Herr Moser, die Erika und der WP-77s

SECOND HAND Seit 55 Jahre arbeitet Bernd Moser mit Schreibmaschinen. Früher wartete er Neugeräte, heute verkauft und repariert er Sammlerstücke. Auch klobige Schreibcomputer der ersten Generation warten in seinem kleinen Kreuzberger Laden auf Liebhaber

VON PAVEL LOKSHIN

Bernd Moser fasst sich gern kurz. Viele seiner Antworten bestehen nur aus einem Wort. Warum die kleine Erika im Holzkoffer 500 Euro kostet? „Alt.“ Und die da, ist die wirklich so teuer? „Sammlerstück.“ In der Kreuzberger Gneisenaustraße betreibt er einen Laden namens „Hans Joachim Arndt Büromaschinen, Inhaber Bernd Moser“. Arndt, das war der Besitzer der Firma, in der Moser 1958 seine Lehre begann. Als Schreibmaschinenmechaniker kurvte er für seinen Arbeitgeber Tag für Tag durch ganz Westberlin. Heute bewegt sich der Mann mit dem großen grauen Schnurrbart vor allem zwischen dem Verkaufsraum und der Werkstatt im Hinterzimmer.

Seit 55 Jahren ist er nun schon im Geschäft. „Irgendwann vor zwanzig Jahren“ hat er die Firma übernommen. Heute verkauft Moser Drucker, Faxgeräte und Papier – mit Schreibmaschinen allein ist kein Umsatz zu machen. Trotzdem ist der Laden voll davon: Sie stehen im Schaufenster, auf Mosers Schreibtisch neben dem PC, in Transportkästen. Vor- und Nachkriegsmodelle, Metall, Plastik, Remington, Erika, Olivetti. „Ich weiß gar nicht, wie viele ich hier habe,“ sagt Moser.

Stolz präsentiert er einen seiner Schreibcomputer, einen Brother WP-77s aus den späten Achtzigern. Das Gerät sieht aus wie ein überdimensionaler Tischdrucker mit Bildschirm, ausklappbarer Tastatur und Diskettenlaufwerk. Im Inneren steckt eine Typenrad-Schreibmaschine. Es rattert kurz im giftgrünen Gehäuse, auf dem monochromen Bildschirm leuchten Buchstaben auf. An den Neupreis kann sich Moser nicht genau erinnern. „Nicht unter 1.500 DM. Und das war günstig. Für einen PC musste man damals 4.000 DM hinlegen. Ohne Drucker.“ Heute kostet der Schreibtischkoloss 289 Euro.

Vintage-Elektronik

„Das ist ’ne Arbeit, ich kann Sie nur warnen“

MOSER ÜBER UMBAUIDEEN VON KUNDEN

Solche Vintage-Elektronik kaufen nur Sammler oder Menschen, die für ihre Altgeräte unbedingt Ersatz brauchen. Die Textdateien von damals kann kein aktueller PC lesen. Selbst Diskettenlaufwerke sind seit 10 Jahren verschwunden. Manchmal melden sich Produktionsfirmen bei Moser, wenn sie bei einem Dreh eine alte Schreibmaschine brauchen. Für den WP-77s hat sich noch keine interessiert.

Eine Kundin betritt den Laden, sie sucht nach einem Verlängerungskabel für ihr Telefon. „Hamwer nicht. Conrad, Hasenheide“, sagt Moser knapp. „Ich wollte doch den Laden supporten“, meint die Frau halb empört, halb entschuldigend. Als sie den Laden verlassen hat, sagt Moser, er könne ja nicht alles führen.

Wer weiß, wie lange er den Laden noch führt, da hat es keinen Sinn, das Lager vollzustopfen. Mosers 10-Jahres-Mietvertrag läuft in einem Jahr aus. Zu seinem Vermieter habe er ein gutes Verhältnis, aber der Preis könne trotzdem steigen. „Wird schon irgendwie funktionieren. Sonst reparieren wir auf der Straße!“ Moser lacht kurz auf.

Ein neuer Kunde kommt, er hat sich schon telefonisch angekündigt. Für ein Kunstprojekt sucht er eine geschlossene Schreibmaschine. eine, die hübsch aussieht und sich für einen komplizierten Umbau des Druckwerks eignet. Moser holt eine Schreibmaschine vom obersten Regalbord hinter der Theke: eine Rheinmetall GS aus der Nachkriegszeit, mattschwarzes Alugehäuse mit Kräusellack.

Das Schriftbild gefällt dem Künstler, aber: „Am liebsten hätte ich die Garamond, weltweit schönste Schrift.“ „Gibt’s nicht mehr“, sagt Moser. Was es gibt: elektrische Schreibmaschinen mit Kugelkopf, zum Beispiel. Eine tiefrote IBM Selectric steht im Schaufenster. Aber die will der Künstler gar nicht haben.

Er hängt immer noch an der Rheinmetall: „Gibt es davon Modelle, die umbaufreundlicher sind?“ Moser: „Nee. Stellen Sie sich das nicht so einfach vor, das ist Stahl.“ – „Ich weiß, es ist ein Albtraum, aber irgendwie geht’s immer“, gibt sich der Kunde optimistisch. Moser: „Das ist ’ne Arbeit, ich kann Sie nur warnen.“

Meist hat er mit Sammlern zu tun, die an derart extravaganten Tüfteleien kein Interesse haben. Sie wollen nur eine funktionierende Maschine. Moser selbst sammelt keine: „Wozu?“ In seinem Laden stehen ohnehin fünf Dutzend Geräte. Intakte Maschinen zum Verkauf, Kundengeräte, die auf ihre Reparatur warten. Das kann dauern, denn manche Ersatzteile müssen extra angefertigt werden. Moser lässt sich auch Zeit. Nicht selten dauert eine Reparatur drei Monate. Kein Problem für Sammler. Manchmal kommen auch jüngere Kunden – „so Mädels“ –, die bereit sind, für die Reparatur eines Erbstücks 100 Euro zu bezahlen.

Der Künstler hat sich in die unterste Preisklasse vorgearbeitet. Quelle und Neckermann, um die 50 Euro. Vor diesen Billigfabrikaten hat Moser wenig Respekt: „Blechmaschinen nannten wir die früher“. Die Typenhebel verbiegen sich schnell, weiß er: „Kein Stahl.“ Der Künstler hat genug gesehen. „Herr Moser“, bedankt er sich, „Sie sind ein Held!“ Moser verneint: „Ich bin bloß alt geworden.“ Der Künstler verlässt den Laden. Gekauft hat er nichts. Wird er es schaffen? Moser grinst: „Glaube ich nicht.“