen, auch wenn er schon lange nicht mehr trainiert. Seit sich der alte Tagesablauf aufgelöst hat, muss er sich eine ordnende Struktur geben. Er hangelt sich an seinen Terminen bei Psychologen und Therapeuten entlang. Die laugen ihn so aus, dass er sich hinlegen muss.

Eine Stunde später kommt er die Treppe herunter. Er setzt sich zu seiner Frau. In dem kleinen Wohnzimmer stehen helle Holzmöbel, an der Wand kleben Postkarten und Fotos. Gismo, der Hund, schläft auf dem Teppich.

■ Die Krankheit: Die posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, tritt bei Soldaten, Polizisten oder Feuerwehrleuten oft als verspätete Reaktion auf ein belastendes Ereignis auf, das außergewöhnlich bedrohlich ist. Auch nach Unfällen, Gewaltverbrechen oder schweren Krankheiten kann es zu PTBS kommen. Zu den Symptomen zählen Schlafstörungen, Angstzustände, Flashbacks oder starke Schreckreaktionen.

■ Die Zahlen: Laut einer vom Verteidigungsministerium finanzierten Studie erkranken zwischen zwei und drei Prozent der Soldaten nach einem Auslandseinsatz an PTBS. Die US-Regierung geht davon aus, dass bis zu 20 Prozent aller Rückkehrer aus Afghanistan und dem Irak an PTBS leiden. Seit 2002 waren rund 120.000 Bundeswehrsoldaten für die Isaf-Mission in Afghanistan. 2013 waren deutsche Soldaten in 22.000 Fällen im Auslandseinsatz, darunter auch Mehrfacheinsätze.

■ Die Therapie: Die Behandlung von PTBS stützt sich oft auf Tiefen- oder Verhaltenstherapien, kombiniert mit traumatherapeutischen Techniken. Dazu gehört etwa das „Eye Movement Desensitisation and Reprocessing“. Über Augenbewegungen werden Verarbeitungsprozesse im Gehirn angeregt. Studien zeigen, dass sich das PTBS-Risiko bei Verwundeten halbiert, wenn ihnen umgehend Morphium verabreicht wird.

■ Der Geschichte: Auch wenn die Psychologie den Begriff erst in den 1980er Jahren geprägt hat, die Symptome von PTBS sind länger bekannt. Im Ersten Weltkrieg wurden traumatisierte Soldaten als „Kriegszitterer“ bezeichnet. Während des Zweiten Weltkriegs war in den USA das Wort „War Fatigue“ – Kriegsmüdigkeit – üblich.

Er sagt, dass er nichts mehr von dem machen kann, was er einmal gern gemacht hat. Sport treiben sowieso nicht. Auch Kochen nicht. Ihm fehlt die Kraft. Die Sauna im Keller des Hauses kann er nicht mehr betreten. Bei Hitze kommen die Erinnerungen hoch. „Trigger“, sagen die Psychologen. Schlüsselreize. Hanke kann dann nicht mehr trennen zwischen den Bildern in seinem Kopf und der Situation vor ihm. „Das ist, als würde ich noch immer auf der Jalalabad Road in Kabul stehen.“

Es gibt viele Trigger. Die Sonne. Lärm. Rauch. Benzingeruch. Er lässt die Rollos herunter, sobald es draußen warm wird. Wenn seine Frau die Kerzen löscht, verlässt er vorher den Raum.

Wie viele Soldaten tatsächlich an Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, weiß niemand genau. Die Zahl der Bundeswehr, 1.143 Fälle im Jahr 2012, dürfte nur ein Bruchteil sein. Diejenigen, die in zivilen Einrichtungen therapiert werden, sind dabei nicht erfasst. Im November hat die Technische Universität Dresden zusammen mit dem Psychotraumazentrum des Bundeswehrkrankenhauses Berlin eine „Dunkelzifferstudie“ herausgegeben. Demnach tritt PTBS unter Soldaten zwar nicht so oft auf wie befürchtet. Zwischen zwei und drei Prozent der Einsatzsoldaten sind betroffen, das wären bei der Isaf-Mission im Schnitt 200 bis 300 pro Jahr. Die Studie ergab aber auch, dass fast jeder Vierte im Einsatz etwas Traumatisches erlebt. Und dass psychische Störungen in weniger als einem von fünf Fällen erkannt und behandelt werden.

Johannes Clair, zweiter Vorsitzender beim Bund Deutscher Veteranen, sagt, dass die offiziellen Zahlen nur bedingt aussagekräftig sind. „Dabei geht es ja nur um die behandelten Fälle. Und wenn ich die Dunkelzifferstudie als Referenz nehme, dann passt da etwas nicht zusammen.“

Zudem könne ein Trauma auch andere psychischen Probleme auslösen: Suchterkrankungen, Depressionen, Angststörungen. Die tauchen in der Statistik nicht auf.

