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Der Radlobby fehlt der Schwung

Darauf ein Ständchen mit der Klingel: Der Radverkehr in Berlin ist zur WM um 25 Prozent gestiegen, sagt die Verkehrssenatorin. Denn Berlin hat nicht nur ein tolles ÖPNV-Netz, so Ingeborg Junge-Reyer, es ist eine „fahrradfreundliche Stadt“. Süffisant ergänzt sie: „Wenn jemand unbedingt mit dem Auto durch die Stadt muss, geht auch das.“

KOMMENTARVON CLAUDIUS PRÖSSER

Schön, wenn’s denn so wäre. Aber was ist eigentlich eine „fahrradfreundliche Stadt“? Eine Stadt, in der Radfahren von der motorisierten Mehrheit geduldet wird? Oder eine, in der Radfahrer als vollwertige Verkehrsteilnehmer ernst genommen werden? Diesen Zustand hat Berlin noch lange nicht erreicht.

Das hiesige Radwegenetz sei „nicht bahn-, sondern knochenbrechend“, befand im Jahr 2000 der damalige Neuberliner Jürgen Trittin. Seither wurde mancher Meter Radspur auf den Asphalt gepinselt. Aber so schnell, wie die vorhandene Infrastruktur verfällt, können die Bautrupps gar nicht arbeiten. Und während die Fahrt auf dem Radweg zum Slalom um Baumwurzeln und lose Zementplatten wird, ergeht es Straßenbenutzern wenig besser: Zwischen stehendem und fahrendem Blech werden sie – wo keine Markierung sie schützt – bedrängt und angehupt.

Mit hohlen Slogans wie der „fahrradfreundlichen Stadt“ hebt man keine Massen auf den Sattel – obwohl das für alle von Vorteil wäre. Kritische Stimmen werden derweil nicht mehr, sondern weniger: Vor ein paar Jahren noch forderte der ADFC, der Berliner Radverkehr benötige nicht fünf, sondern fünfzig Millionen Euro im Jahr. So etwas hat man schon länger nicht mehr gehört. Beflügelt von dem kleinen WM-Boom müssten sich Berlins Fahrradpolitiker mal wieder kräftig in die Pedale stellen. Vielleicht kommt da die Wahl im September ja ganz gelegen.

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