Clair sagt, ein Soldat schwört einen Eid auf sein Land und verdient daher besondere Fürsorge. „Aber das ist noch viel zu wenig in den Köpfen drin. Die Politik könnte sich deutlich mehr positionieren und die Hürden für Betroffene niedriger machen.“

Oliver Hanke merkte im Lauf des Jahres 2007, dass seine Schmerzen immer schlimmer werden. Er dachte zunächst, es sei sein Rücken. Der Orthopäde schickte ihn zum Neurologen. Der sagte gleich: PTBS. Oliver Hanke dachte: „Ich hab doch keinen an der Klatsche.“

Der Arzt stellt nur eine schizoide Störung fest

Sein Sohn sagt, dass er es nicht mehr aushält. Dass er wegziehen muss, in eine andere Stadt. „Mein Vater war mein Held. Mein Leben lang wollte ich so cool sein wie er.“ David, 19 Jahre alt, stammt aus Hankes erster Ehe. Nach der Trennung seiner Eltern hatten sie ein paar Jahre kaum Kontakt. Dann zerstritt er sich mit der Mutter und zog zum Vater. Das ging nicht lange gut. Also nahm er sich eine Wohnung. Da war er 16. „Ich hab versucht, den Druck rauszunehmen, kein Problemkind zu sein.“ Inzwischen hat er depressive Schübe. Er sagt, er hatte früher Angst vor seinem Vater. Sie geraten oft aneinander. Brüllen sich an. David sagt, er reagiert selbst nun viel aggressiver als früher. „Es macht mich so wütend, dass es ist, wie es ist. Es kotzt mich tierisch an.“

Hanke ließ sich im Herbst 2007 ins Bundeswehrkrankenhaus Ulm einliefern. Er wusste noch nicht, dass ihm noch ein neuer Kampf bevorstehen würde, der Kampf um Anerkennung, um seine wirtschaftliche Existenz. Er sagt, der Psychiater habe ihm gesagt: „Es gibt gar kein PTBS.“ Der Arzt schreibt später in seinen Bericht, dass „kein Anhalt“ für eine PTBS-Diagnose festgestellt werden konnte. Stattdessen sei „ausgeprägter Narzissmus und eine zusätzliche schizoide Störung“ der Grund für seinen Zustand.

Hanke ist gesund nach Afghanistan geflogen. Er ist krank zurückgekehrt. Die Diagnose trifft ihn wie ein Schlag. Im Grunde sagt sie aus, dass sein Leiden nichts mit dem Einsatz zu tun hat, sondern sein Fehler ist.

Der Jurist Arnd Steinmeyer sagt, dass er viele Soldaten mit PTBS vertreten hat, die mit der Bundeswehr mühsam um jedes Detail ringen müssen. „Und es werden rapide mehr.“ Er ist einer der wenige Experten für Wehrdienstbeschädigungsverfahren. Er sagt, die Gesetze sind zwar 2011 verbessert worden. Nur hapert es an der Umsetzung. „Es ist ein Riesenproblem, die Strukturen aufzubrechen.“

Jeder traumatisierte Soldat muss seine Diagnose von einem Gutachter prüfen lassen. Der Anwalt wundert sich über die Berichte, die dabei herauskommen. „Manchmal wird so stumpf argumentiert, dass man gar nicht weiß, was man antworten soll.“ Oft liest er, dass die Probleme der Soldaten an Traumata in ihrer Kindheit liegen, nicht an ihren Kriegserfahrungen. „Die Frage ist, ob das nicht sehr günstige Gutachten für die Bundeswehr sind. Denn damit sind die Ansprüche abgelehnt.“

Peter Zimmermann leitet das Psychotraumazentrum der Bundeswehr in Berlin. Der Psychiater sagt, dass das Thema bei der Bundeswehr längst nicht mehr so tabuisiert ist wie früher. Es gebe Präventionsseminare vor und nach jedem Einsatz. „Aber die Dunkelzifferstudie hat uns gelehrt, dass das möglicherweise nicht ausreicht.“ Alles brauche seine Zeit. „Bei der Bundeswehr handelt es sich um einen Großkonzern. Es wäre zu viel erwartet, wenn man denkt, dass Veränderungen so schnell wie in einem mittelständischen Unternehmen gehen.“

Aber je länger Deutschlands Soldaten sich an internationalen Konflikten beteiligen, umso mehr kehren mit PTBS zurück. Der Afghanistaneinsatz endet am 28. Februar 2014. Für viele ist der Krieg damit nicht zu Ende.

Oft dauert es Jahre, bis die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung ausbrechen. Es kann sein, dass auf die Bundeswehr noch einiges zukommt. Zimmermann verhandelt gerade mit der Bundeswehrführung darüber, zusätzliche Tageskliniken einzurichten. „Wenn wir die haben, dann kriegen wir es hin“, sagt er. Wenn nicht, dann könnten die Bundeswehrkrankenhäuser an ihre Grenzen stoßen. Derzeit gibt es bundesweit 101 Betten für Soldaten mit psychiatrischen Krankheiten.

Oliver Hanke sagt, dass er sich jede Information selbst suchen musste. Er hat einen Ordner vor sich auf dem Tisch ausgebreitet, zieht Gutachten, Arztbriefe und Bescheide hervor. Im Frühjahr 2008 nahm er sich einen Anwalt. Er legte Widerspruch gegen die Diagnose aus Ulm ein und setzte durch, dass er sich in Hamburg erneut untersuchen lassen konnte. Seine Vorgesetzten bei der Bundeswehr unterstützten ihn, sonst wäre vielleicht alles noch ganz anders gelaufen. So aber erhielt er im Mai 2009 seine Diagnose: PTBS, einsatzbedingt.

Heute, sagt er, kämpfe er gegen sein Land

Damit aber war der Streit mit der Bundeswehr nicht zu Ende. Mal ging es um den Gutachter, der ihm zugewiesen werden sollte. Mal um die Höhe seiner Wehrdienstbeschädigung. Hanke ist zu 70 Prozent schwerbehindert. Die Bundeswehr will nur 60 Prozent anerkennen. Der Rest soll auf seine Scheidung vor rund zehn Jahren zurückzuführen sein. Seine Klage läuft noch: „Oliver Hanke gegen die Bundesrepublik Deutschland“. Er sagt, früher habe er für sein Land gekämpft. Heute kämpfe er gegen sein Land. „Früher waren die Taliban der Feind, der Aggressor da draußen. Und plötzlich ist der Feind im System.“

Das Verteidigungsministerium schreibt, dass die Fürsorge für psychisch einsatzgeschädigte Bundeswehrangehörige sehr ernst genommen werde. Ein Sprecher schickt die Antworten, drei DIN-A4-Seiten, auf denen aufgelistet ist, welche Hilfen es gibt, das Berliner Psychotraumazentrum etwa, das 2009 eröffnet hat, mit Forschungs- und Klinikabteilung. Die Bundesregierung hat 2011 einen PTBS-Beauftragten eingesetzt, als zentralen Ansprechpartner für Betroffene. Zudem gibt es das Psychosoziale Netzwerk aus Psychologen und Ärzten an den Einsatzorten. Doch derzeit ist in Afghanistan nur ein einziger Psychologe stationiert. Und noch mehr als 3.000 Soldaten.

Anders als bei körperlichen Schäden stellen sich psychiatrische Diagnosen oft nicht eindeutig dar, schreibt der Sprecher. „Um dem gesetzlichen Anspruch gerecht zu werden, müssen widersprüchliche Diagnosen seriös geklärt werden.“

Das Problem ist nur: Anträge ausfüllen, Fristen einhalten, Gesprächstermine, all das kostet Kraft, die den Kranken oft fehlt. „Was die uns aufzwingen“, sagt Oliver Hanke. Inzwischen hat er zwar die Einmalzahlung von 150.000 Euro erhalten, die ihm als Entschädigung zustand. Er muss sich das Geld gut einteilen. Noch ist er Soldat und erhält seine Bezüge, 2.400 Euro netto. Bald wird er als dienstunfähig entlassen. Er geht davon aus, dass er nach Abzügen noch eine Rente von 1.500 Euro zu erwarten hat. Er war zum Zeitpunkt seines Traumas noch Zeitsoldat, sonst wären seine Ansprüche erheblich höher. „Ich falle durch die Gitter.“

Seine Frau sagt, es sieht aus, als führen sie ein normales Leben. Aber dass die Fassade hält, liegt allein an ihr. Er sagt, wenn die Steffi nicht wäre, dann wär ich nicht mehr.

„Ich schaff es ja nicht mal, die Post zu lesen.“

„Wie du das so ruhig sagen kannst.“

„Ich lass das nicht mehr so an mich ran.“

Sie legt ihm jeden Morgen Zettel auf den Tisch, auf dem sie seine Termine schreibt. Er vergisst sonst alles.

Oliver Hanke sagt, dass er manchmal Angst hat, dass Steffis Liebe aufgebraucht ist.

Zweimal hat er versucht, sich umzubringen. Beim letzten Mal nahm er Tabletten. Das war vor zwei Jahren, nach einem Wutanfall vor dem Haus seiner Schwiegereltern. „Ich wollt’s der Steffi nicht mehr antun. Und ich wollt’s mir nicht mehr antun.“ Er schlief drei Tage. Aber er überlebte. Nur weiß er manchmal nicht mehr genau, wozu.

Seine Krankheit ist längst chronisch. „Es geht nicht mehr um Heilung. Sondern nur um die Frage, wie viele Schmerzmittel und Psychopharmaka ich brauche.“ Er hat versucht, Gitarre spielen zu lernen. Aber seine Konzentration reicht nicht. Die Gitarren, die er auf eBay ersteigert hat, bewahrt er in seinem Hobbyraum auf. Da hängen sie nun, an Zielscheiben mit menschlichen Umrissen.

Oliver Hanke sagt, dass er viel von seinem Hund gelernt hat. Die Dinge geschehen lassen. Den Tag nehmen, wie er kommt. „Wie schlimm klingt das denn? Ich orientiere mich an meinem Dackel-Terrier-Mix.“

Aber das, sagt er, sei eben das Schwerste für ihn. Den Dingen ihren Lauf zu lassen. Und endlich aufzuhören mit Kämpfen.

Gabriela M. Keller, 38, ist Reporterin der taz